Zwei Ländern, zwei Notfälle, zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen

von | Sep. 3, 2026

Anhoren

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Über das Gesundheitswesen mit all seinen Herausforderungen und Problemen zu schreiben, ist das eine. Im Notfall darauf angewiesen zu sein, etwas ganz anderes, hat unsere Chefredakteurin Julia Thiem nun am eigenen Leib erfahren. Das Interessante an zwei ganz persönlichen Erfahrungen ist der direkte Vergleich zwischen dem deutschen und dem dänischen System.  

 

An irgendeiner Stelle ist mein Social-Media-Algorithmus wohl falsch abgebogen. Zumindest wurden mir zahlreiche Videos zur Sonnen- und Mondfinsternis im August in den Feed gespült und der Tenor war überall gleich: Das ist eine intensive Zeit in der Alles – und definitiv nichts Gutes – passieren kann. Normalerweise bin ich kein Jünger derartiger Vorhersagen, ich kann aber empirisch berichten: Der August hatte es in sich, obwohl er eigentlich gut, nämlich mit einem lange geplanten Urlaub in Dänemark begann. Allerdings durfte ich mich direkt am zweiten Urlaubstag mit den Gepflogenheiten des dänischen Notfallsystems bekannt machen und ich muss sagen, ich bin begeistert. In Dänemark gibt es nämlich neben der 112 noch den ärztlichen Bereitschaftsdienst, den Lægevagt. Man erreicht ihn unter einer zentralen Nummer, beschreibt seinen medizinischen Notfall und wird weitervermittelt – in unserem Fall an das für die Region zuständige Krankenhaus.

Die Fahrt dahin war für deutsche Verhältnisse vermutlich eher lang, knapp 45 Minuten. Wie ich später im Gespräch mit dem dortigen Pflegepersonal erfuhr, ist die Klinik gerade groß erweitert worden, weil sie zum regionalen Versorgungszentrum aufgestiegen und mit den anderen kleineren Kliniken der Region verschmolzen wurde. Einige Erweiterungen war auch noch nicht ganz abgeschlossen.

Durchorganisierte Versorgung

Dennoch war es die etwas längere Anfahrt definitiv wert. Denn nach nicht einmal fünf Minuten im Wartebereich waren wir bereits im Behandlungsraum für eine erste Anamnese – schließlich hatte der Lægevagt abhängig von unserer Anfahrt im Vorfeld einen Termin vereinbart. Von dort aus wurde die weitere Diagnostik organisiert und wir in ein Einzelzimmer auf einer Art Zwischenstation verlegt – für noch nicht stationär aufgenommene Patienten. Das bot die nötige Privatsphäre für die weiteren Untersuchungen und auch eine angenehme Warteatmosphäre – wobei wir innerhalb von nur einer Stunde bereits drei Fachärzte gesehen sowie die Blutentnahme und ein EKG hinter uns gebracht hatten. Einzig auf ein CT mussten wir länger warten, weil zwei Verkehrsunfälle verständlicherweise vorgezogen wurden.

Was neben der exzellenten und extrem gut organisierten Versorgung außerdem positiv aufgefallen ist: Ein sehr freundliches, zuvorkommendes und gut gelauntes Krankenhauspersonal. Von den Pflegekräften über die Mediziner waren alle durchweg hilfsbereit. Zugegeben, das Duzen in Dänemark macht noch einmal einen Unterschied, und dennoch war die Stimmung eine andere als in den meisten deutschen Akutkliniken – wie ich knapp zwei Wochen später noch lernen sollte.

Gut organisiert sei alles auch deshalb, weil das Klinikum komplett digital arbeite, erklärte mir der Pfleger, der uns später zum CT begleitete. Tatsächlich haben die Dänen bereit 1999 ihre erste landesweite E-Health-Strategie verabschiedet. 2003 wurde dann das staatliche Gesundheitsportal sundhed.dk eingeführt, worüber nicht nur Patienten, sondern auch medizinische Fachpersonal Zugang zu sämtlichen Gesundheitsinformationen bekommt.

Ausgegangen ist der medizinische Notfall zum Glück auch positiv. Und auf dem Rückweg aus der Klinik fiel dann noch folgender Satz: Gott sei dank sind wir nicht nach Deutschland gefahren – was von der reinen Fahrstrecke tatsächlich ähnlich weit gewesen wäre.

Zwei Wochen später das Kontrastprogramm

Die Erfahrung, wie ein Notfall im ländlichen Raum in Deutschland verlaufen kann, habe ich dann knapp eine Woche nach unserer Rückkehr machen dürfen. Ein Sturz und dann relativ schnell die Erkenntnis, dass das Ergebnis dieses Unfalls einen Krankenwagen benötigt. Die durchaus freundlichen Sanitäter haben mich gefragt, in welche der drei in etwa gleichweit entfernten Kliniken ich denn möchte. Aus Mangel an Erfahrung mit allen drei Häusern, habe ich den Sanitätern die Auswahl überlassen. Es mache eh keinen wirklichen Unterschied, bestätigten mir beide und fuhren mich in ein Helios-Haus.

Die beiden Alternativen wären ein kommunales Krankenhaus sowie eines mit freigemeinnütziger Trägerschaft gewesen. Was alle drei gemein haben: Sie liegen relativ nahe beieinander, allerdings in ländlicher Region mit den damit einhergehenden Herausforderungen. Oder mit anderen Worten: Die Trägerschaft unter derartigen strukturellen Bedingungen ist relativ egal. Die Frage ist vermutlich eher die, ob alle drei Häuser auch weiterhin ihre Daseinsberechtigung haben oder ob das dänische Beispiel mit einem großen anstatt vieler kleinerer Häuser dann nicht doch die bessere Option ist.

Stress, Unfreundlichkeit, mangelnde Kommunikation

Ich für mich kann die Frage nach den beiden Erfahrungen relativ leicht beantworten. Denn abgestellt wurde ich von den Sanitätern zunächst im Flur der Notaufnahme in einem Metallrollstuhl. Im Gegensatz zu den Erfahrungen in Dänemark lief hier relativ unfreundliches, teils sogar harsches, sehr gestresstes Klinikpersonal über die Flure. Die Sanitäter wollten  unterwegs sogar anhalten und einen Notarzt hinzurufen, der mich medikamentös versorgt. Allerdings konnte ich ihnen versichern, dass ich es auch ohne Schmerzmittel bis in die Klinik schaffe. Dort hat sich dann allerdings knapp eine Stunde niemand für mich interessiert. Dann kam ein Arzt, drückte kurz auf meiner Schulter rum, um mich dann ins Röntgen zu schicken. Dort wurde ich – immer noch ohne Schmerzmittel – eher unsanft hin- und hergeschoben. Man hätte durchaus auch mit mir sprechen können, wie ich denn am besten stehen und liegen sollte für das Röntgen. Denn ansprechbar war ich, bestätigte auch der Arztbrief hinterher.

Nach dem Röntgen kam der Notfallmediziner dann noch einmal, drückte gezielt in meine Schulter und meinte: „Hier tut es weh, richtig?“ Richtig, die AC-Gelenksprengung war ja auch ohne Drucktest auf dem Röntgen gut zu sehen.

Nach zweieinhalb Stunden in der Klinik habe ich vorsichtig nach Schmerzmitteln gefragt, weil so eine Verletzung bei dem Schweregrad wirklich kein Spaziergang ist. Ich bekam einen Plastikbecher und eine Tablette. Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass es sich um Tilidin handeln würde. Dann sollte ich mit Orthese für den Arm entlassen werden. Wieder fragte ich nach Schmerzmittel, bekam einen Blister Novalgin, wo interessanterweise eine Tablette fehlte. Dies in Kombination mit den Schmerzen, die ich weiterhin hatte, lässt mich vermuten, dass ich in der Klinik auch Novalgin und kein Tilidin bekommen habe.

Gut organisiert ist anders

Dieses Detail ist deshalb wichtig, weil auch auf dem Entlassbrief die Medikation nicht vermerkt wurde. Mir wurde eine ambulante OP nahegelegt, wofür man mich die Tage telefonisch kontaktieren wollte. Der Schweregrad der AC-Gelenksprengung wurde ebenfalls nicht auf dem Entlassbrief vermerkt.

Operieren lassen habe ich mich – allerdings in einer anderen Klinik und bei einem Schulter-Spezialisten. Interessant wurde es allerdings noch einmal, als ich die Röntgenbilder aus der Notaufnahme für die Weiterbehandlung haben wollte. Die könne man mir nur faxen – als QR-Code und mit sämtlichen Zugangsdaten auf einer A4-Seite. Drei Fax-Versuche sind fehlgeschlagen und doch war das Haus nicht in der Lage, mir den QR-Code per E-Mail und die Zugangsdaten etwa telefonisch mitzuteilen. Ob meine Röntgenbilder per Fax irgendwo angekommen sind, werden wir vermutlich nie erfahren. Ich musste mich tatsächlich noch einmal physisch auf den Weg in die Klinik machen, um mir ein A4 Blatt mit den Zugangsdetails zum Helios-Bildportal abzuholen – was auch noch einmal ein Akt war, da die Unterlagen trotz morgendlichem Anruf am Abend natürlich nicht bereit lagen.

Die Quintessenz?

Ja, das sind nun zwei ganz individuelle Erlebnisberichte und ja, es kann auch mal schlecht laufen, die Menschen, auf die man trifft, einen schlechten Tag haben oder, oder, oder… Und doch sehe ich große Unterschiede zwischen dem deutschen und dem dänischen System, die aus meiner Sicht eben auch zu den großen Unterschieden in der Versorgungsqualität führen. Und die waren nicht subjektiv.

Was mir diese beiden sehr persönlichen Beispiele eindrucksvoll gezeigt haben: Es ist ok, einen weiteren Anfahrtsweg für eine bessere Versorgung in Kauf zu nehmen. Und durchgängig digitale Prozesse haben immensen Einfluss auf die Versorgungsqualität und damit auf das Erlebnis, das Patienten beim Kontakt mit dem Gesundheitswesen haben. Ich für meinen Teil, hoffe in erster Linie auf keine weiteren Notfälle – aber wenn, wäre ich bei nächsten Mal gerne wieder auf dänischer Seite.

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