Werte, Wohlfahrt, Wettbewerb – Orientierung für ein nachhaltiges Gesundheitssystem

by | Apr 18, 2024

Dr. Markus Mundhenke ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. Seit 2003 arbeitete er in verschiedenen Positionen in der Pharmazeutischen Industrie.

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Wartende Patienten, streikende Ärzteschaft, unzufriedene Apotheker und kalter Strukturwandel in den Kliniken – der Status Quo im Gesundheitswesen scheint auf den ersten Blick düster, doch Digitalisierung und neuen Technologien geben auch Hoffnung, attestiert Gastautor Dr. Markus Mundhenke.

 

Im Gesundheitswesen verknoten sich derzeit negative Schlagzeilen mit der „Vision Hoffnung“, die von einer digitalen Strategie und Transformation, Künstlicher Intelligenz, Decision Support, Bürokratieabbau und Patientenzentrierung, respektive -partizipation angetrieben wird. Wer wie ich im April bei der größten Messe für Digital Health in Europa, der DMEA 2024, in Berlin war, hatte den Eindruck, die Möglichkeiten und der Nutzen von Künstlicher Intelligenz sind unbegrenzt. Eine realitätsferne Verheißung für Ärztinnen und Ärzte, die bei dem anschließenden Besuch der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der größten medizinisch- wissenschaftlichen Fachgesellschaft Europas, so nicht spür- und greifbar war. Daher die Erkenntnis für mich: Unterm Strich geht nichts schnell in unserem Gesundheitssystem, Die Lücke zwischen Möglichem und Umgesetzten klafft weiter und weiter. Kann der gordische Knoten aus Gesetzen, Verordnungen, untergesetzlichen Vorschriften, Abrechnungsvorgaben in den verwaltenden Institutionen überhaupt noch gelöst werden, um durch immer mächtiger werdende Hilfssysteme Zeit für den Patientenkontakt in der Praxis oder am Klinikbett zu schaffen?

Vielschichtige Antwort

Eigentlich sollte die Transformation des Gesundheitswesens schon zu Zeiten von Ulla Schmidt als Bundesgesundheitsministerin erfolgen. Ihre Amtszeit war von 2001 bis 2009. Die gematik und ihre Gesellschafter sowie die Selbstverwaltung hatten bis 2019 Zeit, entscheidende Weichen auf Zukunft zu stellen. Passiert ist leider in dieser Zeit zu wenig und Deutschland hinkt seitdem in Sachen technologischem Fortschritt im Gesundheitswesen ein Jahrzehnt hinter dem Rest Europas und der Welt hinterher.

Was macht es so schwer, in Deutschland Fortschritt zu wagen? Das Bewährte ist der Feind des Besseren und der Status Quo – insbesondere dann, wenn er die im System Teilnehmenden ausreichend beschäftigt hält – selten offen für Neuerungen, wenn diese nicht den eigenen Nutzen mehren oder sogar die eingespielten Routinen stören. Damit verharrt das Gesundheitssystem auf Seiten der sie vertretenden Körperschaften des öffentlichen Rechts gerne in dem Modus der kleinen Schritte und nähert sich ungern den grundlegenden Herausforderungen, die das System ins Rutschen bringen können. Zu nennen wären demographischer Wandel oder individualisierte Therapien, die eine generell-abstrakte Regelung wie im SGB V vorgesehen für eine immer größere Zahl an präzisionsmedizinischen Möglichkeiten schwierig umsetzbar erscheinen lässt. Was bleibt sind die Finanzierungslücken und die Frage: Wie damit umgehen?

Mediales Konzert ist laut

Als Antwort erhalten wir als Bürger, wenn wir denn zuhören wollen, ein mediales Konzert gegenseitiger Schuldzuweisungen sowie die kommunikative Dauerschleife, man selber wolle ja, aber der andere liefere nicht ausreichend – wahlweise einzusetzen: Geld, Qualität, Sicherheit oder Testumgebungen. Deshalb will ich gleich zwei richtungsleitende Fragen für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem am Anfang meiner Kolumne einstreuen und an alle Akteure richten: Wissen Sie eigentlich, welche Erwartungen Bürger, die durch das Gesundheitssystem vor dem „Lebensrisiko Krankheit“ abgesichert werden sollen, an Sie und eine zukünftige Versorgung haben? Was wäre die Gesellschaft angesichts der anstehenden Herausforderungen bereit, dafür zu ändern?

In einem für mich augenöffnenden und gewohnt klarem Vortrag hatte Univ.-Professor Dr. Dr. Nagel, Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften Bayreuth, auf der diesjährigen Jahresauftakttagung der DGIM Gesundheit als besonderes Gut vorgestellt, welches auf gleicher Ebene mit Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit ein stabilisierendes Fundament von Gesellschaften bildet. Mich hat diese Einordnung sehr beschäftigt und mit der Frage nach den Stimmen zurückgelassen, die für einen übergreifenden Diskurs eintreten und nicht im institutionellen Gerangel des Gesundheitssystems oder selbsternannter Heilsbringer der Tech-Szene untergehen. Es gibt sie und was ich mir in einer zunehmend gereizten und von Erschütterungen nach innen und außen gekennzeichneten Republik wünsche, ist ein möglichst geräuschloser Übergang des besonderen Guts „Gesundheit“ in eine neue Zeit, der die Werte Solidarität, Verantwortung, gerechten Zugang zu Leistungen und Selbstbestimmung in die Zukunft hinüberrettet.

Zivilgesellschaftliche Aufgabe

Weil sich jetzt zwangläufig die Frage aufdrängt, wie dies organisiert werden soll, damit eine aus dem Gesundheitssystem entstehende Wohlfahrt in der Gesellschaft bestehen bleibt, und die Zugangsmöglichkeiten gerecht und situationsangepasst ermöglicht werden: Für mich ist es eine zivilgesellschaftliche Aufgabe, keine standespolitische. Denn klar ist: Der versprochene Schutz vor Lebensrisiken umfasst primär nicht die Sorge um die wirtschaftliche Absicherung der Leistungserbringer. Hier hilft nur unternehmerisches Handeln und Wettbewerb – auch um die beste Nutzung der Chancen in einer digitalen Welt ergreifen zu können. Wenn Ökonomisierung bedeutet, mit knappen Ressourcen effektiv umzugehen, dann darf Entökonomisierung im Sinne eines „koste es, was es wolle und zahlen wird ein Dritter“ nicht die Richtschnur sein. Ebenso kann in einer Welt des Wandels eine quasi-planwirtschaftliche Festlegung von Bedarfsmengen und deren Erstattungen zwar ein Werkzeug der Kostendämpfung sein, ein passendes Werkzeug für Fortschritt im Sinne des Wandels und der Zukunftsfähigkeit ist es bestimmt nicht.

Und selbst wenn wir die jetzige Organisationsform des Gesundheitswesens am Ende einer breiten Debatte ganz oder in Teilen beibehielten, dann doch bitte wenigstens auf Grundlage technischer Möglichkeiten, die eine Welt im Echtzeitalter ermöglicht. Quartalsweise Abrechnungen sind in der Navigation eines hunderte Milliarden Euro schweren Jahresbudgets der gesetzlichen Krankenversicherungen aus der Zeit gefallen. Bevor diese Effizienzdefizite einer präziseren Steuerung ausgerichtet an der Ergebnisqualität nicht gehoben sind – und das geht vermutlich nur über die Durchsetzung einer echten Transparenz für alle primären und sekundären Dienstleister im System –, darf das Budget gerne politisch verknappt werden, um Veränderungsnotwendigkeit greifbar zu machen und Veränderungswillen anzustoßen. Für die einzelnen Leistungserbringer – wenn sie ökonomisch und im Sinne der Patientenversorgung auf Dauer vernünftig handeln wollen – heißt das, sich aufzumachen und nach Verbesserungen Ausschau zu halten und zu investieren. Für die Bürger und Patienten heißt das, Ausschau nach der besten Versorgung zu halten und zu der Einsicht zu gelangen, dass die Verantwortung für die einzuschlagenden Gesundheitspfade in die besten Hände gehört, die eigenen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Zivilgesellschaft auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass dort, wo es nötig ist, eine qualitativ hochwertige Versorgung zeitnah und situationsgerecht unabhängig vom Versicherungsstatus bestehen bleibt. Der Schieberegler, der jedoch darüber entscheidet, was als nötig betrachtet wird, sollte deshalb im Auge behalten werden, so dass unnötige Eingriffe im Sinne einer Überversorgung den nötigen Behandlungen nicht die Luft nehmen. Klug entscheiden ist angesagt.

 

Dr. Markus Mundhenke ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und hat zahlreiche wissenschaftliche Publikation während seiner Ausbildung an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und danach verfasst. Seit 2003 arbeitete er in verschiedenen Positionen in der Pharmazeutischen Industrie, aktuell als Director Health Policy Scientific Affairs bei der Bayer Vital GmbH mit den Schwerpunkten neue Therapien und Digitale Transformation. Letztere ist ihm seit einem Besuch der Nordischen Botschaften in Berlin 2014 zum Thema ,Big Data – Big Drugs‘ eine Herzensangelegenheit. Aufgrund seiner mannigfaltigen Erfahrungen in Versorgung, Forschung, Wirtschaft und gesundheitspolitischer Interessenvertretung bezeichnet er sich gerne als #zusammenDenker, der in dieser Kolumne seine persönlichen Ansichten zur Digitalisierung im Gesundheitswesen einbringt.

 

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