Telematikinfrastruktur: 2024 stehen die Nutzer im Fokus

by | Feb 21, 2024

Frédéric Naujokat ist Medizininformatiker und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH [ehex]

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Leistungserbringer brauchen einen möglichst einfachen Zugang zur Telematikinfrastruktur – deswegen müssen sie auch im Fokus der Entwicklungen stehen. Unser Gastautor Frédéric Naujokat erklärt, wie sich die TI dieses Jahr weiterentwickelt, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Viele Leistungserbringer nutzen TI-as-a-Service-Angebote (TIaaS) für einen einfachen Zugang zur Telematikinfrastruktur. Bei TIaaS stehen Konnektoren in Rechenzentren, statt in den Praxen und werden von externen Dienstleistern betrieben. Das erspart Leistungserbringern viel Aufwand – denn die technische Abwicklung wird aus der Praxis ins Rechenzentrum verlagert.

Nun soll es noch einfacher werden: Im Dezember 2023 beschloss die gematik offiziell, das TI-Gateway als einzigen Weg für ein geprüftes und zugelassenes  TIaaS-Angebot zuzulassen. An das TI-Gateway können gleich mehrere medizinische Einrichtungen sicher und verschlüsselt an Konnektoren in geprüften Rechenzentren angeschlossen werden. Einboxkonnektoren in der Praxis werden damit überflüssig. Leistungserbringer müssen sich um mögliche Schwierigkeiten bei Nutzung und Wartung vor Ort keine Sorgen mehr machen.

Höhere Ausfallsicherheit

Mit dem virtuellen TI-Anschluss über das TI-Gateway ändert sich aber noch etwas: Er hat eine höhere Ausfallsicherheit und ist aus der Ferne adminstrierbar. Im Arbeitsalltag laufen TI-Anwendungen damit flüssiger und sorgt für Entlastung von Leistungserbringern. Die Entscheidung für das TI-Gateway ist ein wichtiger Schritt, um TI-Anschlüsse nutzerfreundlich zu machen. Und das ist wichtig – denn erst dann können Leistungserbringer wirklich davon profitieren.

Um eine wirklich nutzerzentrierte TI zu schaffen, müssen Anwendungen wie das TI-Gateway jedoch ausgiebig unter Realbedingungen getestet werden. Das heißt, echte Anwender erproben die Technologie in einem realistischen Kontext: Denn im Mittelpunkt steht nicht die Software, sondern die Menschen, die diese nutzen.

Der erste Test unter Realbedingungen

In Kooperation mit unserem Partner Akquinet haben wir deswegen im letzten Jahr einen Friendly User Test unter Realbedingungen am Klinikum Ingolstadt gestartet – der erste von der gematik zugelassene Test dieser Art. Das Ziel: Unser TI-Gateway in der Praxis zu prüfen und weiterzuentwickeln.

Im Klinikalltag können Nutzer dafür die verschiedenen TI-Fachverfahren testen. Orientiert haben wir uns dabei am typischen Ablauf einer Patientenreise durch die Klinik, begonnen beim Check-In via eGK über das Erstellen und Bereitstellen von E-Rezept, ePA und eAU bis hin zum Check-Out.

Mit den Test wollen wir zudem sicherstellen, dass wir genug Daten sammeln, um die Usability schon vor der Zulassung optimieren und mögliche Fehler ausbessern zu können. So kann unser TI-Gateway nach der Veröffentlichung Leistungserbringer bestmöglich im Arbeitsalltag unterstützen. Gleichzeitig wird durch die ausgiebigen Tests dafür gesorgt, dass Leistungserbringer eine ausgereifte Technologie erhalten.

Was steht noch an für die TI?

Wenn es um Nutzerzentrierung geht, schauen wir 2024 neben dem TI-Gateway besonders auf die Themen E-Rezept, elektronische Patientenakte und CardLink. Denn hier gibt es zwar einige Risiken, aber auch große Chancen für die Entwicklung der TI.

Die Einführung des eRezepts erwies sich in vielen Regionen als holprig und es besteht noch viel Skepsis gegenüber eines Systems, das Abläufe eigentlich erleichtern statt erschweren soll. Bis die Anwender und Patienten aufgeklärt sind und die neuen Prozesse im Alltag problemlos laufen, braucht es noch Zeit und Erfahrung. Doch es lohnt sich.

Außerdem folgt bald ein weiterer Einlöseweg für das E-Rezept: Mit CardLink können Patienten ihr Rezept über NFC-fähige eGKs in Verbindung mit NFC-fähigen Smartphones online einlösen. NFC steht für Nahfeldkommunikation und ermöglicht den kontaktlosen Austausch von Daten. Das soll jedoch nicht der einzige Vorteil bleiben. Wir planen eine Integration in das TI-Gateway, damit auch Leistungserbringer davon profitieren können, zum Beispiel bei Hausbesuchen oder telemdizinischen Angeboten. Denn im Kern kann die Technologie, die wir bald für das Einlösen von E-Rezepten sehen werden, nicht nur eine Authentifizierung von Patienten per eGK, sondern auch eine Leistungserbringer-Authentifizierung per eHBA, dem elektronischen Heilberufsausweis, ermöglichen.

Und die elektronische Patientenakte? 2025 sollen mindestens 80 Prozent der gesetzlich Versicherten über eine elektronische Patientenakte verfügen, sagt das BMG. Die „ePA für alle“ soll dank des Opt-Out-Verfahrens eine hohe Verbreitung finden. Bis dahin muss allerdings die Verbesserung der Usability im Fokus stehen. Um die Benutzung im Alltag einfach zu machen, muss die Akte leicht befüllbar und gut strukturiert sein. Auch eine Eintragungspflicht – und eine entsprechende Vergütung – der Ärzteschaft dafür muss diskutiert werden.

2024: Das Jahr der TI

Man sieht, dieses Jahr bewegt sich viel in der TI – und Entscheidungen der gematik, wie für das TI-Gateway, spielen eine große Rolle dabei. Das wird auch auf Branchenevents wie der DMEA im April zu beobachten sein.

Die Weiterentwicklung vorhandener Prozesse und der Ausblick auf mögliche andere Szenarien sind keine technischen Spielereien, sondern echte Fortschritte für die Nutzerzentrierung, die in der Vergangenheit oft vernachlässigt wurde.

Auch die Wahrnehmung der TI in der Fachwelt kann davon profitieren: Vom Ärgernis und Störfaktor kann sie zum hilfreichen Alltagsbegleiter werden. Da sind auch Hersteller wie wir in der Pflicht. Dies ist machbar, wenn wir konsequent auf Nutzerzentrierung setzen – damit Leistungserbringer in der Telematikinfrastruktur einen möglichst einfachen Zugang bekommen können.

 

Frédéric Naujokat ist Medizininformatiker und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH [ehex]. Als waschechter Ruhrpottler setzt er sich leidenschaftlich für sein Herzenthema ein: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Seit 20 Jahren ist er mit der Telematikinfrastruktur vertraut, davon zehn Jahre als Berater der gematik. Im Unternehmen wirkt Frédéric Naujokat heute als Ideengeber und Vordenker, der weiterhin auch in Technik und Programmierung engagiert ist. An erster Stelle steht für ihn das Wohl seines Teams.

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