Heute Equal Pay Day, morgen Weltfrauentag. Wie steht es um die Gleichberechtigung im Gesundheitswesen, wo hier doch der Frauenanteil besonders hoch ist?
Dieses Wochenende wird weiblich. Und der Startschuss fällt heute zum Equal Pay Day, jenem Tag, bis zu dem Frauen rein rechnerisch für gleiche Arbeit nicht vergütet werden. Denn die Lücke zwischen den Gehältern männlicher und weiblicher Arbeitnehmer beträgt in Deutschland nach wie vor 16 Prozent. Während also männliche Kollegen vom 1. Januar bis einschließlich 7. März regulär bezahlt werden, haben ihre weiblichen Kollegen am Ende des Jahres eben jene 16 Prozent weniger auf der Gehaltsabrechnung.
Und diese offenkundige Ungerechtigkeit setzt sich in vielen Bereichen fort, worauf dann der morgige Weltfrauentag am 8. März aufmerksam macht. Allerdings muss an dieser Stelle betont werden, dass sich in puncto gerechter Bezahlung etwas tut. Die Lücke ist nicht nur von 2023 (18 Prozent) auf 2024 (16 Prozent) kleiner geworden. Im kommenden Jahr findet der Equal Pay Day bereits am 27. Februar statt – ein kleiner Lichtblick.
Equality vs. Equity
Dennoch gibt es noch viele Bereiche, in denen Ungleichheit herrscht – wobei es eher Ungerechtigkeit ist. Denn dass die Geschlechter nicht gleich sind und deshalb in vielerlei Hinsicht auch nicht gleichbehandelt werden sollten, zeigen Medizin und Forschung. „Frauen haben spezifische gesundheitliche Bedürfnisse, die in vielen Gesundheitssystemen nicht ausreichend berücksichtigt werden“, unterstreicht beispielsweise Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, und fordert ein Gesundheitssystem, das die unterschiedlichen Bedürfnisse der Geschlechter mit einbezieht. Die Pharmabranche leiste einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit von Frauen, indem sie Arzneimittel und Therapien gegen hormonelle Erkrankungen, Brustkrebs und gynäkologische Erkrankungen wie Endometriose entwickelt und auch bei anderen Krankheiten geschlechtsspezifische Unterschiede erforscht und berücksichtigt. Dennoch besteht ein hoher Forschungsbedarf, attestiert auch Brakmann.
Unterstützung bekommt sie von Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach von der CSU: „Wir brauchen gleiche Gesundheits-Chancen von Männern und Frauen – aber hier gibt es noch Handlungsbedarf.“ Das unterstreicht eine PwC-Studie aus dem letzten Jahr, wobei nur 21 Prozent der Befragten finden, dass die medizinische Behandlung sehr gut auf ihr Geschlecht abgestimmt ist. Jeder Zweite fordert hingegen, dass Gendermedizin – also eine Versorgung, die die Spezifika des jeweiligen Geschlechts berücksichtig – zum festen Bestandteil der medizinischen Ausbildung wird.
Zu wenig Rücksicht auf Ungleichheiten
Handlungsbedarf herrscht allerdings auch mit Blick auf die monetäre Absicherung von Frauen – gerade in Gesundheitsberufen. So ist beispielsweise das Gros der Berufstätigen in öffentlichen Apotheken auch 2024 weiblich (73,2 Prozent), rechnet die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände vor. Unter der Apothekenleitung sinkt der Anteil dann allerdings auf nur noch 49,7 Prozent – immerhin. Ähnlich hohe Zahlen findet man bei Statistischem Bundesamt Destatis, wonach der Frauenanteil im Gesundheitswesen bei 74,6 Prozent liegt. Allerdings sind besonders viele Frauen in Gesundheitsberufen Teilzeit beschäftigt – mit entsprechenden monetären Einbußen bei Gehalt in Rente. Destatis weist für 2019 einen Anteil an Teilzeitbeschäftigten Frauen von 82 Prozent aus.
Und auch der Schritt in die Selbständigkeit fällt Frauen schwerer, rechnet man bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) vor. „Der Schritt in die eigene Praxis oder Apotheke ist in der Regel mit einer finanziellen Verpflichtung verbunden, und an diesem Punkt fragen Frauen deutlich genauer nach“, sagt Ute Keller, Filialleiterin bei der apoBank in Stuttgart.
Frauen investieren vorsichtiger
Auch die apoBank-Analysen zeigen, dass Frauen im Durchschnitt weniger für die Praxis- oder Apothekenübernahmen zahlen als ihre männlichen Kollegen: So haben beispielsweise Ärztinnen in den Jahren 2022/2023 für eine hausärztliche Einzelpraxis im Schnitt gut 97.000 Euro ausgegeben – bei Männern waren es rund 127.000 Euro – das waren 30 Prozent mehr. Bei Zahnärztinnen war der Unterschied mit rund 32 Prozent ähnlich groß: 2023 zahlten Männer durchschnittlich 280.000 Euro für eine Einzelpraxis, während Frauen bei 212.000 Euro lagen. Auch Apothekerinnen nehmen im Durchschnitt weniger Geld in die Hand für die Existenzgründung, 2023 war die Differenz besonders groß: Die von Frauen gezahlten durchschnittlichen Übernahmepreise lagen im Schnitt bei 448.000 Euro, bei Männern waren es mit 615.000 Euro und 37 Prozent deutlich mehr.
Die aktuelle Lage mit vielen unterversorgten Gebieten, in denen vor allem Hausarztpraxen keine Nachfolger finden, bedeute für Praxisgründende gleichzeitig zusätzliche Sicherheit, dass es an Patienten nicht mangeln wird und dass die Praxis gut ausgelastet geführt werden kann, sagt Ute Keller. „Während meiner 25-jährigen Tätigkeit als Beraterin habe ich aber auch keinen Fall erlebt, in dem eine Apotheken- oder Praxisinhaberin den Schritt in die Selbständigkeit bereut hätte.“
Auch „Boys Club“ muss umdenken
Die apo-Zahlen unterstreichen also, dass Frauen durchaus die Gunst der Stunde nutzen und mutiger werden sollten. Denn der Bedarf ist groß, womit auch die Erfolgsaussichten steigen. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung EY, dass auch der – überspitzt formuliert – „Boys Club“ umdenken und ihren „Thomas-Kreislauf“, wie ihn die AllBright Stiftung getauft hat, durchbrechen darf. Denn der deutsche CEO stellt nicht nur immer noch gerne „sein Spiegelbild“ ein, sondern traut ihm auch in Sachen Investments deutlich mehr zu. Laut EY-Studie erhalten Existenzgründerinnen deutlich weniger Venture Capital als ihre männlichen Startup-Gründer. Die Studie offenbart eine erhebliche Ungleichheit bei der Vergabe von Venture Capital im Jahr 2023. Demnach erhielten 237 Frauen und 1.713 Männer Risikokapital für ihre Start-ups in Deutschland.
Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass Start-ups, die ausschließlich von Frauen gegründet wurden, nur einen Bruchteil der Summe erhielten, die männlichen Teams zugutekam. So erhielten Existenzgründerinnen-Teams 102 Millionen Euro, während hingegen rein männliche Teams 4,9 Milliarden Euro erhielten. Die restlichen 608 Millionen Euro flossen in gemischtgeschlechtliche Gründerteams.
Die vorangegangenen Erkenntnisse sind in vielerlei Hinsicht wahrlich nicht neu. Umso wichtiger, dass sie immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt werden. Denn nur, wenn wir uns unserer Biases – und die haben Männer wie Frauen gleichermaßen – bewusst werden, können wir sie vielleicht überwinden. Und falls alle anderen Argumente nicht zählen: Zumindest für die angeschlagene deutsche Wirtschaft wäre es ein großes Plus, wenn man das Potenzial, von über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung auch nutzt. Übrigens: Hier machen uns die fünf ostdeutschen Bundesländer vor, wie es gehen kann. Dort liegt laut Statista der Anteil weiblicher Führungskräfte bei über 30 Prozent – mit Spitzenwerten von 34 in Mecklenburg-Vorpommern und 35 in Sachsen. Im Westen schafft es lediglich das Saarland auf einen Anteil von 30 Prozent.



