Zukunft in 3D: Länger leben wollen wir alle, aber ewig?

by | Jan 22, 2024

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin – Foto: Laurence Chaperon

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Der uralte Traum des ewigen Lebens rückt dank moderner Forschung in greifbare Nähe. Wobei die Betonung des neuen Trendworts „Longevity“ vor allem auf gesund und glücklich und eben nicht nur auf lang liegt, wie Zukunftsforscher Dr. Daniel Dettling erklärt.

 

Lässt sich das Altern aufhalten? Superstars wie Jeff Bezos und Peter Thiel aus dem Silicon Valley glauben fest daran. Dabei ist ihr Traum vom ewigen Leben uralt. Neu sind die Methoden und Finanzmittel, die in die Forschung fließen, um das Leben zu verlängern. Blutauffrischungen, Gentherapien und mRNA-Technik – das Ziel ist dasselbe: die Verlängerung des Lebens und die Verlangsamung des Alterns. Denn trotz zuletzt gestiegener Lebenserwartung leben wir immer ungesünder. Sind Altern und der Tod also heilbare Krankheiten? In jedem Fall ist „Longevity“ die neue Milliarden-Wette – nicht nur der Superreichen. Es lassen sich enorme Kosten sparen, wenn die Zeitspanne des Siechtums verringert werden könnte. Die Verlängerung um ein gesundes Lebensjahr würde allein 56 Milliarden US-Dollar einbringen, lauten Schätzungen für die USA.

Ein neuer Markt entsteht

Entsprechend entsteht ein neuer gigantischer Markt mit Milliardengewinnen für Unternehmen. Der aktuelle Börsenerfolg von Spritzen und Medikamenten gegen Übergewicht zeigt das enorme Potenzial der neuen Lifestyle- und Anti-Aging-Industrie. Der Markt ist die Weltbevölkerung mit ihren mehr als acht Milliarden Menschen. Zuletzt flossen mehr als fünf Milliarden US-Dollar Wagniskapital in die Longevity-Forschung. Ein Anstieg um mehr als das Zwanzigfache seit 2002. Bis 2030 soll sich der Gesamtmarkt im Vergleich zu heute fast verdoppeln – auf mehr als 44 Milliarden Dollar – auch, weil die weltweit steigende Lebenserwartung zum ökonomischen Gesundheitsproblem wird. In den letzten Lebensjahren sind die Ausgaben für die Gesundheitssysteme am größten. Multiple und chronische Krankheiten werden zum Sicherheitsrisiko für die immer knapper ausgestatteten Sozialkassen in den Ländern.

Deutschland: Einbuße von elf gesunden Jahren

Ziel von Longevity ist die Verlängerung der „health span“, also jener Lebensspanne, die Menschen bei guter Gesundheit verbringen. Ziel ist es, sie bis zum biologisch möglichen Maximum zu verlängern. Die Lücke zwischen Lebens- und Gesundheitsspanne wird laut Forschung auf etwa neun Jahre geschätzt. Die WHO schätzt für Deutschland, dass ein heute geborenes Kind nur gut 71 von 82 Lebensjahren gesund verbringen wird. Die Einbuße an gesunden Lebensjahren und damit Lebensqualität beträgt also elf Jahre. Es geht demnach um ein Umdenken in der Medizin und in unserem Verhalten. Stand in der Vergangenheit in der Regel die kurative Behandlung von lebenseinschränkenden Krankheiten im Fokus, gewinnen Maßnahmen und Methoden an Bedeutung, die unsere Lebensdauer verlängern.

Blue Zones: Wo Longevity lebt

Regionen, in denen heute bereits Menschen überdurchschnittlich lange leben, werden „blue zones“ genannt. Gemeint sind Orte, an denen Menschen ohne gesundheitliche Probleme wie Herzkrankheiten, Fettleibigkeit, Krebs oder Diabetes alt werden. Wissenschaftler fanden heraus, dass die Menschen in den blue zones viel Gemüse und Soja essen, wenig Alkohol trinken, sich moderat bewegten, ein hohes Maß an sozialen Kontakten und Zugang zu moderner medizinischer Versorgung haben. Global gibt es nur fünf dieser blue zones: Ikaria (Griechenland), Okinawa (Japan), Ogliastra (Sardinien), Loma Linda (Kalifornien) und Nicoya (Costa Rica).

Die Zukunft liegt darin, einen möglichst ausgewogenen Mix aus traditionellen und neuen Möglichkeiten zu finden, der die gesunde Lebenszeit verlängert. Noch fehlt es jedoch an Vertrauen gegenüber innovativen Methoden wie etwa der Stammzellentherapie. Unternehmen und Forscher weltweit wollen in Zukunft vor allem acht Merkmale des Alterns beeinflussen: Erhaltung von Chromosomen, epigenetische Veränderungen, Stoffwechsel-Regulation, Stammzellen-Funktionen, Zellalterung, Entzündungen und Immunität sowie die Mitochondrien-Qualität. Bei Tieren führte die gezielte Beeinflussung dieser Merkmale im Laborversuch zu einer Verlängerung der Lebensdauer und Lebenserwartung.

Longevity und der vitale Imperativ

„Longevity“ betrifft neben der Herausforderung, das Leben, respektive die Lebensqualität zu verlängern („longus“) auch die Frage nach dem guten Leben („vita“): Wie ist gesundes Altern möglich? Der Begriff „Vitalität“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „zum Leben gehörig, Leben enthaltend“. Unser Lebensstil ist es, der unsere Gesundheit zu 70 Prozent beeinflusst, während unsere Gene nur 30 Prozent ausmachen. Wir haben es überwiegend selbst in der Hand, wie gesund wir altern.

Die durchschnittliche Vitalität steigt in der zweiten Lebenshälfte, zeigen etliche Studien. Vitalität besteht darin, uns auf so die Welt einzulassen, dass wir sie ändern können, von innen wie von außen. Gesundheit ist für uns das Mittel der Vitalität. Immer mehr Krankheiten hängen mit dem Lebensstil zusammen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Es sind vor allem sieben Lebensstilfaktoren, auf die es ankommt: gesundes Essen, stabiles Körpergewicht, regelmäßiger Sport, soziale Kontakte, mentale Gesundheit, wenig Alkohol und kein Tabak. Einer Studie der Harvard T.H. Chan School of Public Health zufolge bringen positive Veränderungen im Hinblick auf diese Faktoren einer 50-jährigen Frau bereits heute 14 Jahre mehr Lebenszeit, einem 50-jährigen Mann immerhin zwölf weitere Jahre. Es geht darum, altersbedingte Krankheiten zu vermeiden und nicht 150 Jahre oder älter zu werden.

Der wahre Luxus

Der Traum vom langen Leben betrifft uns alle, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Es geht um einen Politik- und Mentalitätswechsel von einer alternden hin zu einer altersfreundlichen Gesellschaft des langen und gesunden Lebens. Das stellt Rentensysteme, Infrastruktur und die Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts vor neue Herausforderungen. Das Spielfeld hierfür findet sich vor allem in den Städte. Langlebigkeit und Lebensmüdigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. König sumerische Gilgamesch war bereits 2.600 Jahre vor Christus auf der Suche nach der Unsterblichkeit. Am Ende verzichtete er, so die Erzählung, auf Unsterblichkeit und fand den wahren Luxus in einem glücklichen Leben. Und auch wir bestimmen, ob und wie wir sehr alt werden, um uns möglichst lange jung zu fühlen.

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