Usability und Praxisverwaltungssysteme scheinen derzeit zwei Schlagwörter, die noch nicht so recht zusammenpassen wollen, zeigt eine wissenschaftliche Studie des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung.
Softwarefehler stören den Praxisablauf mehrmals pro Woche. Das berichtet fast die Hälfte der Befragten einer bundeweiten, vom Zentralinstitut der kassenärztlichen Versorgung (Zi) durchgeführten Umfrage im Mai 2024. Oftmals sind elementare Funktionen nach Softwareupdates betroffen oder die Funktionalitäten der TI können nicht fehlerfrei genutzt werden. Auf Grundlage dieser Umfrageergebnisse hat das Zi heute eine wissenschaftliche Studie publiziert, in der die PVS im Hinblick auf Usability und Zufriedenheit der Anwendenden belastbar gemessen wurden. Dazu sind im März und April 2024 bundesweit Ärzte und Psychotherapeuten sowie deren Mitarbeitenden in einem querschnittlichen Online-Survey befragt worden.
Anhand von 10.245 Bewertungen hat das Zi die Gültigkeit und Messzuverlässigkeit international etablierter Vergleichsskalen analysiert. Untersucht wurden der System-Usability-Scale (SUS, misst die Usability) und der Net-Promoter-Score (NPS, misst die Nutzerzufriedenheit). Zusätzlich wurde überprüft, welche Faktoren die Usability, die Nutzerzufriedenheit sowie die Bereitschaft zum PVS-Wechsel statistisch vorhersagen können. Es wurde ebenfalls analysiert, inwieweit die Nutzerzufriedenheit mit der individuell eingeschätzten Usability, mit einem PVS-Wechsel sowie mit der durchschnittlich von anderen eingeschätzten Usability des neuen PVS statistisch zusammenhängt.
Große Unterschiede zwischen den Lösungen
Dabei wurden große Unterschiede zwischen den einzelnen PVS gefunden. Eine größere Anzahl von Fehlersituationen und höhere Fehlerhäufigkeiten gehen statistisch mit einer geringer eingeschätzten Usability und einer geringeren Nutzerzufriedenheit einher. Zudem sind diese mit einer höheren Bereitschaft zum PVS-Wechsel assoziiert. Die Nutzerzufriedenheit ist zudem umso höher, je höher die individuell eingeschätzte Usability eines PVS ist. Auch ein kürzlich erfolgter PVS-Wechsel hängt mit einer höheren Nutzerzufriedenheit zusammen. Dies umso mehr, wenn der Wechsel zu einem PVS mit auch von anderen im Durchschnitt höher bewerteten Usability stattgefunden hat.
„Die Usability von PVS kann nicht nur die Berufszufriedenheit maßgeblich beeinflussen, sondern auch, wie schnell und weitreichend TI-Anwendungen in den Praxen ankommen und in der medizinischen Versorgung genutzt werden können“, attestiert Dr. Dominik von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zi. Häufige Funktionseinschränkungen würden hingegen die Abläufe in der medizinischen Versorgung empfindlich stören und die Qualität der Patientenversorgung beeinträchtigen. Sein Vorschlag lautet daher, dass regelmäßig Daten zur PVS-Usability erhoben und transparent veröffentlicht werden sollten, um herstellerseitige Verbesserungen sowie nutzerseitige Wechsel des PVS zu unterstützen. Diese könnten künftig sogar durch standardisierte Performance-Messungen in Praxen ergänzt werden, um zusätzliche Informationen zur Komplexität und Bearbeitungsdauer standardisierter Vorgänge zu erhalten, denkt man beim Zi weiter.
„Klar ist: Wer die Digitalisierung des Gesundheitswesens beschleunigen will, muss die Verbreitung leistungsfähiger PVS fördern“, führt von Stillfried weiter aus. Ein Wechsel der Praxissoftware koste aber viel Zeit und damit auch Geld. Sämtliche Behandlungsdaten müssen transferiert werden, das Praxisteam muss umgelernt werden. Aber auch Prozesse müssen neu definiert werden, unter Umständen neue Technik installiert und das Zusammenspiel mit externem Support eingeübt werden. Zudem muss in der Wechselphase oft auch die Versorgung der Patienten eingeschränkt werden. „Auf diesem Aufwand bleiben die Praxen derzeit alleine sitzen“, sagt von Stillfried.
Zu allem Überfluss würde gesetzliche Regelungen derzeit Sanktionen für Praxen vorsehen, wenn TI-Anwendungen nicht umgesetzt werden. „Umfragen in Praxen legen nahe, dass die Frustration durch die Kombination von dysfunktionaler Software und Bestrafung in Kombination mit Fachkräftemangel die Sicherstellung der medizinischen Versorgung gefährden kann“, glaubt der Zi-Chef. Besser wäre es daher, den Wechsel zu einer leistungsfähigen Lösung finanziell zu belohnen. „Erfahrungen im Ausland zeigen, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens schneller gelingt, wenn der Einsatz von Software mit nachweislich besserer Funktionalität, respektive einem besseren Service gefördert wird“, schließt von Stillfried ab.



