„Wirklich extreme Long-Covid-Fälle sind zum Glück selten“

by | Jan 16, 2024

Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz ist Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.

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Long-Covid hält sich in der Medizin, der Politik und den Medien hartnäckig. Im klinischen Alltag spielt es jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle, meint hingegen Prof. Christoph Kleinschnitz vom Universitätsklinikum Essen.

 

Prof. Kleinschnitz, aktuell macht eine neue Studie aus Amsterdam die Runde, die eine mögliche Ursache für Long-Covid-Erkrankungen gefunden haben will. Sie stehen solchen „Durchbrüchen“ skeptisch gegenüber. Für wie relevant halten Sie die Krankheit derzeit überhaupt noch?

Leider verhält es sich in der jetzigen Diskussion um Long-Covid ähnlich wie bei der Pandemie: Wir haben es sehr vereinfacht und plakativ ausgedrückt mit den zwei Lagern von Verharmlosern und Panikmachern zu tun, die sich in der Medizin, der Politik aber auch in den Medien finden. Mit Blick auf Long-Covid wird nach wie vor kolportiert, dass die Inzidenz, also die Häufigkeit, sehr hoch sei. Anfangs war die Rede von 30 bis 50 Prozent, dann hielt sich die Größenordnung von zehn Prozent Long-Covid-Betroffener lange recht hartnäckig. Mittlerweile müssen aber selbst diese Zahlen auch aufgrund neuer Studien deutlich nach unten korrigiert werden.

Sie haben in Essen eine große Long-Covid-Ambulanz. Aus der klinischen Erfahrung, in welcher Größenordnung liegen die Inzidenzen tatsächlich?

Seitdem die Omikron-Variante aufgetaucht ist, deutlich unter einem Prozent, nach dem, was wir hier an Patienten sehen.

Solche vergleichsweise geringen Fallzahlen sind vor allem deshalb interessant, weil erst im November letzten Jahres 180 Millionen Fördergelder für die Long-Covid-Forschung von der Bundesregierung bewilligt wurden. Da drängt sich die Frage auf: Wäre dieses Geld nicht in anderen Bereichen besser angelegt?

Würden wir in einer idealen Welt ohne knappe Ressourcen leben, wären auch solche Forschungsvorhaben wünschenswert. In einer Welt mit begrenzten Mitteln, in der wir nun aber einmal leben, müsste aus meiner Sicht tatsächlich anders priorisiert werden – gerade weil die Forschungsmittel im Rahmen der neu auferlegten Sparprogramme insgesamt nach unten gehen werden. Ich glaube, man würde mit Blick auf Long-Covid besser fahren, die Psychosomatik und die Psychotherapie zu stärken, um die Betroffenen gut zu versorgen, anstatt sehr viel Geld in die Grundlagenforschung zu stecken.

Höre ich da heraus, dass es aus Ihrer Sicht keine somatischen Ursachen für Long-Covid gibt?

Während der Pandemie war die Symptomzuordnung noch völlig diffus und unspezifisch. Man wusste damals und weiß bis heute noch nicht wirklich genau, worüber man spricht. Die Studienlage war damals schlecht und alle möglichen Symptome wurden unter Long-Covid subsumiert. Was mir an dieser Stelle wichtig ist: Niemand hat bestritten – und das tue ich auch heute nicht – dass man nach einer Virusinfektion, egal ob Covid, Influenza oder FSME, für mehrere Wochen und sogar Monate „durchhängen“ kann. Bei Long-Covid reden wir aber von Patienten, die ein Jahr und länger chronisch bettlägerig sind, nicht mehr arbeiten können und auch in der Familie nicht mehr funktionieren. Und solche extremen Fälle waren und sind zum Glück selten und die sind dann auch nicht mehr mit einer Infektion zu erklären.

Diese wirklichen Extremfälle gehen dann auf psychosomatische Störungen zurück?

Auf funktionelle und psychosomatische Störungen, Depressionen oder Angststörungen, die sich darüber gelegt haben, genau. Hier appelliere ich allerdings auch an die Kolleginnen und Kollegen, genau hinzuschauen, da wir bei zehn bis 15 Prozent der vermeintlichen Long-Covid-Fälle am Ende ganz andere Erkrankungen finden – beispielsweise eine Multiple Sklerose, Polyneuropathie, Hirnhautentzündungen oder chronische Migräne. Alle Symptome nur auf die Psyche zu schieben, ist also ebenfalls zu kurz gedacht und die Organ-Diagnostik trotz allem essenziell.

Kommen wir einmal auf die neue Studie aus den Niederlanden, die medial gerade für Aufmerksamkeit sorgt. Dort wurden biologische Veränderungen in den Muskelzellen als Grund für die Beschwerden identifiziert. Was genau kritisieren Sie am Studiendesign und den Ergebnissen?

Es ist bereits seit langem bekannt und wissenschaftlich beschrieben, dass sich in der Muskulatur sehr schnell eine sogenannte Inaktivitätsatrophie entwickeln kann. Vereinfacht ausgedrückt führt ein Bewegungsmangel zu einer mitochondrialen Dysfunktion. Und genau die wurde in der genannten Studie jetzt erneut nachgewiesen. Hier die Verbindung zu einer vorangegangenen Corona-Infektion zu ziehen, halte ich bei dem Studienaufbau für gewagt. Man kann schlicht Long-Covid-Patienten, die sechs Monate und länger deutlich inaktiver waren, nicht mit jungen gesunden Menschen vergleichen. Wenn überhaupt hätte man für den Vergleich ebenso inaktive Probanden auswählen müssen – aber eben ohne vorangegangene Corona-Infektion. Zudem war über die Hälfte der Studienteilnehmer männlich, obwohl Frauen deutlich häufiger von Long-Covid betroffen sind. Und es wurden auch keine muskulären Vorerkrankungen ausgeschlossen. Kurz: Ich halte die Ergebnisse für nicht sehr aussagekräftig.

Sie haben selbst zu Long-Covid geforscht. Welche Erkenntnisse können Sie aus Ihren Daten ziehen?

Unsere Daten zeigen – und das sind ja tatsächlich gute Nachrichten – dass es keine schwerwiegenden Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems oder der Muskulatur nach einer Covid-Erkrankung gibt. Wir sehen keine Veränderungen im Kernspintomogramm oder in der Zusatzdiagnostik und konnten das Virus auch nie in der Liquorpunktion nachweisen. Auch haben wir bisher keine Veränderungen im Cortisolspiegel gesehen, wie es eine kürzlich in Nature erschienene Arbeit vermuten ließ. Auch die Kollegen aus Amsterdam konnten in ihrer Studie keine solchen Veränderungen beim Cortisol nachweisen. Allerdings haben sie diese Erkenntnis tief im Anhang der Arbeit versteckt.  

So positiv die bisherigen Ergebnisse sind, dass die Corona-Pandemie keine organischen Spätfolgen in der Allgemeinbevölkerung hinterlässt, so wenig befriedigend kann eine solche Nachricht für die wenigen betroffenen Patienten sein…

Völlig richtig, deshalb habe ich eingangs gesagt: Wir tun gut daran, die Psychosomatik und die Psychotherapie zu stärken, um die Betroffenen gut zu versorgen.

 

Hintergrund zur Studie aus den Niederlanden 

In der in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichten Studie aus den Niederlanden werden biologische Veränderungen in den Muskelzellen als Grund für Long-Covid-Beschwerden identifiziert. Unter der Leitung von Studienautor Brent Appelman untersuchte das Forschungsteam insgesamt 25 Menschen, die unter Long Covid leiden sowie 21 gesunde Menschen als Kontrollgruppe.

 

Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz ist Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. Nach seiner Promotion 2001 arbeitete er mehrere Jahre an der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg und qualifizierte sich 2007 als neurologischer Facharzt. 2009 übernahm er dort die Leitung der Stroke Unit und der Ambulanz, in der Schlaganfälle und Erkrankungen hirnversorgender Gefäße behandelt werden. Ab 2010 leitete er zudem die Klinische Forschungsgruppe für MS und Neuroimmunologie. Bevor er ans UK Essen kam, war er Professor und geschäftsführender Oberarzt an der Uniklinik Würzburg. Seine wegweisende Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet.

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