Die Zahl der freien Hausarztstellen könnten sich in den kommenden Jahren verdreifachen zeigt eine neue Studie des IGES-Instituts im Auftrag des Bosch Health Campus.
Die Primärversorgung rückt ins Visier der Politik. Noch in diesem Jahr soll es auch hier eine Reform geben. Allerdings zeigt die neue Studie „Primärversorgung 2035+“ des IGES-Instituts im Auftrag des Bosch Health Campus: Die dafür nötigen Hausärzte fehlen. Bis 2040 dürften rund 12.000 Hausarztstellen in Deutschland unbesetzt bleiben. Zum Vergleich: 2025 waren rund 4.400 Stellen frei. Laut Prognose aus der Studie nimmt die Hausarztdichte damit bis 2040 um fünf Prozent ab. Gemessen wird dafür die Anzahl der Hausärzte je 100.000 Einwohner.
Damit ist klar: Der in manchen Regionen bestehende Hausärztemangel wird aller Voraussicht nach zunehmen, und diese Ressourcenknappheit dürfte bei der geplanten Einführung eines Primärversorgungssystem noch deutlich stärker ins Gewicht fallen.
Immerhin: Gegenüber der letzten Prognose von vor fünf Jahren fällt der aktuell analysierte Rückgang nicht ganz so kräftig aus. Das begründen die Autorinnen und Autoren damit, dass mittlerweile absehbar sei, dass in etwas größerem Umfang ärztlicher Nachwuchs für die hausärztliche Versorgung zur Verfügung stehen wird und viele Mediziner zu einem zunehmenden Teil im Rentenalter noch arbeiten.
Ärzte fordern mehr Flexibilität bei Arbeitsmodellen
Nicht neu ist allerdings, dass Ärzte der nachkommenden Generationen zunehmend flexiblere Arbeitsmodelle mit Tätigkeit in Anstellung und in Teilzeit präferiert, attestiert auch die aktuelle IGES-Studie. Dies habe zur Folge, dass der seit Jahren stetig rückläufige Teilnahmeumfang je Hausarzt auch zukünftig weiter abnehmen wird. Im Ergebnis wird im Jahr 2040 fast ein Fünftel der Kreise – davon viele in ländlichen Regionen gelegen – hausärztlich unterversorgt sein also einen Versorgungsgrad von weniger als 75 Prozent haben. Weitere 15 Prozent der Kreise werden sich nahe der hausärztlichen Unterversorgung bewegen, also einen Versorgungsgrad zwischen 75 und 80 Prozent haben. Nur in den Großstädten werden wohl zumeist alle verfügbaren Hausarztstellen besetzt sein.
Und diese Unterschiede zwischen den Bundesländern und Regionen sind sehr deutlich. Auch hier hat das Simulationsmodell interessante Ergebnisse errechnet. So wird der Hausarztmangel 2040 demnach in vier Landkreise in Nordrhein-Westfalen besonders stark ausfallen: im Hochsauerlandkreis, Minden-Lübbecke, Paderborn und dem Märkische Kreis. Dort wird die Hausarztdichte im Vergleich zu 2024 um rund 46 bis 48 Prozent abnehmen.
Die Landkreise Osnabrück in Niedersachsen, Main-Kinzig-Kreis in Hessen oder Lippe in NRW müssen demnach mit einer fast ähnlich hohen Reduzierung der Hausarztdichte rechnen. Ähnlich sieht die Lage in den Landkreisen Karlsruhe, Konstanz, Waldshut und Ortenaukreis in Baden-Württemberg sowie Höxter und Kleve in NRW oder Cuxhaven in Niedersachsen aus.
Baden-Württemberg: Wenig Kapazitäten
Neben den personellen Kapazitäten beeinflussen auch die Organisations- und Betriebsformen der Praxen die Leistungsfähigkeit der hausärztlichen Versorgungsebene. Hierfür wurden im Rahmen der Studie die entsprechenden Entwicklungen in Baden-Württemberg im Zeitraum 2015 bis 2025 untersucht. Für diese Analysen konnten Daten genutzt werden, die von der Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) und der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft zur Verfügung gestellt wurden.
Die Daten zeigen, dass die hausärztlichen Kapazitäten bezogen auf die Bevölkerung insgesamt, respektive ab dem Alter von 65 Jahren in Baden-Württemberg stärker gesunken sind als im Bundesgebiet. Bei den Praxisstrukturen zeigen sich ein leichter Rückgang des Anteils der Einzelpraxen an den hausärztlichen Vertragsarztsitzen (auf 70 Prozent im Jahr 2025) und eine entsprechende Zunahme der Berufsausübungsgemeinschaften (26 Prozent) und Medizinischen Versorgungszentren (vier Prozent). Ferner zeigt sich ein deutlicher Anstieg der angestellt tätigen Hausärztinnen und Hausärzte (von elf Prozent im Jahr 2015 auf 28 Prozent im Jahr 2025).
Mehr Fokus auf nicht-ärztliche Gesundheitsberufe
Zudem spielt in diesem Bundesland die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV, § 73b SGB V) eine dominierende Rolle: 2025 nahmen 72 Prozent der Hausarztpraxen an der HzV teil.
Mit Blick auf die Entwicklung zu einem interprofessionell arbeitenden Primärversorgungssystem sei die Verbreitung der Mitwirkung von nichtärztlichen Gesundheitsberufen von besonderem Interesse, heißt es in der Studie. In Baden-Württemberg verfügten 2025 knapp ein Drittel der Praxen über die Abrechnungsgenehmigung für eine Nichtärztliche Praxisassistenz (NäPa), die Zahl der als NäPa tätigen Personen lag bei fast 1.600. Noch deutlich ausgeprägter ist der Einsatz der analogen „Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH)“ im Rahmen der HzV: Im Jahr 2025 waren in etwa 65 Prozent der HzV-Praxen fast 3.600 Personen als VERAH® tätig. Seit 2023 gibt es im Rahmen der HzV auch vertragliche Regelungen zum Einsatz von akademisch qualifizierten nichtärztlichen Gesundheitsberufen. Im zweiten Quartal 2026 waren 104 solche Mitarbeitenden in 91 Praxen tätig.
Prävention, Digitalisierung und interprofessionelle Teams
Die Studie zeigt allerdings nicht nur Probleme auf, sondern bietet auch konkrete Lösungsansätze. Vor allem müsse verstärkt auf Präventionsmaßnahmen gesetzt und in die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung investiert werden. Die Rechnung dahinter ist einfach: Je weniger medizinische Hilfe in Anspruch genommen wird, desto weniger fallen geringere Kapazitäten ins Gewicht. Auch digitale Hilfsangebote können laut Studie ein Schlüssel sein, um die Belastung in der Primärversorgung zu steuern.
Um die Argumente zu untermauern, machen die Autorinnen und Autoren eine Rechnung auf: Werden nur fünf Prozent des Versorgungsbedarfs durch verbesserte Prävention, Gesundheitskompetenz und digitale Steuerung im Jahr 2040 vermieden, könnte sich die Versorgungslücke im selben Jahr auf fünf Millionen Fälle reduzieren.
Vor allem müsse die ärztliche Arbeitszeit pro Fall reduziert werden. Denn auch hierfür wird in der Studie ein Szenario gerechnet. Steigt 2050 in nur 25 Prozent der Fälle die ärztliche Arbeitszeit im Schnitt um 20 Prozent, könnte die Versorgungslücke auf fast 7,6 anstatt 6,5 Millionen Fälle ansteigen. Auch hier zeigt sich noch einmal, wie wichtig interprofessionelle Teams in Zukunft sein werden.


