WIdO-Monitor: Aufwand für pflegende Angehörige steigt

by | May 21, 2024

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Die Pflege von Angehörigen zu Hause nimmt immer mehr Zeit in Anspruch – das zeigt nun eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

49 Stunden pro Woche wenden Menschen in Deutschland für die Pflege ihrer Angehörigen auf. Das ergab nun eine repräsentative Umfrage des Forsa Instituts für den WIdO-Monitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Damit sind im Vergleich zur Umfrage 2019 noch einmal sechs Wochenstunden für die häusliche Pflege hinzugekommen. Eine solch hohe Belastung hat natürlich auch Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit. Lediglich 46 Prozent der Hauptpflegeperson im erwerbsfähigen Alter kann bei dem zeitlichen Aufwand auch noch Vollzeit arbeiten. Und von den Befragten, die in Teilzeit arbeiten, gab rund die Hälfte an, die Arbeit aufgrund der Pflegeverpflichtung reduziert zu haben. 28 Prozent haben ihren Job aus diesem Grund sogar komplett aufgegeben.

„Die Belastungen, die aus der Pflege- und Betreuungsarbeit entstehen, waren und bleiben hoch“, sagt Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO. „Abzulesen ist dies am wöchentlichen Stundenvolumen sowie am Belastungsscore. Jeder vierte Befragte gab und gibt an, hoch belastet zu sein und die Pflegesituation ‚eigentlich gar nicht mehr‘ oder ‚nur unter Schwierigkeiten‘ bewältigen zu können.“

Belastung bei Demenz besonders hoch

Die Belastungssituation der Pflegenden wird anhand von zehn Fragen zur körperlichen Verfassung, Lebenszufriedenheit oder psychischen Belastung auf der sogenannten Häuslichen-Pflege-Skala (HPS) ermittelt. Schon 2019 war für knapp 26 Prozent die Belastung hoch. Daran hat sich auch in der aktuellen Umfrage nichts verändert. Am stärksten betroffen sind Haushalte, in denen Menschen mit Demenzerkrankung oder ab Pflegegrad drei betreut werden.

„Die Umfrage legt nahe, dass der hohe zeitliche Aufwand von durchschnittlich 49 Wochenstunden direkte Auswirkungen auch auf die Erwerbsarbeit hat und eine Work-Life-Care-Balance für viele schwer zu erreichen ist“, sagt Schwinger. Das Vereinbarkeitsproblem trifft dabei überwiegend Frauen, denn sie stellen mit 67 Prozent den Großteil der Hauptpflegepersonen im erwerbstätigen Alter.

Die vom Gesetzgeber geschaffenen Angebote für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege nutzen nur wenige der Befragten. Lediglich drei Prozent haben sich bis zu sechs Monate vollständig oder teilweise von der Arbeit freistellen lassen, obwohl 73 Prozent von dieser Option wissen. Immerhin 13 Prozent haben aufgrund einer akuten Pflegesituation bis zu zehn Tage bei Bezug von Lohnersatzleistungen ihre Priorität auf die Pflege gelegt – ein Leistungsanspruch, den auch nur 55 Prozent der Befragte kennen.

Pflegende zahlen drauf

Neben dem zeitlichen Aufwand und der hohen Belastung kommen für Menschen, die Angehörige pflegen, zudem auch Kosten zu. Der WIdO-Monitor zeigt, dass vor allem Haushalte, in denen Menschen mit Demenz oder einem höheren Pflegegrad leben, überproportional hinzuzahlen. Ein höheres Haushaltseinkommen geht hingegen nicht mit dem Hinzukaufen von mehr Dienstleistungen einher. Schwinger interpretiert die Zahlen so: „Insgesamt zeigt sich trotz des etwas gestiegenen Anteils derer, die Zuzahlungen leisten müssen, und trotz leicht gestiegener Kosten für die Zuzahlungen im Vergleich zu 2019 in der häuslichen Pflege eine deutlich geringere finanzielle Belastung als in der vollstationären Pflege. Hier lagen die nach Wohndauer gestaffelten Zuschläge 2023 im Mittel bei 874 Euro.“

Gleichzeitig wünschen sich viele Pflegende mehr Hilfe – etwa bei der „Körperpflege, Ernährung und Mobilität“ (62,5 Prozent, 2019 waren es noch 49 Prozent). „Hilfe bei der Führung des Haushalts“ wünschen sich 2023 59 Prozent, 2019 sagten dies nur 50 Prozent. Insgesamt wünschen sich besonders die nach HPS-Skala als hochbelastet eingestuften Pflegehaushalte mehr Entlastung (91 Prozent gaben dies an); dies betrifft auch solche, in denen Angehörige mit Demenz (69 Prozent) oder einem Pflegegrad größer als 2 (68 Prozent) versorgt werden.

Schwinger: „Die Situation in der ambulanten Pflege ist weiterhin nicht zufriedenstellend – allerdings nicht insgesamt, sondern in Bezug auf Haushalte mit spezifischen Bedarfskonstellationen. Fragen nach Bedarfsgerechtigkeit, Zielgenauigkeit und Entlastungswirkungen von ambulanten Pflegeleistungen müssen auf der Reformagenda priorisiert werden. Denkbar wäre etwa die Einführung von Hauspflegegemeinschaften oder der Ausbau von Nachbarschaftshilfe und bürgerlichem Engagement.“

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