Vier Fraunhofer-Institute haben eine modular aufgebaute Technologie-Plattform entwickelt, mit der Medikamente effizienter und energiesparender hergestellt werden können.
Die Produktion von Feinchemikalien, die beispielsweise für Arzneimittel benötigt werden, ist komplex und aufwendig. Genau hier hat ein interdisziplinäres Team von insgesamt vier Fraunhofer-Instituten angesetzt und gemeinsam ein Verfahren entwickelt, bei dem mehrere aufeinanderfolgende Synthesestufen ohne Unterbrechung laufen. Dafür werden neuartige Katalysatoren in speziell angepassten Durchflussreaktoren eingesetzt.
Während herkömmliche Verfahren mit einer Abfolge diverser Reaktoren und Rührkesseln arbeiten, bei der nach jeder Reaktion die entstandene Produktlösung für den nächsten Schritt vorbereitet und in einen anderen Behälter überführt werden muss, entsteht das Endprodukt bei dem neuen Verfahren in einer kontinuierlich ablaufenden Synthesekaskade, im besten Fall innerhalb eines Reaktors. Das Verfahren führt zu einer wesentlich effizienteren Prozessführung und einer nachhaltigeren Produktion durch verkürzte Umrüstzeiten und einen geringeren Energiebedarf. Diese Vorteile haben direkten Einfluss auf die CO2-Emissionen des Syntheseprozesses und dessen Kosten.
Katalyse mit Enzymen und Licht
Die Forscher setzen bei ihrem Verfahren auf eine neuartige Kombination zweier Katalysemethoden. Dabei werden Photokatalysatoren, die mit Licht aktiv werden, mit ebenfalls als Katalysator wirkenden Enzymen kombiniert. Die Enzyme werden entweder auf transparenten Folien aufgebracht und damit immobilisiert oder als Partikel im Reaktionsmedium eingesetzt. Projektleiterin Dr. Michaela Müller vom Fraunhofer IGB erklärt den Vorteil dieses Verfahrens: „Wir vermeiden dadurch, dass die Katalysatoren frei in der Lösung herumschwimmen und nach jedem Schritt aufwendig herausgefiltert oder entfernt werden müssen. Die immobilisierten Enzyme respektive Katalysatoren können im Reaktor verbleiben, während das Reaktionsprodukt kontinuierlich entsteht. Verlieren die Enzyme ihre Aktivität, lassen sie sich leicht austauschen, ohne den Prozess unterbrechen zu müssen.“
„Die lichtgetriebene Katalyse für die Kaskadenreaktionen benötigt keine besonders hohen Temperaturen, verträgt sich deshalb gut mit der Biokatalyse und spart damit auch Energie“, erklärt Dr. Thomas Rehm, Projektleiter am Fraunhofer IMM und Spezialist für nachhaltige Synthesen in Durchflussreaktoren. Um das Licht möglichst effektiv mit dem Photokatalysator und der Reaktionslösung zu kontaktieren, sind die verwendeten Durchflussreaktoren mit dünnen transparenten Kunststoffröhrchen (Kapillaren) oder mit Folien ausgestattet. Die Ausgangslösung wird entweder durch die Kapillaren des Reaktors gepumpt – samt Katalysatorpartikeln und einem Gas zur Verbesserung des Feststofftransports – oder über die transparente Polymerfolie geleitet, die als Träger der Photokatalysatoren und Enzyme dient.
Für chirale Feinchemikalien geeignet
Durch den Einsatz von Enzymen in der Kaskadenreaktion eignet sich das Verfahren besonders für die Herstellung sogenannter chiraler Feinchemikalien, die in Arzneimitteln häufig verwendet werden. Diese chemischen Verbindungen basieren auf Molekülen, die exakt spiegelbildlich aufgebaut sind, aber nicht durch Drehung miteinander deckungsgleich werden, vergleichbar etwa mit menschlichen Händen. Man spricht hierbei von Stereoisomerie. Je nach Version, also Isomer des chiralen Moleküls – linke Hand oder rechte Hand – können diese völlig unterschiedlich wirken. Aus diesem Grund ist die gezielte Herstellung von nur einem Isomer in möglichst hoher Reinheit wichtig, um eine maximal positive Wirkung zu erreichen.
Technologie-Schub für die chemische Produktion
Um das neuartige Katalyseverfahren zu realisieren, haben die vier Fraunhofer-Institute ihre sehr unterschiedlichen Forschungskompetenzen zusammengelegt. Im Ergebnis ist weit mehr als nur ein neues Verfahren entstanden: Die Fraunhofer-Experten haben eine modular aufgebaute Technologie-Plattform zur Herstellung von verschiedenen Klassen an Feinchemikalien entwickelt. Für Industriekunden lassen sich so in einer Machbarkeitsstudie Wunschprozesse individuell für die Reaktionen und Katalysekombinationen maßschneidern.
Davon kann die Arzneimittelbranche in besonderer Weise profitieren, denn die Produktionstechnologien sind oftmals ausgereizt. Immer mehr Hersteller verlegen ihre Standorte ins Ausland, um dort billiger zu produzieren, oder kaufen dort die Wirkstoffe ein. „Wir brauchen in der chemischen Industrie wieder neue Verfahren für eine Produktion auf höchstem technologischem Niveau, die zugleich nachhaltig und wirtschaftlich sind“, sagt Müller. „Das sichert den technologischen Vorsprung deutscher Arzneimittelhersteller im globalen Wettbewerb und macht Deutschland als Produktionsstandort wieder attraktiv.“ So trägt die Neuentwicklung Forscher auch dazu bei, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zukünftig zu sichern, ist man bei der Fraunhofer-Gesellschaft überzeugt.



