„Wir wollen helfen, dass mehr informierte, sichere und mündige Entscheidungen getroffen werden“

von | Aug. 3, 2026

Anhoren

Teilen

 

Mit Gatch.com hat Prof. Tienush Rassaf, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum Essen, als Mitgründer eine Health-Decision-Plattform ins Leben gerufen, die komplexe medizinische Leitlinien für Patientinnen und Patienten übersetzen und sie so deutlich besser auf die Sprechstunden vorbereiten soll. Im Interview erklärt er, warum das deutsche Gesundheitswesen genau diesen Guided Access To Credible Health braucht.

 

 

Herr Prof. Rassaf, gatch.com ist ganz frisch gestartet. Dahinter verbirgt sich eine Plattform, die Patienten in wenigen Minuten medizinische Leitlinien erklären will. Was ist die Motivation, gatch.com jetzt an den Start zu bringen?

Wir haben in Deutschland ein strukturelles Zeitproblem in der medizinischen Versorgung. Das gilt für die Hausärzte genauso wie für uns Kardiologen, für die Praxis genauso wie für die Klinikambulanz. In einem typischen Sprechstundentermin bleiben oft nur wenige Minuten für das eigentliche Gespräch. Das reicht meistens, um eine Diagnose zu erklären und eine Therapie zu beginnen. Es reicht in der Regel aber nicht, um alle Fragen zu klären, die Menschen zu ihrer Behandlung haben – und die sie zu Recht haben. Auch in meiner eigenen Sprechstunde spüre ich diesen Zeitdruck. Und ich beobachte etwas, das mir zu denken gibt: Patientinnen und Patienten stellen mir Fragen, die sie sich vorher nicht getraut haben zu stellen oder für die im vorangegangenen Gespräch keine Zeit war. Häufig sagen sie: „Da war keine Zeit mehr” oder „Ich wollte nicht drängen”. Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden – das ist Ausdruck eines Systems, das schneller geworden ist, als seine eigenen Bedürfnisse erlauben.

Und mit gatch.com wollen Sie diese Lücke schließen?

Diese Lücke wird zunehmend von Menschen gefüllt, die dafür fachlich nicht qualifiziert sind. In den sozialen Medien wird heute massiv über medizinische Themen gesprochen – von Influencerinnen und Influencern ohne medizinische Ausbildung. Eine aktuelle Studie unserer Universität Duisburg-Essen aus diesem Jahr hat auf TikTok Videos zu psychischer Gesundheit untersucht: Nur rund 19 Prozent waren fachlich korrekt. Das heißt umgekehrt: Rund 4 von 5 Videos, die Menschen auf TikTok zu ihrer psychischen Gesundheit sehen, enthalten Falschinformationen, sind zu allgemein oder geben persönliche Meinungen als medizinische Wahrheit aus. Das ist keine Kleinigkeit, das ist eine öffentliche Gesundheitsfrage. Diese Kombination – ein strukturelles Zeitproblem in der Versorgung, das sich in absehbarer Zeit nicht auflösen wird, und ein Internet, das die entstehende Informationslücke zunehmend mit unqualifizierten Inhalten füllt – halte ich für eine Verantwortung, die wir als Fachärztinnen und Fachärzte annehmen müssen. Wir können nicht kritisieren, dass Menschen falsch informiert werden, ohne selbst richtige Information anzubieten. Genau das ist gatch.com: seriöse, evidenzbasierte medizinische Information dort, wo sie gebraucht wird – als Vorbereitung auf das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt, nicht als Ersatz dafür. Und ausdrücklich nicht als Zweitmeinung oder als Konkurrenz zu bestehenden Behandlungsbeziehungen. Wer informiert in seine Sprechstunde geht, stellt bessere Fragen. Und beide Seiten – der Arzt und der Patient – gewinnen Zeit für das, was wirklich zählt.

Was unterscheidet Gatch von anderen Plattformen wie „Was hab’ ich?”

„Was hab’ ich?” ist ein hervorragendes Projekt – eine gemeinnützige, ehrenamtliche Initiative aus Dresden, die seit über zehn Jahren rund 200 Medizinstudierende und Ärztinnen und Ärzte zusammenbringt, um Menschen kostenlos beim Verstehen ihrer Befunde zu helfen. „Was hab’ ich?” übersetzt einen konkreten, bereits vorhandenen Befund oder Arztbrief in verständliche Sprache. Das ist eine hilfreiche Reaktion auf ein Gespräch, das bereits stattgefunden hat. Ergänzend gibt es den „Befunddolmetscher”, den „Was hab’ ich?” gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung entwickelt hat – ein interaktives Nachschlagewerk mit rund 10.000 Erklärungen zu medizinischen Fachbegriffen. Gatch setzt davor an. Wenn Sie eine Diagnose bekommen haben und in ein paar Tagen zu Ihrem nächsten Termin gehen, bereitet Sie ein Gatch-Decision-Briefing auf dieses Gespräch vor. Es beantwortet nicht die Frage „Was steht in meinem Arztbrief?”, sondern eine konkrete Entscheidungsfrage: „Soll ich das Statin nehmen oder nicht?”, „Welche Blutverdünner-Alternative passt zu mir?”, „Was bringt ein Katheter-Eingriff bei Vorhofflimmern?”.

Mit Gatch.com will Prof. Tienush Rassaf Patienten unterstützten informierte in Arztgespräche zu gehen.

Mit Gatch.com will Prof. Tienush Rassaf Patienten unterstützten informierte in Arztgespräche zu gehen.

Was dürfen Menschen erwarten, die ein Decision-Briefing bei Ihnen kaufen?

Formal unterscheiden wir uns in drei Punkten: Wir haben ein festes Format – eine Ampel-Bewertung, die auf einen Blick zeigt, wie klar die wissenschaftliche Datenlage zu einer Frage ist, Fallbeispiele aus der Praxis, konkrete Zahlen statt vager Aussagen, und eine vollständige Belegkette bis zur wissenschaftlichen Original-Studie. Wir haben ein Advisory Board aus aktuell 14 Fachärztinnen und Fachärzten, die jedes Briefing prüfen, bevor es veröffentlicht wird. Um noch einmal auf den Vergleich zu „Was hab’ ich?“ zu kommen: Beide Angebote ergänzen sich gut. „Was hab’ ich?” hilft, wenn der Brief schon vorliegt und die Frage lautet: „Was steht da?”. Wir helfen, bevor die Entscheidung ansteht und die Frage lautet: „Was soll ich tun?”.

Wie finanziert sich Gatch?

Ausschließlich über den Verkauf einzelner Decision-Briefings. Ein Briefing kostet 9,99 Euro und deckt eine konkrete Entscheidungsfrage vollständig ab. Das ist unser einziger Erlöskanal. Was Gatch bewusst nicht macht: Wir nehmen kein Geld von Pharmaunternehmen. Wir zeigen keine Werbung. Wir verkaufen keine Nutzerdaten – wir erheben erst gar keine Gesundheitsdaten. Wir arbeiten auch nicht mit sogenannten Provisions-Modellen, bei denen wir mitverdienen, wenn ein Nutzer über uns bei einer Apotheke oder Krankenkasse landet. Und der Preis von 9,99 Euro ist bewusst so gewählt, dass er für die meisten Menschen ohne große Hürde bezahlbar ist – etwa der Preis eines Buches oder einer Kinokarte. Er soll die Ernsthaftigkeit unterstreichen: Wer bezahlt, liest anders, als wenn etwas kostenlos ist. Und er soll uns wirtschaftlich unabhängig halten.

Welche Vergütung erhalten die auf der Seite gelisteten Mediziner?

Die Fachärztinnen und Fachärzte, die für uns Decision-Briefings verfassen oder prüfen, erhalten ein Honorar pro Briefing. Die Höhe orientiert sich am Aufwand: Ein Briefing zu einem Thema wie Statinen umfasst 4.000 bis 5.000 Wörter, braucht mehrere Tage strukturierte Arbeit, eine sorgfältige Auswertung der aktuellen Studienlage und mehrere Überarbeitungsschleifen. Das ist keine Nebenbei-Tätigkeit, und das soll auch nicht so vergütet werden. Genauso wichtig wie das Honorar ist mir aber etwas anderes: die inhaltliche Freiheit der Autorinnen und Autoren. Niemand von uns schreibt in eine vorgegebene Richtung. Wenn eine Kollegin zu dem Schluss kommt, dass eine bestimmte Therapie überschätzt wird, steht das im Briefing. Wenn ein Kollege sagt, „bei niedrigem Risiko ist eine kritische Haltung gegenüber dem Statin legitim”, steht das drin. Diese Unabhängigkeit ist der eigentliche Wert unseres Advisory Boards. Wir wachsen aktuell noch – das Board hat 14 Mitglieder. Perspektivisch sollen es 50 bis 100 Fachärztinnen und Fachärzte werden, verteilt auf alle wichtigen Fachgebiete.

Mit welchem Bedarf rechnen Sie von Seiten der Patientinnen und Patienten?

Der Bedarf ist aus meiner Sicht sehr groß – aber er ist noch nicht vollständig sichtbar, weil viele Menschen gar nicht wissen, dass es eine strukturierte Vorbereitung auf ein Arztgespräch überhaupt gibt. Ein paar Zahlen, die die Größenordnung zeigen: In Deutschland leben etwa 20 Millionen Menschen mit Bluthochdruck, rund fünf Millionen mit einer koronaren Herzerkrankung und circa elf Millionen Menschen mit Diabetes. Sehr viele davon haben mehrere Diagnosen gleichzeitig. Jede einzelne Diagnose bringt Behandlungsentscheidungen mit sich, die eigentlich in Ruhe besprochen werden müssten. Im Praxisalltag stehen dafür oft nur wenige Minuten pro Termin zur Verfügung. Eine Studie der Universität Bielefeld zeigt außerdem: 54 Prozent der Menschen in Deutschland haben Schwierigkeiten damit, Gesundheitsinformationen zu verstehen und auf ihre eigene Situation zu übertragen. Das nennt sich Gesundheitskompetenz – also die Fähigkeit, das Gehörte oder Gelesene in die eigene Lebensrealität zu übersetzen. Wenn mehr als die Hälfte der Menschen damit Schwierigkeiten haben, ist das keine Randerscheinung, das ist ein flächendeckendes Problem. Und genau hier setzen wir an: verständlich formulierte Information, bei der die Übersetzung in die eigene Situation mitgeliefert wird – über Fallbeispiele. Wo genau dieser Bedarf uns hinträgt, weiß ich noch nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man neue Angebote in der Gesundheitsversorgung nicht am Reißbrett planen kann. Wir werden zuhören, was Nutzerinnen und Nutzer sagen, welche Themen sie am häufigsten suchen, wo unsere Briefings tatsächlich hilfreich sind – und wo wir nachbessern müssen. Das ist ein Lernprozess.

Ist angedacht, künftig auch individuelle Decision Briefings zu spezifischen Patientenfragen zu erstellen?

Das ist eine Frage, mit der wir uns intensiv beschäftigen – und ich beantworte sie ehrlich zurückhaltend. Ja, es wäre technisch reizvoll und wirtschaftlich naheliegend. Nein, wir werden es nicht kurzfristig anbieten. Aus zwei Gründen. Erstens: Eine individuelle Beratung zu einem konkreten Patientenfall ist rechtlich eine sogenannte Fernbehandlung – und Fernbehandlung ist eine ärztliche Leistung. Die Grenze zwischen „ich gebe eine allgemeine Information zu Ihrer Situation” und „ich empfehle Ihnen konkret dieses Medikament” ist dünn. Rechtlich sauber, medizinisch verantwortlich und für Patientinnen und Patienten wirklich hilfreich ist das nur im Rahmen einer echten ärztlichen Beziehung – also mit vollständiger Kenntnis der Krankengeschichte, der Untersuchungsbefunde, der Medikation. Diese Grenze zur Fernbehandlung wollen wir ausdrücklich nicht überschreiten. Zweitens: Ein individuelles Briefing würde voraussetzen, dass wir Gesundheitsdaten unserer Nutzerinnen und Nutzer erheben. Aktuell tun wir das bewusst nicht. Wir verarbeiten keine Diagnosen, keine Laborwerte, keine Behandlungsverläufe. Das ist eine Design-Entscheidung: Wer bei uns liest, hinterlässt keine Datenspur zu seiner Gesundheit. Das ist im Bereich der digitalen Gesundheit in Deutschland eine Seltenheit – und wir wollen das erhalten. Was ich mir langfristig gut vorstellen kann: ein Modell, bei dem die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten das passende Briefing auswählt und den Termin damit vorbereitet. Das wäre individuell, aber im ärztlichen Rahmen – und würde die Sprechstunde entlasten, statt sie zu ersetzen.

Welchen Mehrwert haben Decision-Briefings aus Ihrer Sicht für die Gesundheitsversorgung in Deutschland?

Ich sehe hier drei Ebenen. Für die Patientinnen und Patienten gilt aus meiner Sicht: Wer informiert in eine Sprechstunde geht, trifft bessere Entscheidungen. Bessere Entscheidungen führen dazu, dass Menschen ihre Therapie eher durchhalten – und damit zu besseren Behandlungsergebnissen. Die Ärzteschaft hat ein strukturelles Zeitproblem in der Sprechstunde. Die knappen Minuten werden derzeit oft für Grundlagen aufgebraucht – für das, was ein Patient auch vorher hätte verstehen können. Wenn ein Patient mit einer Grundlage in das Gespräch geht, bleibt Zeit für das Individuelle: die persönliche Konstellation, die Sorge, die konkrete Frage. Das ist nicht Ersatz des ärztlichen Gesprächs, das ist Entlastung des ärztlichen Gesprächs. Und mit Blick auf das System sage ich: Wir wissen aus großen Auswertungen der Praxis-Realität, dass viele Empfehlungen der medizinischen Leitlinien in der Fläche gar nicht erreicht werden. Bei Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko nach einem Herzinfarkt erreichen zum Beispiel nur 20 bis 30 Prozent den empfohlenen Cholesterin-Zielwert. Das ist keine Frage fehlender Medikamente, sondern fehlender Nachsteuerung – auch fehlender Nachfrage von Patientenseite. Wer weiß, dass es einen Zielwert gibt und dass er ihn nicht erreicht, kann konkret danach fragen. Diese Rückkopplung, in die Fläche der Versorgung, ist aus meiner Sicht der eigentliche gesundheitsökonomische Nutzen.

Kurz: Wir werden das Gesundheitssystem mit Gatch nicht umbauen. Aber wenn wir helfen, dass ein bisschen mehr informierte, sichere und mündige Entscheidungen getroffen werden, ist das ein guter Anfang.

 

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Tienush Rassaf hat in Düsseldorf und Houston Texas studiert und ist seit 2016 Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie sowie des Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrums am Universitätsklinikum Essen. Außerdem ist er Prodekan für Wissens- und Technologietransfer der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und Mitgründer der neuen Health-Decision-Plattform Gatch.com

 

Das könnte Sie auch interessieren