Zukunft in 3D: Gesundheitsversorgung präventiv und digital

by | Feb 26, 2024

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin – Foto: Laurence Chaperon

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Ist es nur ein frommer Wunsch unseres Gastautors Dr. Daniel Dettling, dass 2024 als Digitaljahr in die Geschichte eingeht oder gibt es durchaus Anlass zur Hoffnung? In jedem Fall wurde in den ersten Monaten bereits einiges angeschoben – auch wenn noch viel zu tun bleibt.

 

Ein Wunsch an das noch neue Jahr: 2024 geht als Zäsur in die Geschichte der digitalen Gesundheitsversorgung ein! Das deutsche Gesundheitssystem krankt an Effizienz und Effektivität. Es braucht mehr Digitalisierung, um Mehrfachdiagnosen und Mehrfachbehandlungen zu vermeiden und um das Stadt-Land-Gefälle zu überbrücken. In den Metropolregionen gibt es vielfach eine Über-, auf dem Land dagegen zunehmend eine Unterversorgung im Gesundheitswesen. Demografie und digitale Daten sind die Treiber nicht nur für das deutsche Gesundheitswesen. Eine kluge Strategie der Dezentralisierung und Stärkung der Kommunen ist die Antwort.

Megatrends als Treiber

Megatrends wie Demografie, New Work, Digitalisierung und Individualisierung sind die maßgeblichen Treiber der zukünftigen Gesundheitsversorgung. Heute managen wir Krankheit statt Gesundheit. In Zukunft geht es um ein Gesundheitssystem, das funktioniert, auch bevor wir krank werden. „4 P“ werden die Gesundheitswelt von morgen prägen: Personalisierung und Patientenorientierung, Prävention und Public Health. Herausforderungen wie Klimawandel und Nachhaltigkeit verändern die Gesundheitswelt. Es geht um Patientenorientierung und Gesunderhaltung und damit um Produktivitätssteigerung für mehr Lebensqualität. Zu den größten Herausforderungen zählt die Kluft zwischen steigendem Versorgungsbedarf, Fachkräftemangel und begrenzten finanziellen Ressourcen. Die neuen Digital- und Datennutzungsgesetze sind der Startschuss für einen Wettbewerb um die besten Lösungen. Immer mehr Bundesländer machen sich auf den Weg in eine bessere digitale Zukunft.

Herausforderung Demografie

2035 fehlen bundesweit rund 11.000 Hausärztinnen und Hausärzte. Dies wird vor allem den ländlichen Raum treffen. Schon heute sind unbesetzte Hausarztsitze vor allem in den ländlich geprägten Regionen abseits der Großstädte und Mittelzentren zu finden. Die Vermeidung von Versorgungslücken und -engpässen wird in den nächsten Jahren zu einem Schwerpunkt in der Politik.

Personalisierung und Patientendemokratie. Medizin wird innerhalb der nächsten Generation zur präzisen und datenbasierten „Wissenschaft der Individualität“ (Eric Topol, Kardiologe und Autor). Zu den Treibern werden der demografische, der gesellschaftliche und der digitale Wandel gehören. Die Gesundheitswelt wird gleichberechtigt, individualisiert und altersübergreifend. Patientenorientierung wird zum neuen Leitbild. Lebensqualität und ein gesundes und langes Leben werden wichtiger. Digitale Werkzeuge wie Assistenzsysteme und Apps unterstützen die Patientinnen und Patienten in ihrer Selbständigkeit und fördern ihre Autonomie. In Zukunft wird die Pflege in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Game Changer Digitalisierung

Die Coronakrise hat gezeigt: Die Förderung der öffentlichen Gesundheit (Public Health) steht ganz oben auf der Agenda. Prävention und Public Health sind zwei Seiten derselben Medaille. Das eigene Wohlbefinden und das Wohlergehen des gesamten Planeten lassen sich nicht mehr voneinander trennen. Gesundheit wird lokal und digital. Digital Health wird für die Jüngeren zum neuen Normal. Die Kliniken werden zum Cockpit und bieten individuelle Präzisionsmedizin für ihre Patienten an. Die einen kennen die Daten, die anderen teilen sie den Patientinnen und Patienten mit und verabreichen die Therapie. Eine exzellente digitale Ausstattung wird zur Voraussetzung für ein modernes patientenorientiertes Gesundheitssystem. In Zukunft werden Krankenhäuser in Echtzeit kommunizieren, sowohl intern als auch mit anderen Krankenhäusern und dem ambulanten Sektor.

In Zukunft werden für die Aufrechterhaltung einer bedarfsgerechten und leistungsfähigen medizinischen Versorgung Kooperationen der Ärzteschaft, die Nutzung von Delegationsmöglichkeiten und Heilkundeübertragungen sowie die sektorenübergreifende Zusammenarbeit wichtiger. Die Digitalisierung und die Förderung telemedizinischer Anwendungen entlasten Ärztinnen und Ärzte und andere Gesundheitsberufe, so dass diese sich – mit Unterstützung der Technik – mehr auf ihre eigentliche Tätigkeit fokussieren können.

Dezentralisierung: Gesundheit für Alle

Eine neue Studie des Vereins Gesundheitsstadt Berlin unterstreicht: Zu den Erfolgsfaktoren für die Attraktivität des ländlichen Raums gehört eine wohnortnahe medizinische Versorgung. Ziel ist es, die Versorgung in strukturschwachen Regionen möglichst passgenau zu gestalten. „Gesundheit für alle“ wird zur neuen sozialen Frage. In dem Maße, in dem die Eigenverantwortung des Einzelnen für sein persönliches körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden wächst, wächst auch die Nachfrage nach einem Versorgungssystem, das die Gesundheit der Gesellschaft als Ganzes im Blick hat. Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung braucht weniger Fehlsteuerung und mehr Freiheit und Flexibilität: Primärversorgungszentren und Telemedizin gehören zu den Antworten auf unterversorgte ländliche Regionen. Kommunale Medizinische Versorgungszentren, in denen Ärztinnen und Ärzte meist im Angestelltenverhältnis arbeiten, und sektorenübergreifend arbeitende Krankenhäuser brauchen ein Zusammenspiel von Bund, Ländern, Ärztekammern, Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen.

Lösungen aus den Ländern

Immer mehr Bundesländer fördern vielfältige Maßnahmen, um den Herausforderungen der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum zu begegnen. Ein Beispiel ist das Virtuelle Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen. In Regionen ohne ausreichende Versorgung mit Krankenhäusern und Fachärzten soll es als Ergänzung zur persönlichen ärztlichen Versorgung dienen. Baden-Württemberg setzt mit einer Gesundheitscloud bundesweit Maßstäbe für die zukunftsorientierte Weiterentwicklung einer zunehmend digitalen und individualisierten Gesundheitsversorgung. Nutzen verspricht die Plattform dabei insbesondere durch die Bereitstellung dringend benötigter Digitalisierungsressourcen für Forschung, Versorgung und Translation. Gesundheitsdaten, IT-Schnittstellen, Applikationen und Prozesse werden standardisiert und den Akteuren im Gesundheitswesen zugänglich gemacht. Auch Bayern hat im Dezember 2023 das „Virtuelle Kinderkrankenhaus“ gestartet und eine Highmed-Agenda verabschiedet. Für die Pflege plant der Freistaat analog eine Highcare-Agenda, um auch die Pflege bestmöglich für die digitale Zukunft aufzustellen. Brandenburg, das im Bundesvergleich die geringste Arztdichte aufweist, setzt auf seine gute Anbindung an die innovative und moderne Gesundheitsmedizin in Berlin und die neue Universitätsmedizin Cottbus in der Modellregion Gesundheit Lausitz. Hier werden die einzelnen Anbieter digital verknüpft, um ein Netzwerk für Forschung, Lehre- und Versorgung aufzubauen.

Präventiv und digital vor ambulant und stationär

Die digitale Transformation des deutschen Gesundheitswesens braucht vor allem einen Mentalitätswechsel: „Präventiv und digital vor ambulant und stationär“ (Manfred Lucha, Gesundheitsminister von Baden-Württemberg). Digitale Anwendungen, Plattformen und Lösungen stehen für eine flächendeckende, effiziente sowie patientenzentrierte Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, in den Großstädten und Ballungsgebieten. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist gekommen, um zu bleiben. Fast 100 Prozent der Apotheken und Arztpraxen sind heute in Deutschland an die Telematikinfrastruktur angebunden. Mein Wunsch wird Wirklichkeit.

 

 

Die zitierte Trendstudie „Digitale Lösungen aus den Bundesländern. Antworten auf den demografischen Wandel und den Ärztemangel im ländlichen Raum“ erscheint am 29.02.2024 und ist online abrufbar.

 

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin, einem gemeinnützigen Verein und Netzwerk für die Hauptstadtregion. Sein aktuelles Buch: „Eine bessere Zukunft ist möglich. Ideen für die Welt von morgen“ (Kösel-Verlag).

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