Zum heutigen Tag der Pflegenden hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) eine Umfrage veröffentlicht, die die Last für pflegenden Angehörigen aufzeigt.
Vollzeitbeschäftigung und Angehörige pflegen? Für 31,3 Prozent der Befragten der nach Pflegegraden repräsentativen Forsa-Umfrage ist das Realität. Das zeigt der neue Monitor „Zur Lage pflegender Angehörigen“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zum heutigen Tag der Pflegenden. 27,7 Prozent arbeiten in Teilzeit, womit 59 Prozent der pflegenden Angehörigen in Deutschland gleichzeitig erwerbstätig sind.
Und: Von den in Teilzeit Erwerbstätigen gaben 45,2 Prozent an, ihre ursprüngliche Arbeitszeit aufgrund der Übernahme der Angehörigenpflege reduziert zu haben. Knapp die Hälfte der befragten in Voll- oder Teilzeit Erwerbstätigen (46,9 Prozent) fühlt sich dabei körperlich und psychisch in ihrem Alltag hoch belastet, bei den Nicht-Erwerbstätigen gaben das weniger Menschen an, aber immerhin auch noch 38,3 Prozent.
„Unsere Erhebung zeigt, dass insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege als zentrale Belastungssituation erlebt wird“, sagt Susann Behrendt, Forschungsbereichsleiterin Pflege und Mitherausgeberin des WIdO-Monitors. „Insgesamt lässt sich aber feststellen, dass die Belastung in der gesamten Gruppe der pflegenden Angehörigen – ob erwerbstätig oder nicht – hoch ist. Über 40 Prozent fallen in die Kategorie der Hochbelasteten.“
Gemessen wird die Belastungssituation dabei anhand der sogenannten „Häuslichen Pflege-Skala-Kurzversion“ (HPS-K), welche die subjektive Belastung über insgesamt zehn Aspekte erfasst, darunter körperliche Erschöpfung, Einbußen der Lebenszufriedenheit, Beeinträchtigungen des Gesundheitszustands oder soziale Isolation.
Pflege ist nicht geschlechtsneutral
Für alle pflegenden Angehörigen ergibt die Umfrage zudem einen hohen zeitlichen Gesamtaufwand: So sind zwei Drittel der Hauptpflegepersonen (63,4 Prozent) jeden Tag in die Pflege eingebunden. Mehr als jede zehnte befragte Person pflegt nach eigenen Angaben mindestens 40 Stunden pro Woche, jede fünfte Person mindestens 30 Stunden. Außerdem dauert die Pflegeverantwortung oft lange. Fast 40 Prozent der Befragten pflegen ihre Angehörigen seit mindestens fünf Jahren, womit die Belastung der Hauptpflegepersonen besonders hoch ist.
Ein weiterer Aspekt, den die Befragung offenlegt: Angehörigenpflege ist nicht geschlechtsneutral. 60,4 Prozent der Menschen, die pflegen, sind Frauen. Dazu sagt Studienleiterin Behrendt: „Wir sehen nach wie vor einen Gender-Care-Gap, mit Folgen für Erwerbsbiografien, Einkommen und Gesundheit.“
Gepflegt werden dabei vor allem die eigene Mutter oder der eigene Vater, gefolgt vom eigenen Partner, respektive der Partnerin. Bei der Pflegeschwere zeigt sich, dass die Mehrheit der Gepflegten den Pflegegrad zwei oder drei (darauf entfallen 85 Prozent) hat, mehr als jeder Zehnte weist Pflegegrad 4 oder 5 auf.
WIdO sieht Handlungsbedarf
Trotz der hohen Gesamtbelastung pflegender Angehöriger werden die bestehenden Angebote der Pflegeversicherung zur Entlastung der häuslichen Pflegesituation nur wenig genutzt. Der Umfrage zufolge nehmen 55,2 Prozent derjenigen, die ausschließlich Pflegegeld beziehen, keine weiteren pflegerischen Unterstützungsleistungen in Anspruch. Die Organisation der Pflege erfolgt dabei überwiegend eigenständig durch die Angehörigen. Weitere 37,8 Prozent nutzen lediglich Verhinderungs-, Urlaubs- oder Ersatzpflege – also Unterstützung immer dann, wenn ein Anspruch aufgrund von Krankheit oder Urlaub der Hauptpflegeperson besteht.
„Die einerseits hohe Belastung der pflegenden Angehörigen und die andererseits nur geringe Inanspruchnahme der Unterstützungsangebote machen den Handlungsbedarf deutlich – gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und des Fachkräfteengpasses. Immerhin werden 86 Prozent aller Pflegebedürftigen in der Häuslichkeit versorgt, überwiegend von ihren Angehörigen“, betont Behrendt. Die Herausforderung bleibe, eine hochwertige und qualifizierte Versorgung der Pflegebedürftigen sicherzustellen sowie gleichzeitig auch die pflegenden Angehörigen mit ihren Bedarfen an Entlastung und Unterstützung in der Pflegepolitik stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
Laut WIdO gehören dazu eine bessere Information und niedrigschwellige Beratung, um bestehende Unterstützungsangebote transparenter und zugänglicher zu machen. Zudem müssen diese Angebote stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Angehörigen ausgerichtet werden – insbesondere mit Blick auf die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit und in Bezug auf die Dynamik von Belastungsrisken und Unterstützungsbedarfen im Verlauf langjähriger Pflege.



