TI 2.0: PoPP steht in den Startlöchern – und wird massiv unterschätzt

von | Juni 4, 2026

Anhoren

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Proof of Patient Presence, kurz PoPP, löst CardLink ab. Damit funktioniert die Authentifizierung im Gesundheitswesen erstmals rein digital. Doch wer glaubt, das sei vor allem ein technisches Thema, irrt, sagt Frédéric Naujokat, Gründer von ehex. In seinem Gastbeitrag erklärt er, was PoPP wirklich verändert.

 

Wer die Entwicklung der Telematikinfrastruktur verfolgt, kennt CardLink als pragmatische Übergangslösung. Sie ermöglichte es, die elektronische Gesundheitskarte per Smartphone einzulesen, mit SMS-TAN als Sicherheitsmechanismus. Der Ablauf funktioniert. Vor allem E-Rezepte werden damit im großen Stil eingelöst.

Dabei ist CardLink eigentlich nur ein Workaround. Oder in anderen Worten: eine Übergangslösung mit Ablaufdatum. Am 31. Januar 2027 endet die Zulassung der Technologie. Als Nachfolger steht Proof of Patient Presence (PoPP) in den Startlöchern. Statt Gesundheitskarte und SMS-Code basiert die neue Technologie auf der Gesundheits-ID und temporären Token. Das heißt, es wird keine Karte ausgelesen, keine SMS verschickt und kein physischer Kontakt benötigt. Das klingt nach einer technischen Herausforderung, ist aber viel mehr als das. PoPP wird falsch verstanden.

PoPP wird schnell zur Commodity

In der TI-Bubble wird gerade intensiv diskutiert, wer PoPP anbieten wird, wie die technischen Vorgaben aussehen, wann und wie die Zulassung zu erhalten ist. Das ist alles verständlich, aber langfristig gar nicht entscheidend. Denn PoPP wird sich als Differenzierungsmerkmal schnell verflüchtigen. Ein funktionierender PoPP-Client wird in wenigen Monaten eine Standard-Komponente sein – so wie heute niemand mehr damit wirbt, dass sein System eine Gesundheitskarte einlesen kann. Die Technologie wird zur Commodity. Wer das versteht, stellt nicht mehr die Frage „Wann haben wir PoPP?“. Stattdessen rückt in den Mittelpunkt, welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben und wie diese Chancen am besten zu nutzen sind. Genau hier wird es spannend.

Die unterschätzte Komplexität

Für den PoPP-Service ist klar definiert, wie ein Token ausgestellt wird, der die Präsenz sicher nachweisen kann. Das ist eine wichtige Grundlage, aber nicht der schwierige Part. Wer fordert wann einen Token an, in welchem Kontext? Und wie wird diese Authentifizierung in bestehende Systeme integriert? Diese Fragen beantwortet der zentrale Service nicht.

Für zusätzliche Komplexität sorgt der Nachweis des Versorgungskontexts. Bei PoPP gilt der Nachweis der Anwesenheit immer für eine bestimmte Situation. Das heißt, neben den Versicherten müssen auch die Leistungserbringer gleichzeitig ihre Identität digital nachweisen. Anwendungen für Versicherte, Kassen, Leistungserbringer und digitale Versorgungsanbieter müssen also unabhängig voneinander korrekt implementiert werden und am Ende trotzdem reibungslos zusammenspielen. Im Rahmen der Zero-Trust-Architektur ist dieses Setup logisch, aber trotzdem nicht trivial. Denn kein einzelner Akteur hat die vollständige Kontrolle über den gesamten Ablauf.

Für Kliniken, Praxen, Apotheken und weitere Leistungserbringer bedeutet das: PoPP ist kein Update, das einfach eingespielt wird. PoPP erfordert neue Prozesse, Zuständigkeiten und im besten Fall eine Abstimmung über Organisationsgrenzen hinweg. Vieles davon muss neu definiert werden, um die Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Wer das als reines IT-Projekt behandelt, unterschätzt den Aufwand – und gleichzeitig das Potenzial.

Wie macht PoPP neue Versorgungsmodelle möglich?

Frédéric Naujokat sieht großes Potenzial im PoPP

Frédéric Naujokat sieht großes Potenzial im PoPP

Eine Kernfrage im digitalen Gesundheitswesen ist der verlässliche Nachweis, welche versicherte Person tatsächlich anwesend ist. CardLink hat dieses Problem teilweise und übergangsweise gelöst. Jetzt wird es Zeit für eine echte Antwort, die rein digital funktioniert.

Das bietet Chancen, die weit über den klassischen Anwendungsfall von CardLink, das Einlösen von E-Rezepten, hinausgehen. Vor allem die Telemedizin kann davon profitieren. Videosprechstunden und digitale Behandlungspfade funktionieren mit PoPP ganz ohne physischen Nachweis in Form einer Versichertenkarte. Auch der mobile TI-Einsatz wird erleichtert, weil beispielsweise auf Hausbesuchen kein Kartenterminal benötigt wird, um eine Versichertenkarte auszulesen. Die echte Hürde ist dabei die Gestaltung, also die Abstimmung und Integration von Abläufen für eine reibungslose Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Dabei geht es um Versorgungspfade, die in der aktuellen TI teils noch überhaupt nicht denkbar sind. Deshalb ist die Entwicklung von PoPP nur eine erste technische Grundlage. Der spannendere Schritt ist die Übersetzung von PoPP in neue Abläufe – beispielsweise in einen neuen Mutter-Kind-Nachsorgepfad nach der Geburt. Nach der Entlassung aus der Klinik übernimmt die Hebamme die Betreuung im häuslichen Umfeld. Über PoPP weist die Mutter ihre Präsenz im konkreten Betreuungskontext nach, während sich die Hebamme digital authentifiziert. Bei Auffälligkeiten können Gynäkologie, Kinderarztpraxis oder Klinik in denselben digitalen Pfad eingebunden werden. So entsteht aus Entlassung, Wochenbettbetreuung, Verlaufskontrolle, Rezepten und Eskalationen ein zusammenhängender Versorgungspfad anstelle einer Kette einzelner, organisatorisch getrennter Kontakte.

Ein Startpunkt für die digitale Versorgung

Wer PoPP nur als Ersatz für CardLink sieht, denkt also zu kurz. Die ersten Implementierungen werden wahrscheinlich diesen Fokus haben, um die etablierten E-Rezept-Einlösewege langfristig zu sichern. Aber PoPP kann mehr als das.

Wenn die neuen Spielräume mit Kreativität und Konsequenz eingesetzt werden, sind neue Abläufe möglich, die heute noch scheitern würden. ePA, E-Rezept und Co. können Teil von Versorgungspfaden werden, die im Moment entweder von der TI entkoppelt sind oder noch gar nicht existieren. Das bietet vielversprechende Perspektiven für ein besseres und vernetztes Gesundheitswesen. PoPP ist die Infrastruktur, auf der die nächste Generation der digitalen Versorgung aufgebaut wird.

 

Frédéric Naujokat ist Medizininformatiker und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH [ehex]. Als waschechter Ruhrpottler setzt er sich leidenschaftlich für sein Herzensthema ein: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Seit 20 Jahren ist er mit der Telematikinfrastruktur vertraut, davon zehn Jahre als Berater der gematik. Im Unternehmen wirkt Frédéric Naujokat heute als Ideengeber und Vordenker, der weiterhin auch in Technik und Programmierung engagiert ist. An erster Stelle steht für ihn das Wohl seines Teams.

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