„Technologie alleine bewirkt keinen Wandel“

von | Juni 24, 2026

Anhoren

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WHO Europa sieht in Dänemark eine Blaupause für die digitale Transformation europäischer Gesundheitssysteme. Das non-profit Public-Private-Partnership Healthcare Denmark soll nun für einen Wissenstransfer sorgen. Der dortige Chef und ehemalige Novo Nordisk CEO Lars Fruergaard Jørgensen erklärt im Gespräch, welchen Weg Dänemark gegangen ist und was Deutschland davon lernen kann.

 

Herr Jørgensen, Hans Henri Kluge, der WHO-Regionaldirektor für Europa, sagte, er habe gesehen, was Dänemark erreicht habe, und dass dies beeindruckend sei. Für unsere Leser: Wie hat sich das dänische Gesundheitssystem verändert und um welchen Zeitraum geht es dabei?

Dänemarks Weg zur digitalen Gesundheit wurde über Jahrzehnte hinweg aufgebaut, nicht über Jahre. Die vielleicht wichtigste Veränderung war, dass digitale Instrumente und Gesundheitsdaten nach und nach Teil der grundlegenden Infrastruktur des Gesundheitssystems geworden sind. Heute können dänische Bürger digital auf ihre eigenen Gesundheitsdaten zugreifen, medizinisches Fachpersonal kann relevante Informationen systemübergreifend austauschen, und die Daten können zur Qualitätsverbesserung, Forschung und Planung beitragen. Das alles geschah jedoch nicht durch eine einzige Reform oder eine einzige Technologie. Es war ein langer Prozess, an dem Behörden, Regionen, Kommunen, Krankenhäuser, Hausärzte, Forscher und private Unternehmen beteiligt waren.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus diesem Transformationsprozess?

Dass die digitale Transformation kein Projekt mit einem festen Enddatum ist. Es handelt sich um eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Infrastruktur, Steuerung, Vertrauen und beruflicher Praxis.

Nun setzt Dänemark auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens klar auf Digitalisierung. Trägt eine derart umfassende Strategie dazu bei, Transformationsprozesse im Gesundheitswesen zu beschleunigen?

Definitiv. Ein digital ausgereifter öffentlicher Sektor macht einen erheblichen Unterschied. Das Gesundheitswesen existiert nicht isoliert. Wenn die Bürger daran gewöhnt sind, digital mit Behörden zu interagieren, wenn sichere digitale Identitäten weit verbreitet sind und wenn öffentliche Einrichtungen Erfahrung mit digitaler Infrastruktur haben, wird es einfacher, digitale Gesundheitsdienste zu entwickeln. Allerdings unterscheidet sich das Gesundheitswesen auch in vielen Punkten von anderen Sektoren. Gesundheitsdaten sind äußerst sensibel und digitale Tools müssen in komplexen klinischen Umgebungen funktionieren.

Das heißt, digitale Reife ist ein Vorteil, aber kein alleiniger Erfolgsfaktor?

So würde ich es zusammenfassen, ja. Digitale Reife alleine reicht nicht aus. Im Gesundheitswesen muss die Digitalisierung auf Patientensicherheit, klinische Arbeitsabläufe, Vertrauen und klare Steuerungsstrukturen ausgerichtet sein.

Andere europäische Länder scheinen bei der digitalen Transformation etwas ins Straucheln zu geraten. Gibt es Ihrer Ansicht nach allgemeine Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg – oder vielmehr über das Tempo der Digitalisierung – entscheiden?

Es gibt mehrere Faktoren, die das Tempo der digitalen Transformation bestimmen. Erstens muss Vertrauen vorhanden sein. Die Bürger müssen darauf vertrauen können, dass ihre Daten verantwortungsvoll behandelt werden. Fachkräfte im Gesundheitswesen müssen darauf vertrauen können, dass digitale Tools ihre Arbeit unterstützen, anstatt sie zu verkomplizieren. Zweitens muss es eine klare Steuerung geben. Die digitale Transformation erfordert klare Rollen, Standards und Verantwortlichkeiten. Drittens muss es eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit geben. Gesundheitssysteme sind komplex, und kein einzelner Akteur kann die Transformation alleine bewältigen. Und schlussendlich muss dann auch die Umsetzungskapazität vorhanden sein. Viele Länder verfügen über starke Strategien, doch die Schwierigkeit besteht darin, diese Strategien in die tägliche Praxis in Krankenhäusern, Hausarztpraxen, Kommunen und Patientenversorgungspfaden umzusetzen.

Lars Fruergaard Jørgensen, Chair of the Board of Directors, Healthcare Denmark

Ihre Zusammenarbeit mit der WHO Europa zielt auf den Wissenstransfer ab – damit, ich zitiere, „einige der schmerzhaften Lektionen“ vermieden werden können. Welche schmerzhaften Lektionen hat Dänemark gelernt?

Eine Lektion ist, dass Technologie allein keinen Wandel bewirkt. Digitale Systeme schaffen nur dann einen Mehrwert, wenn sie in die klinische Praxis integriert sind, und von den Menschen, die sie nutzen, unterstützt werden. Eine weitere Lektion ist, dass Vertrauen nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Es muss durch Transparenz, Rechenschaftspflicht und klare Regeln für die Datennutzung verdient werden. Eine dritte Lektion ist, dass Fragmentierung kostspielig ist. Wenn Systeme nicht miteinander kommunizieren können, wenn Standards unklar sind oder wenn jeder Teil des Gesundheitssystems seine eigenen isolierten Lösungen entwickelt, verlangsamt sich die Digitalisierung und verliert an Wirksamkeit.

Und die wichtigste Lektion?

Die Umsetzung braucht Zeit. Selbst in einem digital ausgereiften Land erfordert sie Führungsstärke, Ressourcen und einen kontinuierlichen Dialog mit Fachkräften im Gesundheitswesen und den Bürgern.

Sie haben bereits betont, dass Technologie alleine nicht reicht, sondern ein Dreiklang aus Vertrauern, guter Führung und Zusammenarbeit für eine echte Transformation benötigt wird. Wie sieht so ein Dreiklang in der Praxis aus?

In der Praxis bedeutet Vertrauen vor allem, dass die Bürger verstehen, warum Daten genutzt werden, wie sie geschützt werden und wie sie einen Mehrwert für Patienten und die Gesellschaft schaffen. Führung bedeutet, eine klare Richtung vorzugeben und schwierige Entscheidungen über Standards, Prioritäten und die Umsetzung zu treffen. Die digitale Transformation erfordert oft Veränderungen bei Arbeitsabläufen, Zuständigkeiten und der Kultur. Zusammenarbeit bedeutet, die richtigen Akteure zusammenzubringen: Ärzte, Patienten, Behörden, Forscher, Unternehmen und politische Entscheidungsträger. Digitale Gesundheit kann nicht allein von Technologen gestaltet werden. Sie muss gemeinsam mit den Menschen und Institutionen entwickelt werden, die sie nutzen werden. Nur wenn diese drei Elemente zusammenkommen, wird die digitale Transformation zu einer Systemtransformation und nicht nur zu einem Technologieprojekt.

Insbesondere Deutschland hat sehr strenge Datenschutzrichtlinien. Stehen diese Ihrer Ansicht nach im Widerspruch zum freien Datenaustausch nach dänischem Vorbild?

Ein starker Datenschutz und eine verantwortungsvolle Datennutzung sollten nicht als Gegensätze betrachtet werden. Die eigentliche Frage ist, wie man Governance-Modelle schaffen kann, die die Bürger schützen und gleichzeitig ermöglichen, dass Daten zur Verbesserung der Versorgung, der Forschung und der Planung des Gesundheitssystems genutzt werden. Die Erfahrungen in Dänemark zeigen nicht, dass Daten ohne Schutzmaßnahmen frei fließen sollten. Im Gegenteil: Vertrauen hängt von klaren Regeln, Sicherheit, Transparenz und Rechenschaftspflicht ab. Jedes Land hat seinen eigenen rechtlichen und institutionellen Kontext. Das dänische Modell lässt sich nicht einfach kopieren. Aber das übergeordnete Prinzip gilt europaweit: Wenn die Bürger die Nutzung von Gesundheitsdaten unterstützen sollen, müssen sie dem System, das diese Daten verwaltet, vertrauen können.

Welchen konkreten Rat geben Sie den Verantwortlichen des deutschen Gesundheitswesens mit auf den Weg?

Mein Rat wäre, die digitale Gesundheit als langfristigen Systemwandel zu betrachten und nicht als eine Reihe isolierter Technologieprojekte. Beginnen Sie mit Vertrauen und Governance. Machen Sie deutlich, wofür Daten verwendet werden, wie sie geschützt werden und wie sie Patienten und medizinischem Fachpersonal zugutekommen. Zweitens: Konzentrieren Sie sich frühzeitig auf Interoperabilität und Standards. Es ist viel schwieriger, Systeme später miteinander zu vernetzen, wenn sie isoliert entwickelt wurden. Drittens: Beziehen Sie medizinisches Fachpersonal und Patienten von Anfang an mit ein. Digitale Tools müssen echte Probleme im Gesundheitsalltag lösen. Und schließlich: Warten Sie nicht auf Perfektion. Die digitale Transformation erfordert Lernen durch Praxis, aber sie muss verantwortungsbewusst, transparent und mit einem klaren öffentlichen Zweck erfolgen.

 

 

Lars Fruergaard Jørgensen war acht Jahre lang Vorstandsvorsitzender des Pharmakonzerns Novo Nordisk, bevor er 2025 als Chair of the Board of Directors das Ruder bei Healthcare Denmark übernahm. Jørgensen hat mehr als 30 Jahre internationale Erfahrung als Führungskraft in den Life Sciences.

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