Trainieren gegen Nervenschäden nach Krebstherapie

by | Jul 2, 2024

Im Zentrum des Trainings stehen unter anderem Gleichgewichtsübungen, hier mithilfe eines Fussballs. Quelle Universität Basel / Florian Moritz

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Eine Sportwissenschaftlerin der Universität Basel zeigt in einer Studie, wie einfaches Training Nervenschäden nach Krebstherapien vorbeugen kann.

 

Schmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Taubheitsgefühle, Brennen oder Kribbeln sind typische Symptome nach einer Chemo- oder Immuntherapie. Und diese Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) verschwindet auch nur bei rund 50 Prozent der Patienten nach erfolgreicher Behandlung wieder. Doch es gibt Hoffnung: Ein Forschungsteam um Sportwissenschaftlerin Dr. Fiona Streckmann von der Universität Basel und der Deutschen Sporthochschule Köln konnte nun zeigen, dass ein spezifisches Training begleitend zur Krebstherapie den Nervenschäden in vielen Fällen vorbeugen kann. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal Jama Internal Medicine.

Untersucht haben die Forscher für ihre Studie 158 Krebspatienten, die eine Therapie mit Oxaliplatin oder Vinca-Alkaloiden erhielten. Die Patienten wurden per Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt: Eine Kontrollgruppe erhielt nur die Standardbetreuung. Zwei weitere Gruppen absolvierten während der Dauer der Chemotherapie zweimal die Woche Trainingseinheiten von 15 bis 30 Minuten. Die eine Trainingsgruppe führte Übungen durch, bei denen der Fokus vor allem auf Gleichgewichtsübungen auf zunehmend instabilem Untergrund lag. Die andere trainierte auf einer Vibrationsplatte.

Langfristige Überwachung

Im Anschluss wurden die Patienten über einen Zeitraum von fünf Jahren regelmäßig untersucht. Dabei zeigte sich, dass in der Kontrollgruppe etwa doppelt so viele Teilnehmer eine CIPN entwickelten wie in den beiden Trainingsgruppen. Anders ausgedrückt: Das begleitende Training während der Chemotherapie konnte das Auftreten von Nervenschäden um 50 bis 70 Prozent reduzieren. Zudem erhöhte es die subjektiv empfundene Lebensqualität, machte ungünstige Reduktionen der Krebsmedikamentendosis seltener notwendig und verringerte die Sterblichkeit bis zu fünf Jahre nach der Chemotherapie.

Am meisten profitierten die Teilnehmenden vom sensomotorischen Training, also dem Gleichgewichtstraining auf instabilem Untergrund.

Wirkungsvoller als Medikamente

Es werde seit Jahren viel Geld investiert, um das Auftreten von CIPN zu reduzieren, erklärt Streckmann. Denn die Nebenwirkung habe einen direkten Einfluss auf die klinische Behandlung, etwa weil die eigentlich notwendigen Zyklen der Chemotherapie nicht mehr eingehalten werden, die Dosis der Krebsmedikamente reduziert oder die Therapie ganz abgebrochen werden muss.

Trotz dieser großen Anstrengungen gibt es bisher keine wirksame pharmakologische Behandlung: Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Medikamente die Nervenschäden weder verhindern noch rückgängig machen können. Dennoch werden jüngsten Schätzungen zufolge beispielsweise in den USA 17.000 Dollar pro Patient und Jahr ausgegeben, um Chemotherapie-bedingte Nervenschäden zu behandeln. „Ärztinnen und Ärzte verschreiben trotz allem Medikamente, weil der Leidensdruck der Patientinnen und Patienten so groß ist“, vermutet Streckmann.

Leitfaden für Kliniken

Im Gegensatz dazu lasse sich der positive Effekt des Trainings belegen und diese Behandlung sei im Vergleich sehr kostengünstig, betont die Sportwissenschaftlerin. Derzeit arbeitet sie mit ihrem Team an einem Leitfaden für Spitäler, um das Training als begleitende Maßnahme zur Krebstherapie in die klinische Praxis zu bringen. Zudem läuft seit 2023 eine Studie an sechs Kinderkrankenhäusern in Deutschland und der Schweiz (PrepAIR), die das Training als Maßnahme gegen CIPN auch in der Kinderonkologie prüfen soll.

„Das Potenzial körperlicher Aktivität wird enorm unterschätzt“, sagt Fiona Streckmann. Sie hofft deshalb sehr, dass mit Ergebnissen wie den jetzt veröffentlichten vermehrt Sporttherapeuten auch an Krankenhäusern beschäftigt werden, um dieses Potenzial besser auszuschöpfen.

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