„Transformation kostet Geld“

by | Jul 8, 2024

Anhoren

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Die große Telemedizin-Euphorie ist nach der Corona-Pandemie abgeebbt. Nun gilt es, eine solidere, tiefer in die Versorgungsprozesse integrierte Version 2.0 zu schaffen. Warum es mit Technologie alleine nicht getan ist, sondern auch Mindset, Regulatorik und Datenbasis stimmen müssen, erklärt Arztkonsultation-Geschäftsführer Jan Zeggel im Interview.

 

 

Herr Zeggel, in den USA haben sich mit United Health und Walmart gerade zwei große Anbieter vom Telemedizingeschäft verabschiedet. Verändert sich der Markt oder ist das die klassische Konsolidierung mit zunehmender Marktreife?

Zunächst einmal sprechen wir hier nicht über etablierte Geschäftsmodelle, sondern über Anbieter, die gerade einmal zwei, drei Jahre am Markt waren. Das ist für die Einordnung wichtig. Denn auch in Deutschland sehen wir, dass es nicht damit getan ist, zu sagen, ich habe hier eine Technologie und kann den Besuch beim Arzt oder in der Apotheke auch virtuell machen. Telemedizin muss entlang der gesamten Versorgungskette gedacht werden. Mit Blick auf die von Ihnen genannten Beispiele heißt das: Auch singuläre Angebote, wie sie ein Walmart anbietet, müssen sich in das gesamte Versorgungssystem einfügen. Und das unterschätzen viele Anbieter schlicht und ergreifend.

Das heißt, Telemedizin ist mehr als die reine Fernbehandlung?

Ganz genau. Die ist mit Sicherheit ein wichtiger Teil, dennoch ist Telemedizin sehr viel mehr als nur Videosprechstunde. Und aus meiner Sicht ist genau das auch der Grund, warum es Anbieter von Zava oder Kry in Deutschland nicht geschafft haben oder es Walmart und United Health jetzt in den USA nicht schaffen.

Was macht aus Ihrer Sicht dann den Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Anbietern?

Telemedizin funktioniert nur in einer hybriden Struktur, also einer sinnvollen Verzahnung der analogen und der virtuellen Welt. Zudem glaube ich, dass der Reifegrad des Marktes überschätzt wird. Hier kann ich nur für Deutschland sprechen, aber gerade die seit Jahren etablierten Prozesse von oftmals eingespielten Teams in den Praxen verändern Sie nicht von heute auf morgen. Die stärker in Richtung Telemedizin zu entwickeln, ist für die Praxen dann nämlich auch ein Kraftakt, weil alle Prozesse angefasst werden müssen. Und letztendlich haben die meisten Akteure auch erwartet, dass sich die Regulatorik viel schneller pro Telemedizin entwickelt.

Wo bleibt die Regulatorik denn konkret zurück?

Wir haben in Deutschland lange auf das E-Rezept gewartet, die ePA als „Enabler“ kommt jetzt erst und dann ist beispielsweise auch die Mengenbegrenzung für Videosprechstunden in Deutschland nach wie vor nicht aufgehoben. Es ist die Summe, die nicht gerade als Katalysator wirkt. Und letztendlich brauchen wir auch Datenmedizin, sprich strukturiert verfügbare Daten.

Warum sich Walmart potenziell aus der Telemedizin zurückzieht, haben wir diskutiert. Aber wie bewerten Sie grundsätzlich den Supermarkt als Anlaufstelle für eine virtuelle Gesundheitsversorgung?

Als strategisch gut platziert. Und ich glaube, da werden wir auch in Deutschland hinkommen. Auch wir haben heute schon ähnlich gelagerte Kooperationen, setzen in kleinem Rahmen erste Pilotprojekte um. Denn was passiert: 40 Prozent der Hausärzte und rund 30 Prozent der Fachärzte sind über 60. Wir brauchen also solch gut gewählte Zugangspunkte für die Gesundheitsversorgung – im ländlichen wie im urbanen Raum.

Ist so etwas in Deutschland im Rahmen der Selbstverwaltung überhaupt möglich?

Wir haben in Deutschland eine besondere Situation. Aber natürlich sind wir als Anbieter sehr intensiv im Austausch mit den verschiedenen Akteuren der Selbstverwaltung und erleben hier beispielsweise auf Seiten der großen KVen, dass viele der Denkverbote, die noch vor wenigen Jahren Bestand hatten, mittlerweile aufgehoben sind. Vielmehr macht man sich auch dort sehr viele Gedanken darüber, wie sich ein Kassensitz virtualisieren lässt.

Sie sagen also, die grundsätzliche Bereitschaft ist da, sowohl bei den Medizinern als auch bei den Patienten?

Absolut, weil die Vorteile gerade im Bereich chronischer Erkrankungen so deutlich überwiegen. Wobei ich davon überzeugt bin, dass wir sehr viel weiter sein könnten, wenn wir aufhören würden, immer in Malus-Strukturen zu denken. Anreize sind aus meiner Sicht der bessere Weg, der notwendigen Transformation – denn dass wir sie brauchen, darüber sind sich ja alle einige – mit einem positiven Mindset zu begegnen.

Alternativ müsste der Druck vielleicht noch größer werden…

Der ist tatsächlich schon hoch. Was wir derzeit verstärkt erleben, sind Bürgermeister, Landräte, eben die kommunal Verantwortlichen, die sich aktiv auf die Suche nach Lösungen für die Versorgung in ihrer Region begeben und dann unter anderem auch bei uns anrufen. Und wenn ein Bürgermeister auf die Suche nach Lösungen für den Ruhestand des lokalen Hausarztes geht, zeigt das, wie angespannt die Lage vielerorts schon ist. Wobei das sicherlich nur ein kleiner Vorgeschmack dessen ist, was noch auf uns zukommt.

Sie hatten das Stichwort Datenmedizin als Basis für Telemedizin genannt. Wie weit ist Deutschland von einer solchen soliden Datenbasis entfernt?

Die fehlt. Wir haben über das komplette Gesundheitswesen hinweg eine extrem ausgeprägte Legacy-IT-Infrastruktur, keine Praxis, kein Krankenhaus, kein Versicherer – ich überspitze bewusst – ist in der Cloud und wir diskutieren immer noch darüber, ob FHIR der richtige Standard ist. Und selbst wenn große Hersteller ihre Schnittstellen öffnen, können viele der Systeme die dann einfließenden Daten gar nicht verarbeiten, weil keiner mehr die dort verwendeten, veralteten Programmiersprachen nutzt. Das ist eine der ganz großen Herausforderungen, vor der wir stehen.

Ist das dann überhaupt eine Herausforderung, die man lösen kann?

Ich sage, die Frage stellt sich nicht, weil eine Lösung alternativlos ist. Wir müssen uns nur darüber bewusstwerden, dass Transformation Geld kostet.

Geld alleine ist aber doch sicher auch nicht die Lösung…

Das ist es sicher nicht. Ich persönlich wünsche mir mehr Kooperationen, Partnerschaften, mehr Offenheit. Denn ohne Zusammenarbeit lassen sich Versorgungsprozesse nicht neu denken – und nur so werden wir alle langfristig Wettbewerbsvorteile sichern können. Closed-Shop-Modelle werden nicht überleben. Ich nenne es gerne „Co-opetition“ – es gibt Projekte, da ist die Kooperation interessant, und beim nächsten steht man vielleicht im Wettbewerb. Starre Grenzen waren auch da gestern.

 

 

Jan Zeggel ist seit 2021 bei arztkonsultation, das von seinem Vater und Healthcare-Unternehmer Dr. Peter Zeggel gegründet und lange Jahre geleitet wurde. 2022 übernahm Jan Zeggel den Posten des Chief Operating Officers, 2023 dann die Geschäftsführung. Vor seinem Einstieg im Familienunternehmen war Zeggel selbst als Entrepreneur und Startup-Berater tätig.

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