Wider dem Pflegekollaps

by | Feb 9, 2024

Anhoren

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Dass es ihn unbedingt zu vermeiden gilt, ist eigentlich allen Beteiligten klar. Nur die Frage nach dem Wie scheint aktuell noch mehr zu lähmen als Tatendrang hervorzurufen. Dabei braucht eine gute Gesundheitsversorgung vor allem auch gute Pflege.  

 

 

Es ist eine Schere, die immer weiter auseinanderklafft: Da ist der demographische Wandel einerseits, allen voran bedingt durch die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer, die in den kommenden Jahren die Pflege regelrecht überrollen werden. Das statistische Bundesamt Destatis hat erst im Januar dieses Jahres neue Prognosen veröffentlicht, wonach der Bedarf an Pflegekräften bis 2049 im Vergleich zu 2019 um voraussichtlich ein Drittel auf 2,15 Millionen steigen wird. Allerdings liegt laut Pflegekraftvorausberechnung die erwartete Zahl an Pflegekräften 2049 zwischen 280.000 und 690.000 unter diesem erwarteten Bedarf.

Kein Wunder, denkt bereits heute ebenfalls rund ein Drittel der jungen Pflegekräfte in Deutschland darüber nach, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Das zeigen die Zahlen der aktuellen repräsentativen Pflegestudie der Barmer und des Instituts für betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG). Die Gründe: hohe Arbeitsbelastung, Druck und ökonomische Zwänge.

Gerade jüngere Pflegekräfte geben auf

Was besonders bezeichnend an den Studienergebnissen und langfristig eben auch fatal ist: Es sind vor allem die jungen Pflegekräfte im Alter bis zu 29 Jahren, die aufgrund von Stress und Druck häufiger daran gedacht haben, den erlernten Beruf komplett aufzugeben. Das sagten 28 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe. Etwas mehr „abgehärtet“ scheinen indes die 40- bis 49-jährigen. Hier waren es nur 18 Prozent, die über einen Berufswechsel nachgedacht haben.

„Pflegekräfte arbeiten häufig an der Belastungsgrenze und auch darüber hinaus. Deshalb müssen alle Beteiligten wirksame Strategien zur Bewältigung des Alltagsdrucks entwickeln. Neben besseren Arbeitsbedingungen sind Selbstfürsorge und eine verantwortungsvolle Führung zentrale Schlüsselfaktoren, um dieses Ziel zu erreichen“, sagt Prof. Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Pflege als anerkannte Profession

Noch einen Schritt weiter geht Judith Ebel, Vorsitzende des Vereins Care for Innovation sowie Gründerin und Geschäftsführerin von SuperNurse. Auch sie ist davon überzeugt, dass die Attraktivität von Pflegeberufen wesentlich von den Rahmenbedingungen abhängt, unter denen die Pflegekräfte arbeiten, aber: „Gleichzeitig müssen wir daran arbeiten, dass Pflege als Heilberuf und als eigenständige Profession wahrgenommen wird, die einen bedeutenden Beitrag zur Gesellschaft leistet und dabei vielfältige Karrierechancen bietet.“

Genau darauf zielt auch das Pflegestudiumstärkungsgesetz ab, das Ende Oktober im Bundestag verabschiedet wurde. Denn bisher war die akademische Pflegeausbildung vor allem deshalb unattraktiv, weil der praktische Pflichtteil des Studiums nicht vergütet wurde. Die Studenten mussten also wie ihre Kollegen in der Berufsausbildung praktisch als Pflegekraft arbeiten, allerdings ohne denselben finanziellen Ausgleich. Entsprechend sei die Akademiker-Quote in der Pflege in Deutschland sehr gering, heißt es aus der Politik, was das neue Gesetz nun ändern soll. Ob die Maßnahmen wirklich greifen, muss sich erst noch zeigen. In jedem Fall gibt es aktuell nur etwa 2.000 Pflegestudenten. Besonders ironisch daran: EU-Beitrittskandidaten müssen eine hochschulische Pflegeausbildung im Land vorweisen können, wenn sie den Teil der Europäischen Union werden wollen.

Auch Pflegeheime betroffen

Schaffen wir es nicht, Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen, ist allerdings nicht nur die stationäre Gesundheitsversorgung gefährdet. Der Arbeitgeberverband Pflege präsentierte Mitte Januar die Deutschlandkarte des „Heimsterbens“, die eine Übersicht zu Insolvenzen und Schließungen in der Altenpflege veranschaulicht. Insgesamt sind hier über 800 Fälle von Angebotseinschränkungen, Insolvenzen und Schließungen in der Altenpflege dokumentiert. Der Verband kritisiert die Passivität der Kassen und der Politik und fordert sofortige Maßnahmen, um der Entwicklung entgegenzuwirken.

Zumindest der Verband der Privaten Krankenversicherungen sieht den Pflegenotstand heute und in Zukunft auch als finanzielle Bedrohung, der es entgegenzuwirken gilt. Deshalb stärkt der Verband jetzt sein finanzielles Engagement im Bereich der Pflege-Prävention. Die vom Verband errichtete gemeinnützige Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) erhält künftig 60 Prozent mehr Mittel für die Stiftungsarbeit. Der PKV-Verband steigert seine Zuwendungen an das ZQP von zwei auf 3,2 Millionen Euro pro Jahr. Die Stiftung engagiert sich dafür, die Pflegequalität in Deutschland zu verbessern und die gesundheitliche Versorgung älterer pflegebedürftiger Menschen weiterzuentwickeln.

Heilsbringer Digitalisierung?

Experten sind sich zudem einig, dass Digitalisierung und neue Technologien Pflegeberufe wieder attraktiver machen können. Davon ist auch Christoph Schneeweiß, Gründer und Geschäftsführer von CareTable, überzeugt: „Bereits vorhandene Technologien, wie die Möglichkeit, Pflegedokumentationen per Sprache ähnlich einer WhatsApp-Sprachnachricht zu erfassen oder Warnmeldungen in der Nacht durch intelligente Sensoren auszulösen, zeigen, was schon heute möglich ist. Jedoch scheitert die flächendeckende Umsetzung dieser Lösungen oft an finanziellen Hürden.“

Für eine nachhaltige Steigerung der Attraktivität der Pflege sei es daher unerlässlich, diese Investitionen in Digitalisierung angemessen zu refinanzieren, glaubt Schneeweiß und auch SuperNurse-Geschäftsführerin Ebel teilt diese Meinung: „Digitalisierung bietet vor allem Entlastung, reduziert Prozesskosten und gewinnt gleichzeitig wieder mehr Zeit für direkte Pflege zurück. Eine langfristige und damit gesicherte Regelfinanzierung digitaler Lösungen seitens der Politik ist dabei zwingend notwendig, um diesen Transformationsprozess nachhaltig zu unterstützen.“

Neue Generation, neue Arbeit

Mit digitalen Tools alleine ist es allerdings nicht getan, wenn die Pflege vor allem für die nachrückenden Generationen wieder attraktiver werden soll. Gerade ihre Vertreter sind ja eigentlich auf der Suche nach sinnstiftenden Tätigkeiten – nur müssen die eben auch entsprechende Wertschätzung erfahren und dürfen nicht binnen kürzester Zeit zum Burnout führen. Das Stichwort heißt „New Work“, das Constanze Büchner, Gründerin und Geschäftsführerin von CrewlinQ, einer Software-Lösung für digitales Ausfallmanagement im Gesundheitswesen, wie folgt zusammenfasst: „Der ursprüngliche Inhalt von New Work besagt, dass Arbeit nur erfüllend ist, wenn es eine Arbeit ist, die man wirklich, wirklich will. Deshalb muss es mehr Entlastung, aber auch Selbstbestimmung in der Gestaltung des Arbeitsalltags in der Pflege geben. Digitalisierung kann einer der entscheidenden Schlüssel für diese Entlastung sein.“

Wer Arbeit im Allgemeinen, vor allem aber in der Pflege wirklich neu denken will, kann sich am deutschen Psychologen Markus Väth versuchen, der in seinem 2019 veröffentlichen Manifest „New Work Charta“ die ursprünglichen Theorien des Sozialphilosophen und Anthropologen Frithjof Bergmans weiterentwickelt hat. Besonders interessant ist hier die Interpretation von Freiheit, nämlich als das Schaffen von Experimentierräumen, von einer Kultur der Angstfreiheit sowie einer starken Vernetzung innerhalb der Organisation.

Und hier haben gerade die hierarchisch geprägten Strukturen des Gesundheitswesens gelinde gesagt noch Luft nach oben. Dass neue Wirtschaftszweige dieses Prinzip schon eher verinnerlicht haben, zeigt sich daran, dass sie sich in vielen Fällen nicht isoliert entwickeln, sondern vielmehr gemeinsam in Form eines ganzen Ökosystems. Hier gibt es auch außerhalb von Organisationen mehr Möglichkeiten zur Vernetzung, zum gegenseitigen Austausch. Hier treffen sich kluge Köpfe, reden miteinander, entdecken vielleicht Gemeinsamkeiten, aus denen Neues entstehen kann. Man nennt das auch den „Valley-Gedanken“, angelehnt an das amerikanische Silicon Valley, der sicherlich auch für das Gesundheitswesen ein lohnender Import wäre. Ob es einer ist, der auch gelingt, bleibt abzuwarten. Letztendlich ist es das Mindset der Menschen, das sich verändern muss. Weg von reinen Forderungen sowohl von Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern, hin zu kollektiven Lernstrukturen und einer, wie Väth es nennt, „Selbstreflexion der Organisation“.

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