Übermedikalisierung in der Menopause?

by | Mar 11, 2024

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Mehrere Autorinnen fordern im Fachmagazin Lancet eine differenziertere Betrachtung der Wechseljahre und neue Behandlungsansätze satt der gängigen Hormonersatztherapie.

 

Es ist eine deutliche Kritik, die mehrere Autorinnen in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Lancet kritisieren: Die Wechseljahre werden als Gesundheitsproblem nur vereinfacht dargestellt und die einzige gängige Behandlungsmethode sei die Hormonersatztherapie (HRT). Deshalb fordern sie einen neuen Ansatz, der die Vielschichtigkeit dieser Lebensphase berücksichtigt. Statt ausschließlich auf Medikamente zu setzen, plädieren sie für Alternativen wie kognitive Verhaltenstherapie und Lebensstiländerungen, um Frauen besser zu unterstützen. Auch Experten aus Deutschland warnen vor einer irreführenden Darstellung der wirkungsvollen HRT und sprechen sich für eine individuelle Behandlung aus. Eine Informationskampagne der Deutschen Menopause Gesellschaft (DMG) soll das Bewusstsein schärfen und Frauen mehr Entscheidungsfreiheit geben.

Die Autorinnen aus Australien, den USA, Indien und dem Vereinigten Königreich argumentieren, dass die gesellschaftliche Sichtweise der Menopause zu negativ, vereinfacht und nicht faktenbasiert sei. Vor allem üben sie Kritik an der gängigen HRT, die bei der Behandlung von Hitzewallungen und/oder nächtlichen Schweißausbrüchen eingesetzt wird. Zwar bestätigen sie, dass einige Frauen die Wechseljahre als extrem negativ erleben und von einer Hormontherapie profitieren, die Reali­tät sei aber wesentlich komplexer. Martha Hickey von der University of Mel­bourne und dem Royal Women’s Hospital betont daher: „Wenn wir die Wechseljahre als Teil des gesunden Alterns betrachten, können wir die Frauen besser befähi­gen, diese Lebensphase zu meistern und die Ängste und Befürchtungen derjenigen abbauen, die sie noch nicht erlebt haben.“

Neuer Ansatz soll Vielschichtigkeit der Wechseljahre berücksichtigen

Wichtig sei auch, die Vielfalt der Erfahrungen zu berücksichtigen, die Frauen während dieser Lebensphase machen, um einer möglichen Übermedikalisierung entgegenzuwirken. Wie Lydia Brown von der Universität Melbourne erklärt, gilt es neben den bekannten negativen Symptomen auch neutrale oder sogar positive Aspekte wie das Ende der Menstruation und damit verbundenen Schmerzen anzuerkennen. Zudem zeige die HRT keine ausreichende Evidenz für die Linderung von Symptomen wie Energiemangel, Brain Fog, vermindertem Selbstvertrauen, Blähungen, Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen. Sie sei laut Leitlinien auch nicht zur Vorbeugung chronischer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Demenz empfohlen, da die Risiken den Nutzen überwiegen, wie Studien im New England Journal of Medicine (2023) und JAMA (2003) zeigen.

Deutsche Experten warnen vor irreführender Darstellung der HRT

In Deutschland sieht man die Ausführungen des Autorinnen kritisch. Von „zu viel Therapie” könne hierzulande nicht die Rede sein – im Gegenteil. „Die irreführend interpretierte Women’s Health Initiative (WHI)-Studie führt bis heute dazu, dass viele Frauen mit schwerwiegenden klimakterischen Symptomen auf eine adäquate Therapie verzichten müssen aus Ängsten vor irreführend dargestellten Nebenwirkungen wirkungsvoller medikamentöser Therapieoptionen“, betont Christian J. Thaler, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).

Auch die DMG ist der Ansicht, dass in Deutschland keine Übermedi­ka­lisierung vorliege. „2022 erhielten laut Statistik der Techniker Krankenkasse etwa sechs bis sieben Prozent der Frauen in den Wechseljahren Hormone, aktuell zeigt sich allenfalls eine leicht steigende Tendenz“, erläuterte Katrin Schaudig, Frauenärztin aus Hamburg und Präsidentin der DMG, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Wenn man bedenkt, dass rund ein Drittel der Frauen einen ganz erheblichen Leidensdruck hat, ist da noch viel Luft nach oben.“

Ausgewogener Ansatz für die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden

Die DMG betont jedoch auch, dass das Klimakterium in Deutschland nach wie vor unterschätzt werde. Schaudig empfiehlt daher einen ausgewogenen Ansatz bei der Behandlung von Wechseljahresbeschwerden. Neben alternativen Behandlungsmethoden wie der kognitiven Verhaltenstherapie, Lebensstiländerungen und nicht-hormoneller Wirkstoffen sollte vor allem für diejenigen mit starken Beschwerden und beeinträchtigter Lebensqualität eine HRT unbedingt in Betracht gezogen werden. Diese gilt als effektivste Behandlung bei Hitzewallungen und nächtlichen Schweißausbrüchen. Außerdem könne dadurch bei prämaturer Ovarialinsuffizienz, einem frühen Eintritt der Menopause vor dem 40. Lebensjahr, Osteoporose vorgebeugt sowie bei älteren postmenopausalen Frauen die Knochenmineraldichte verbessert und das Risiko von Wirbel- und Hüftfrakturen verringert werden. Um Frauen besser zu informieren und ihnen eine fundierte Entscheidung zu ermöglichen, hat die Deutsche Menopause Gesellschaft im Oktober 2023 eine Informationskampagne gestartet. Regelmäßige Onlinefortbildungen sollen Wissenslücken schließen und Frauen in den Wechseljahren unterstützen.

Frauen in der Medizin auch 2024 unterrepräsentiert

Die vermehrte Auseinandersetzung mit dem Thema Frauengesundheit und frauenspezifischer körperlicher Herausforderungen wie Wechseljahresbeschwerden hat auch im Jahr 2024 eine große Bedeutung. So sind Frauen nicht nur noch immer bei großen Studien unterrepräsentiert. Geschlechtsspezifische Unterschiede werden auch in der klinischen Praxis häufig vernachlässigt. Typische Frauenkrankheiten wie Menstruationsbeschwerden, Endometriose und Osteoporose erhalten oft weniger Aufmerksamkeit und Forschungsgelder als Gesundheitsprobleme, die auch bei Männern auftreten. Diese Ungleichheit in der Forschung führt dazu, dass Frauen nicht die gleichen Behandlungsmöglichkeiten und Ressourcen erhalten wie Männer, obwohl sie von bestimmten Gesundheitsproblemen stärker betroffen sind.

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