Die aktuelle Diskussion über den Umgang mit syrischen Flüchtlingen rückt ein Thema wieder in den Fokus, für das das Gesundheitswesen langfristig Antworten finden muss: Zuwanderung.
Es ist eine skurril anmutende Diskussion, die die Innenminister der EU gestern geführt haben. Bereits wenige Tage nach dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad beraten sie, wie mit den zahlreichen Flüchtlingen am besten umgegangen werden soll. Der zuständige EU-Kommissar Magnus Brunner sagt, dass es noch zu früh sei, über Abschiebung zu sprechen, eine freiwillige Rückkehr nach Syrien aber gefördert werden solle. Der österreichische Innenminister Gerhard Karner möchte hingegen so schnell wie möglich mit den Vorbereitungen beginnen. Und obwohl die deutsche Amtskollegin Nancy Faeser ebenfalls eher gemäßigte Töne anschlägt, haben Deutschland wie Österreich die Bearbeitung offener Asylanträge bereits gestoppt.
Gleichzeitig sagte Faeser in Brüssel: „Wir haben eine Menge Ärzte aus Syrien in Deutschland. Sie können gerne auch in Deutschland bleiben und sind uns willkommen, solange sie die Gesetze achten und bei uns arbeiten.”
Gesundheitswesen braucht syrische Kollegen
Die Aussage „gerne bleiben können“ halten Vertreter aus dem Gesundheitswesen indes für untertrieben. Vielmehr warnen sie ausdrücklich davor, dass ohne die syrischen Fachkräfte gerade in ländlichen Regionen eine gravierende Versorgungslücke entstehen könnte. Gegenüber der Bild sagte beispielsweise der Präsident des Verbands leitender Krankenhausärztinnen und -ärzte Michael Weber: „In ländlichen Regionen halten syrische Ärztinnen und Ärzte die Versorgung in Krankenhäusern aufrecht, ohne sie wird es eng.“ Gleiches gilt für die Pflege.
Das Beispiel Syrien unterstreicht damit, dass mit Zuwanderung zwar Wahlkampf betrieben werden kann – das zeigt der Blick zu den österreichischen Nachbarn deutlich – diese kurzfristigen politischen Parolen allerdings von einem grundlegenden Problem ablenken: Gerade in ländlichen Regionen wird Gesundheitsversorgung ohne Zuwanderung kaum mehr möglich sein.
Statistik unterstreicht Abhängigkeit
Laut einer aktuellen Statistik der Bundesärztekammer aus Dezember vergangenen Jahres waren syrische Mediziner nach Rumänen und Russen die mit Abstand größte Gruppe ausländischer Ärzte im Land und knapp 5.000 von ihnen in Kliniken beschäftigt. Und eine Analyse des Mediendienstes Integration hat bereits vor fünf Jahren gezeigt, dass der Anteil neu eingestellter ausländischer Assistenzärzte in ländlichen Regionen bei 80 Prozent lag.
Abgesehen davon, dass die politische Lage in Syrien auch nach dem Sturz von Assad alles andere als eindeutig oder geschweige denn stabil ist, ergo Abschiebung für die betroffenen Menschen durchaus heikel werden könnte, brauchen wir einen konstruktiven, politisch weniger aufgeheizten Dialog beim Thema Zuwanderung.
Im April dieses Jahres hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ein Gutachten vorgestellt, das Aufzeigt, dass der Bedarf an Fachkräften im Gesundheitswesen in den nächsten zehn bis 15 Jahren kontinuierlich stärker zunehmen wird als Fachkräfte zur Verfügung stehen werden. Das Thema ist also nicht nur vor dem Hintergrund der bevorstehenden Neuwahlen in Deutschland hochaktuell, sondern erfordert langfristig Lösungen – gerade auch dann, wenn ein Großteil der im deutschen Gesundheitswesen arbeitenden Syrer in den kommenden Wochen und Monaten weitere Lücken hinterlassen werden.



