Vision 2024 – und was in den nächsten Monaten passieren muss

by | May 16, 2024

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Auch Gastautor Dr. med. Georg Langebartels zieht für HealthCareTimes seine persönliche Bilanz der diesjährigen DMEA und beschreibt seine Vision 2024 und was aus seiner Sicht passieren muss, damit die DMEA im kommenden Jahr auch wirklich etwas im klinischen Alltag der Healthcare-Professionals verändern kann. 

 

Neulich habe ich ein Zitat gelesen, das die Atmosphäre auf der DMEA 2024 sehr treffend beschreibt: „Die DMEA sei eine Parallelwelt zu der Wirklichkeit in den Krankenhäusern.” Eine aus meiner Sicht sehr zutreffende Beschreibung, die auch auf die Digital-Healthcare-Szene zutrifft. Denn auch sie neigt dazu, zu übersehen, dass die Realität in den Krankenhäusern leider immer noch eine andere, immer noch sehr analoge, ist. Zunächst daher ein kurzer, persönlicher Rückblick zur DMEA 2024.

Ich möchte mit dem aus meiner Perspektive wichtigsten beginnen: dem Megathema Interoperabilität. Für mich als Arzt ist es sehr ermutigend zu sehen, dass Interoperabilität und die damit verbundene semantische und syntaktische Standardisierung nun endlich an Bedeutung gewinnt und dass viele Hersteller offensichtlich verstanden haben, dass dies im Gesundheitssystem nicht nur Fluch, sondern auch Segen sein kann. So gab es an dem einen oder anderen Messestand sehr innovative Konzepte zu sehen. Spannend finde ich immer wieder auch den Gedanken eines digitalen Ökosystems. Trotzdem bleibt die Frage bestehen: Was können die Experten im Bereich FHIR-basierter Kommunikation und als Architekten von Interoperabilitätsplattformen wirklich leisten? Können sie den hohen Erwartungen gerecht werden , die an sie gestellt werden

Plattformen gewinnen insgesamt an Bedeutung

Denn Telemedizin und Telemedizinkonzepte werden auch vor dem Hintergrund der gesundheitspolitischen Entwicklung in Deutschland, neben den Patientenportalen und anderen digitalen Plattformodellen, eine zunehmend bedeutendere Rolle einnehmen. Dies liegt leider auch daran, dass die Patientenportal-Anbieter noch nicht halten können, was gemäß KHZG-Fördertatbestand 2 von ihren Software-Lösungen erwartet wird. Heilsversprechen und Wirklichkeit gehen auch hier noch sehr weit auseinander. Eine Online-Terminbuchung ist im Übrigen noch kein Patientenportal. Gerade im Kontext telemedizinischer Anwendungen gibt es zwischen FTB 2 (Patientenportal) und FTB 9 (telemedizinische Anwendungen) eine große Schnittmenge. Es scheint, als ob diese Schnittmenge nun überwiegend durch telemedizinische Konzepte bedient werden wird.

Das Thema Künstliche Intelligenz war auf der DMEA natürlich allgegenwärtig und wurde daher auch in vielen Podiumsdiskussionen thematisiert. Ich mag hier im Moment noch eher die leisen Töne und die seriöse Herangehensweise an dieses sehr vielschichtige Thema. Wir haben aus meiner Sicht noch nicht alle Hausaufgaben im Fach „Digitalisierung des Gesundheitswesens“ erledigt, um jetzt im Leistungskurs KI weiterzumachen. Dort, wo KI heute schon in den Krankenhäusern in der Diagnostik eingesetzt wird, stehen exzellente strukturierte Daten zur Verfügung. Natürlich ist es offenkundig und klar, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Was jetzt die richtigen nächsten Schritte sein müssen, um KI im Krankenhaus sicher aufzubauen, möchte ich später noch einmal aufnehmen.

Sehr positiv habe ich wahrgenommen, dass in diesem Jahr noch mehr Startups mit vielen guten und wertvollen Ideen vertreten waren als schon in den vergangenen Jahren. Diese Startup-Szene trifft auf ein zunehmend fachkundiges Publikum aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und Co-Therapeuten. Dies macht Hoffnung für die Zukunft. Wohin nur mit diesen vielen intelligenten und extrem nützlichen Ideen und digitalen Tools. Ich wünsche mir auch hier ein digitales Ökosystem herbei, um diese Apps und Tools endlich ansiedeln zu können.

Was mit diesem Input und Themen machen?

Für die Messe im kommenden Jahr wünsche ich mir die nötige Seriosität und Ernsthaftigkeit und eine stärkere Fokussierung auf die eigentlichen Kunden, die Healthcare-Professionals. Schließlich ist die DMEA ja keine Spielwarenmesse, sondern – Zitat – „Europas Leitveranstaltung für die digitale Gesundheitsversorgung.” Diesem Anspruch gilt es, auch im sogenannten „Wissenschaftlichen Programm” gerecht zu werden. Durch klinisch-wissenschaftliche Fragestellungen, welche den Digitalisierungsaspekt in den Mittelpunkt stellen, wären eine erhebliche Bereicherung des Rahmenprogramms möglich und würde noch mehr klinische Forscher zur DMEA nach Berlin führen.

Was gibt es nun zu tun?

1. Konsolidierung und Zusammenführung der Projekte:

Wir befinden uns auf der Zielgeraden des KHZG-Schneckenrennens – es gilt, die Projekte zu konsolidieren. Die einzelnen Projekte aus den Fördertatbeständen müssen sinnvoll zusammengeführt werden. Definierte Use Cases helfen dabei, den Umfang der einzelnen Projekte spezifisch auf ein Krankenhaus abzustimmen. Beispielhaft sei hier nur das synergistische Zusammenspiel von telemedizinischen Angeboten und den Patientenportalen angeführt. Durch die Zusammenführung dieser digitalen Bausteine kann der Aufbau von regionalen und überregionalen Versorgungsstrukturen gelingen und die transsektorale Versorgung für die Patientinnen und Patienten erheblich verbessert werden. Durch den demographischen Wandel wird der Prävention von Krankheiten eine erhebliche Bedeutung zukommen. Digitale Anwendungen, welche Risk-Management-Programme unterstützen und fördern, werden wertvoller sein, als der Ausbau von Disease-Management-Programmen. Die Schaffung eines solchen digitalen Ökosystems ist notwendig um uns auf Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz vorzubereiten. Ebenso müssen aber in den Krankenhäusern Daten aus den klinischen Systemen,AIMS, PDMS, den digitalen Fieberkurven und den KIS durchgängig erzeugt werden. Diese müssen semantisch und syntaktisch einheitlich sein und strukturiert aufbereitet in CDRs, MIOPs und IOPs verfügbar gemacht werden. Nur so, lassen sich zuverlässige und kontrollierbare KI-Modelle weiter entwickeln. In diesem Zusammenhang sind weitere wichtige Aspekte und Fragen zu adressieren und müssen beantwortet werden. Dazu zählen insbesondere ethische und medicolegale Fragestellungen, aber auch die psychosozialen Auswirkungen auf die Arbeit mit KI. Es ist also notwendig, sehr planvoll und interdisziplinär Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz im Krankenhaus vorzubereiten.

2. Digitalisierungsschub durch Changemanagement weiter fördern:

Wir müssen iterativ die klinischen Anwender und Berufsgruppen einbinden – auch weil die Effekte des KHZG bisher von den Healthcare-Professionals noch nicht spürbar wahrgenommen werden. Der immer noch bestehende, von Medienbrüchen geprägte Innovationsstau in der analogen „Parallelwelt” des Krankenhauses muss unbedingt abgebaut werden. Dazu benötigen wir auch neue Methoden und alternative Herangehensweisen im Veränderungsmanagement unserer Organisationen. Beispielsweise ist die kulturpsychologische Analytik und Beratung von Arbeit im Krankenhaus dabei ein sehr hilfreiches Instrument, um die Themen unserer Zeit wie etwa New Work und Resilienz am Arbeitsplatz auch für das Gesundheitswesen zu entschlüsseln. Wir müssen unbedingt Anreize für die Generationen Z und A schaffen, um Krankenhäuser als attraktive Arbeitswelten im 21. Jahrhundert für die Gesundheitsversorgung zu erhalten. Die großen Themen dieser Zeit bedürfen eines gemeinsamen Schulterschlusses von Healthcare-Professionals und Industrie, um innovative digitale Lösungen zu entwickeln und einzuführen. Wir dürfen es nicht vermasseln. Es gibt keinen Weg zurück!

 

Dr. med. Georg Langebartels ist Herzchirurg und Intensivmediziner. 2015 wechselte er aus der Position des bereichsleitenden Oberarztes der kardiochirurgischen Intensivstation des Herzzentrums der Uniklinik Köln in das dortige Krankenhausmanagement. In der Stabsstelle Klinikangelegenheiten des Ärztlichen Direktors und Vorstandsvorsitzenden baute er die Abteilung Digitale Klinische Systeme auf und ist mit seinem interdisziplinären Team mit der Umsetzung digitalstrategischer Projekte und der Förderung innovativer digitaler klinischer Projekte befasst. Seit 2019 ist er Vorsitzender der IT-Strategie-Kommission der Uniklinik Köln und für das KHZG-Programm.

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