Weltkinderkrebstag: Licht und Schatten

by | Feb 15, 2024

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Zum internationalen Kinderkrebstag beleuchtet die Redaktion der HealthCareTimes den aktuellen Stand von Therapie und Forschung.

 

Kinder und Jugendliche erkranken sowohl in Deutschland als auch weltweit relativ selten an Krebs. Laut zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind es in Deutschland etwa 2.250 Neuerkrankungen und damit weniger als 0,5 Prozent der Gesamtzahl der Krebsfälle. Wenn Kinder allerdings an Krebs erkranken, ist es ernst. Denn bei Kindern ab einem Jahr sind Krebserkrankungen die häufigste krankheitsbedingte Todesursache. Laut RKI kommen Leukämie, Tumore des zentralen Nervensystems sowie Lymphome bei Kindern besonders häufig vor.

Wenn die Kinder die Erkrankung sowie die intensive Krebstherapie überleben, belasten nicht nur die Nebenwirkungen die jungen Körper schwer, viele Patienten leiden vor allem an Spätfolgen der Behandlung, kritisiert Prof. Dr. Claudia Rössig. Sie leitet als Direktorin nicht nur die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Münster, eines der größten kinderonkologischen und kinderhämatologischen Zentren in Deutschland, sondern ist auch Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der José Carreras Leukämie-Stiftung. Und das Urteil der mehrfach ausgezeichneten Fachärztin zur aktuellen Krebstherapie bei Kindern fällt deutlich aus: unzumutbar. „Die heutige Krebstherapie beruht auf dem Prinzip, dass alle Zellen im menschlichen Körper, die sich schnell teilen, vernichtet werden. Keine Zelle teilt sich so schnell wie eine Krebszelle, aber durch die herkömmlichen Therapien wird insbesondere bei Kindern ein immenser Flurschaden angerichtet”, fasst Prof. Rössig zusammen.

Alternativen gesucht

Weil der Kollateralschaden gerade bei Kindern so groß ist, beobachtet man am Universitätsklinikum Münster Spätfolgen wie Hörschaden oder Wachstumsstörungen. Insbesondere nach einer Knochenmarkstransplantation haben viele der Kinder einen messbare schaden, betont die Expertin. „Wir suchen deshalb nach Alternativen, die zum einen wirksam sind, also die Krebszellen vernichten, aber vor allem diese schwerwiegenden Spätfolgen nicht verursachen. Wir wollen die Kinder nicht nur gesund machen, sondern auch die Qualität des Überlebens verbessern”, betont Prof. Rössig. Sie forscht deshalb gemeinsam mit Kollegen an den Universitäten in Erlangen, Hannover und Regensburg an neuen CAR-T-Zellen-Therapien, also Immuntherapien, die auf genetisch veränderten T-Zellen mit synthetischen antigenspezifischen Rezeptoren basieren. „Wir arbeiten sehr intensiv und werden noch in diesem Frühjahr mit einer klinischen Studie starten”, sagt Prof. Rössig.

Neben der Immuntherapie sei es außerdem wichtig, den krebsauslösenden Mechanismus besser zu verstehen. „Wir müssen die Achillesferse der Krebszelle finden, um wirksame Therapien zu entwickeln. Wir wollen weg vom Schrotschuss Chemotherapie. Die Therapie der Zukunft wird eine Kombination aus Chemotherapie, Immuntherapie und eben dieser ,Achillesfersen-Therapie’ sein, die den Krebs nachhaltig bekämpft, aber möglichst wenige Nebenwirkungen auslöst“, fasst Prof. Rössig zusammen.

Durchbruch bei Ependymomen

Einen Forschungserfolg für die Kinder konnte man aktuell in Hamburg feiern. Eine Arbeitsgruppe um Prof. Ulrich Schüller am Forschungsinstitut Kinderkrebszentrum-Hamburg hat nun richtungsweisende Ergebnisse erzielt, mit denen sogenannte Ependymome zukünftig besser diagnostiziert und gezielter therapiert werden können. Dabei handelt es sich um Tumore, die sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark vorkommen können und etwa fünf Prozent der Tumore des zentralen Nervensystems bei Kindern ausmachen. Die Tumorzellen entwickeln sich aus Ependymzellen, die die Innenwände der Hirnkammern und des Rückenmarkskanals auskleiden. Wirksame Behandlungsmethoden beschränken sich zurzeit auf das vollständige operative Entfernen des Tumors mit anschließender Strahlentherapie. Wobei man insbesondere bei kleinen Kindern versucht, ihr Gehirn nicht zu bestrahlen, um keine bleibenden Schäden zu verursachen.

Bei spinalen Ependymomen gibt es hier nun mehr Klarheit. Dr. Sina Neyazi untersuchte diese im Rückenmark vorkommenden Tumoren und fand heraus, dass es zwei Subtypen gibt, die unterschiedlich verlaufen. Bei einem Subtyp A treten eher Rezidive auf, das heißt, dass der Tumor zurückkommt, beim Subtyp B ist ein Rückfall hingegen unwahrscheinlich. Die beiden Subtypen unterscheiden sich auf molekularer Ebene. Unter anderem treten beim schlechter verlaufenden Subtyp A bestimmte Veränderungen des Erbguts auf, sogenannte NF2-Mutationen, beim Subtyp B findet man diese Mutationen nicht oder nur selten.

Datenschatz erarbeitet

Das ist allerdings nur ein Teil des Hamburger Forschungserfolgs. Die Medizinstudentin Lara Pohl untersuchte in ihrer Arbeit über 2.000 Datensätze von Ependymomen und hat so einen Datensatz geschaffen, der zuverlässige Informationen darüber liefert, wie sich bestimmte molekulare Merkmale auf den weiteren Verlauf der Tumorerkrankung und die Überlebensrate auswirken. Eine vergleichbare Analyse fand zuletzt 2015 statt, wobei diese nur 500 Proben umfasste, sodass damals einige Tumorklassen noch fehlten. Pohl konnte jetzt fehlende Daten ergänzen, die damals gewonnenen Erkenntnisse überprüfen und Unterschiede zwischen den einzelnen Subtypen der Ependymome untersuchen. „Unsere Daten sind insbesondere für seltene und kaum erforschte Tumorsubtypen und scheinbar gutartige Varianten relevant, die höhere Rückfallraten aufweisen als bisher angenommen“, erklärt Prof. Schüller. Die Untersuchung förderte auch neue Erkenntnisse zu einzelnen Tumorsubklassen zutage, etwa dass bestimmte Ependymome, die man bislang nur im Großhirn vermutete, auch im Kleinhirn vorkommen.

Pohl und ihre Kollegen entwickelten zudem ein Machine-Learning-Modell, mit dem basierend auf bestimmten molekularen Eigenschaften einer Tumorprobe, dem sogenannten Methylierungsprofil, vorhergesagt werden kann, wie die Tumorerkrankung verlaufen wird. Daraus könnte sich ein direkteres und personalisiertes Diagnoseinstrument für die klinische Praxis entwickeln.

Hohe Zelldichte schlecht für den Verlauf

In einer dritten Arbeit fand Medizinstudentin Swenja Gödicke heraus, dass sich die Zelldichte innerhalb eines Tumors bei diesen Ependymomen unterscheidet. Eine hohe Zelldichte geht dabei mit einem schlechteren Verlauf der Tumorerkrankung einher. Die bereits unter dem Mikroskop sichtbaren Unterschiede zwischen Bereichen mit hoher und niedriger Zelldichte der Tumor-Gewebeschnitte finden sich auf molekularer Ebene wieder. So kamen für diesen Tumor charakteristische Chromosomenveränderungen, die für eine schlechte Prognose sprechen, in zelldichten Bereichen häufiger vor. Auch Gewebeproben aus Rezidiven, also aus erneut aufgetreten PF-EPN-A, wiesen vermehrt zelldichte Bereiche auf. Die Ergebnisse der Hamburger Forscherin zeigen erstmals, wie wichtig es für die Beurteilung dieses Hirntumors ist, die Anzahl zelldichter Bereiche zu ermitteln und die molekularen Analysen aus diesen Bereichen vorzunehmen.

„Mit diesen drei Arbeiten konnten wir wertvolle neue Beiträge leisten zur Klassifikation von Ependymomen. Sie sind übrigens auch das Ergebnis jahrelanger referenzpathologischer Tätigkeit, im Rahmen derer wir Ependymome aus ganz Deutschland zur Beurteilung nach Hamburg zugeschickt bekommen”, schließt Prof. Schüller ab.

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