Studie: Psychische Belastung im Gesundheitswesen hoch

by | May 7, 2024

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Stress, Angst, Depression – bei Pflegefachkräften keine Seltenheit, zeigt nun eine wissenschaftliche Studie eines Forschungszusammenschluss aus Göttingen, Wien und Hagen. 

 

Der Belastungsdruck für Fachkräfte im Gesundheitswesen während der Corona-Pandemie war keine Ausnahme – im Gegenteil. Die psychische Belastung bleibt konstant hoch, zeigt eine wissenschaftliche Studie des Fachbereiches Psychologie der PFH Private Hochschule Göttingen gemeinsam mit Kollegen aus Wien und Hagen. Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift BMJ Open veröffentlicht.

„Die Ergebnisse sind besorgniserregend, auch angesichts des weiter zunehmenden Mangels an Pflegefachkräften“, sagt Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie.

Für die Studie hat ein Team der PFH Göttingen, der Universität Wien und der Fernuniversität Hagen die psychische Gesundheit von Gesundheitsfachkräften in Deutschland und Österreich während der COVID-19-Pandemie über die Jahre 2020 bis 2022 untersucht. Dabei wurden Daten von 421 Fachkräften aus dem Gesundheitswesen mit früheren Umfragen aus den Jahren 2021 (N=639 Befragte) und 2020 (N=300 Befragte) verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die psychische Belastung des Gesundheitspersonals im Verlauf der Pandemie konstant geblieben ist – ohne Anzeichen von Gewöhnung an die belastende Situation oder die neuen Umstände.

Pflegepersonal am Limit

Die Wissenschaftler haben zudem die Belastung der verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen untersucht. Im direkten Vergleich zu Ärzten und Rettungskräften war das Pflegepersonal zu jeder Zeit psychisch am stärksten belastet. „Das Pflegepersonal zeigte deutlich mehr Symptome von Angststörungen und Depression und hatte insgesamt eine schlechtere psychische Gesundheit als die anderen Teilnehmenden, erläutert Dr. Julia Reiter, Co-Autorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Wien. Während beispielsweise 24 Prozent der Ärzte von mittleren oder schweren Symptomen von Depression berichteten, waren es bei den Pflegekräften 36 Prozent.

Die psychische Belastung der Pflegekräfte hat sich gegenüber den beiden ersten Erhebungen in der Anfangszeit der Pandemie 2020 und 2021 leicht erholt, ist aber nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Um die genannten Zahlen besser einschätzen zu können, hilft der Blick auf eine repräsentative Vergleichsstichprobe (N=2512), die vor der Pandemie mit demselben Fragebogeninstrument erhoben wurde: Damals zeigten nur fünf Prozent der Bevölkerung mittlere oder schwere Symptome von Depression.

Psychologische Hilfe: Bereitschaft da, Angebot begrenzt

Obwohl die Bereitschaft, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, während des Untersuchungszeitraums gestiegen ist, stehen die begrenzte Verfügbarkeit von Unterstützungsleistungen und Zeitmangel aufgrund hoher Arbeitsbelastung dem Hilfegesuch häufig entgegen. Zudem hatten 42,5 Prozent der Befragten, die so stark psychisch belastet waren, dass sie psychologische Unterstützung benötigten, nicht die Absicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Selbst wenn psychologische Unterstützung vorhanden ist, hatten die Beschäftigten aufgrund der höheren Arbeitsbelastung oft keine Zeit, sie in Anspruch zu nehmen“, attestiert Weibelzahl.

Außerdem interessant: Die Arbeitsanforderungen, von denen sich die Befragten subjektiv am stärksten betroffen fühlten, bezogen sich nicht auf die Pandemiesituation, sondern auf existierende strukturelle Probleme. Auf einer Skala von 0 bis 4 bewerteten die Studienteilnehmer den Personalmangel (Mittelwert M=3,30) sowie die unzureichende Wertschätzung ihrer Arbeit (M=2,96) als besonders beeinträchtigend. Ein weiterer struktureller Faktor, der etwas niedriger (M=2,41), aber immer noch am oberen Ende der Skala rangiert, sind lange Arbeitszeiten. „Dieses Problem ist bis zu einem gewissen Grad ein ständiges Merkmal medizinischer Berufe, wird aber auch durch Personalmangel verschärft, der dazu führt, dass mehr Schichten übernommen werden müssen und während dieser Schichten mehr Aufgaben anfallen“, erläutert der Göttinger Forscher Weibelzahl.

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