Digitale Gesundheitsprogramme gelten als Hoffnungsträger für die Medizin der Zukunft. Doch eine neue Studie der TU München zeigt: Ohne persönliche Betreuung sind die Erfolge begrenzt.
Die Digitalisierung der Medizin schreitet rasant voran, und Telemedizin sowie App-gestützte Therapieprogramme sollen helfen, Patientinnen und Patienten besser zu versorgen. Die Hoffnung: Krankheitsverläufe verbessern, Ärzte entlasten und das Gesundheitssystem effizienter gestalten. Doch eine groß angelegte Studie der Technischen Universität München (TUM) zeigt, dass die erhofften Effekte oft ausbleiben. Besonders für Menschen mit Typ-2-Diabetes und koronarer Herzerkrankung, die ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und andere Komplikationen haben, bleibt die persönliche Betreuung weiterhin unverzichtbar.
Studie mit über 500 Patientinnen und Patienten
Die Studie, die an elf deutschen Standorten durchgeführt wurde und im renommierten Fachjournal Nature Medicine erschienen ist, untersuchte den Nutzen von Telemedizin für 502 Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und koronarer Herzerkrankung. 84 Prozent der Teilnehmenden waren Männer, das Durchschnittsalter lag bei 68 Jahren.
Die Probanden wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Kontrollgruppe erhielt eine herkömmliche ärztliche Betreuung mit allgemeinen Ernährungsempfehlungen und Infomaterial zu körperlicher Aktivität. Die zweite Gruppe bekam zusätzlich ein App-gestütztes Trainingsprogramm sowie personalisierte Ernährungstipps. Die erste Phase der Studie dauerte sechs Monate, in denen die Probandinnen und Probanden durch regelmäßige Telefonate begleitet wurden. Anschließend sollten sie die Übungen selbstständig fortsetzen.
Geringe Verbesserungen trotz intensiver Betreuung
Nach sechs Monaten zeigte sich ein kleiner, aber statistisch signifikanter Effekt: Der Langzeitblutzuckerwert (HbA1c) verbesserte sich um -0,13 Prozentpunkte. Bei Patientinnen und Patienten, die das Programm konsequent nutzten, lag die Verbesserung bei fast -0,3 Prozentpunkten – ein Wert, der aus klinischer Sicht relevant ist.
Doch in anderen Bereichen, wie Blutdruck oder Cholesterinwerten, konnten keine signifikanten Verbesserungen festgestellt werden. Nach Ende der zweiten Studienphase, als die Patientinnen und Patienten die Übungen eigenständig weiterführen sollten, waren die positiven Effekte nicht mehr nachweisbar.
Viele nutzen die digitalen Angebote nicht
Ein zentraler Faktor für die geringen Erfolge war die mangelnde Nutzung der digitalen Programme. Nur 41 Prozent der Teilnehmenden hielten sich an die vorgegebenen Bewegungsübungen, fast ein Viertel begann gar nicht erst mit dem Training.
Ein weiteres Problem: Mehr als zwei Drittel der Probandinnen und Probanden empfanden den Umgang mit Apps und digitalen Geräten als schwierig. Studienleiter Prof. Martin Halle sieht darin eine zentrale Herausforderung:
„Ältere Menschen sind von diesen Erkrankungen besonders betroffen, haben aber oft Schwierigkeiten mit der Nutzung neuer Technologien. Wenn sie diese nicht aktiv nutzen, verpuffen die positiven Effekte.“
Digitalisierung ersetzt keine persönliche Betreuung
Die Studie zeigt, dass ein rein App-gestützter Ansatz nicht ausreicht, um die Gesundheit langfristig zu verbessern. Deutschland ist das erste Land in Europa, in dem digitale Gesundheitsanwendungen von den Krankenkassen finanziert werden. Die Hoffnung, dass Apps den Ärztemangel ausgleichen und die Versorgung effizienter gestalten, müsse jedoch kritisch hinterfragt werden.
„Die individualisierte Begleitung, die wir erprobt haben, war sehr aufwendig – und lieferte wenig Ertrag“, so Halle. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass der aktuelle App-Hype relativiert werden muss. Eine ganzheitliche Herangehensweise bleibt notwendig.“
Digitale Angebote können laut Studie durchaus unterstützend wirken – aber nur, wenn sie in ein durchdachtes Versorgungskonzept eingebettet sind. Besonders ältere Patientinnen und Patienten benötigen gezielte Unterstützung, um digitale Lösungen effektiv zu nutzen.
Zukunft der Telemedizin: Ergänzung, aber kein Ersatz
Die Ergebnisse der TUM-Studie unterstreichen, dass Telemedizin und Apps als ergänzende Werkzeuge dienen können, aber keine persönliche Betreuung ersetzen. Wer langfristig die Gesundheit von Menschen mit Diabetes und Herzkrankheiten verbessern möchte, muss mehr auf persönliche Begleitung setzen und digitale Angebote besser auf die Bedürfnisse der Betroffenen zuschneiden.
Neue Technologien haben großes Potenzial, doch sie dürfen nicht als Allheilmittel betrachtet werden. Ein erfolgreiches Gesundheitssystem muss digitale und persönliche Betreuung intelligent verknüpfen, statt sich allein auf Apps zu verlassen.



