Frauen sollten besser keinen Herz-Kreislaufstillstand bekommen, denn sie werden seltener und auch schlechter reanimiert, zeigt jetzt eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Innsbruck.
Es klingt im ersten Moment absurd: Das „Geschlecht“ der Übungspuppe beeinflusst die Qualität einer simulierten Reanimation deutlich. Das hat nun ein Team der Medizinischen Universität Innsbruck mit ihrer Studie „Basic Life Support – Durchführung von kardiopulmonalen Wiederbelebungsmaßnahmen unter Berücksichtigung von Diversitätsaspekten“ gezeigt und damit die Ergebnisse vorheriger internationaler Studien bestätigt.
Unter Leitung des Instituts für Diversität hat das Team 164 Teilnehmende Reanimationen an Übungspuppen vornehmen lassen. War diese „männlich“ erzielten die Ersthelfenden bei einer Herzdruckmassage 80,4 von 100 möglichen Punkten. War die Puppe „weiblich“ fiel das Ergebnis mit 70,5 Punkten deutlich schlechter aus.
„Die Studienteilnehmenden sollten alleine eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen“, erklärt Medizinstudent Jakob Stähr, einer der drei Diplomanden, die die Studie unterstützt und begleitet haben. „Dabei fanden sie einmal die herkömmliche männliche Simulationspuppe vor und einmal eine Puppe, die wir mit Perücke, BH und Silikonbrüsten präpariert haben.“
Unterschiede, wo keine sind
Dabei gibt es bei der Wiederbelebung medizinisch gesehen keinen geschlechtsspezifischen Unterschied, erklärt Benjamin Treichl, Oberarzt an der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Med Uni Innsbruck: „Gedrückt wird in der Mitte des nackten Burstkorbs, fest und schnell. Auch bei Frauen soll niemand aus Unsicherheit oder falscher Rücksichtnahme zögern.“
Eben diese Unsicherheit wurde bei der Innsbrucker Studie allerdings häufig beobachtet, wie Student Fabio Rützler berichtet: „Bei der weiblichen Reanimationspuppe starteten viele Teilnehmende die Reanimation ohne die vorschriftsmäßige vollständige Entkleidung, vor allem, wie sie mit dem BH umgehen sollen, war vielen unklar, es kam öfter zu Nachfragen. Den BH sollte man vollständig entfernen oder aufschneiden.“
Überraschend sind die Ergebnisse für das Innsbrucker Team jedoch nicht, stehen sie doch im Einklang mit internationalen Studien, erklärt Sabine Ludwig, Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin, die die Studie initiiert und geleitet hat. Ludwig verweist auf eine Studie aus den USA, wonach Frauen eine 14 Prozent geringere Chance hatten, in der Öffentlichkeit reanimiert zu werden – und in der Folge auch verminderte Überlebenschancen. „Als ein Grund wird vermutet, dass die helfenden Personen wegen der Berührung der weiblichen Brust den Vorwurf des sexuellen Übergriffs fürchten“, erläutert Ludwig. „Auch in unserer Studie empfanden männliche und auch weibliche Teilnehmende das Freilegen der Brust bei der weiblichen Puppe als unangenehmer.“
Vorerfahrung schützt nicht vor Hemmung
Das Team hat sich außerdem angeguckt, wie Teilnehmende mit und ohne Reanimations-Vorerfahrung im Vergleich abschnitten. Und natürlich schnitten diejenigen mit Vorerfahrung sowohl bei der männlichen als auch der weiblichen Puppe besser ab. Und doch gibt es ein Aber, erläutert Medizinstudent David Ortner, der selbst als Notfallsanitäter im Einsatz ist: „Auch jene mit Vorerfahrung zeigten einen deutlichen Leistungsabfall von der männlichen auf die weibliche Puppe.“ Bei der männlichen Puppe erreichten vorerfahrene Studienteilnehmende im Durchschnitt 87,2 von 100 Punkten für die Herzdruckmassage, bei der weiblichen Puppe waren es nur 74,6 Punkte.
Die Ergebnisse sind auch deshalb brisant, weil Herz-Kreislauferkrankungen weltweit die häufigste Todesursache darstellen – für Männer und Frauen. Nur die Ursachen für die Erkrankungen sind bei den Geschlechtern unterschiedlich und sind für Frauen deutlich schlechter erforscht.
Geschlecht als Faktor in der Erste-Hilfe-Ausbildung
Für Studienleiterin Ludwig lautet die Konsequenz aus den Studienergebnissen, dass Geschlecht künftig eine Rolle bei der Erste-Hilfe-Ausbildung spielen muss: „Wir sehen, dass es nicht reicht, nur mit männlichen Puppen zu trainieren. Mit der korrekten Handposition hatten die Teilnehmenden bei der weiblichen Puppe zum Beispiel größere Probleme, auch die Kompressionsqualität und die Drucktiefe waren mangelhaft im Vergleich zur männlichen.“
Und auch das Rote Kreuz Tirol will Konsequenzen aus der Innsbrucker Studie ziehen, wie Geschäftsführer Andreas Karl unterstreicht: „Wir schärfen nach, beispielsweise indem die weibliche Wiederbelebung explizit in die bundesweite Lehrmeinung aufgenommen wird. Zudem investieren wir in deutlich diverseres Übungsmaterial und
-szenarien, sensibilisieren unsere Lehrbeauftragten und verstärken die Aufklärung über geschlechterspezifische Herzinfarktsymptome. Unser klares Ziel ist, dass Frauen im Notfall genauso rasch, selbstverständlich und in derselben Qualität wiederbelebt werden wie Männer.“



