Studie: Digitalisierung im Gesundheitswesen stockt

by | Jan 25, 2024

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Die Unternehmensberatung McKinsey hat ihren E-Health-Monitor 2023/2024 veröffentlicht. Demnach verläuft die Digitalisierung insgesamt noch zu holprig.

 

Es gibt gute und weniger gute Nachrichten – so kann man den E-Health-Monitor 2023/2024 der Unternehmensberatung McKinsey zusammenfassen. Positiv hervorzuheben: Der Markt für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) verdoppelt sich 2023 auf rund 125 Millionen Euro, bei einem durchschnittlichen Herstellerpreis von 529 Euro pro App. Verschreibungen in diesem Segment steigen auf rund 235.000 an. Die Top 40 Gesundheitsapps wurden zusätzlich rund 14 Millionen Mal heruntergeladen, was die Akzeptanz bei den Patienten unterstreicht.

„Die wachsende Bedeutung digitaler Gesundheitsanwendungen in der Versorgungslandschaft ist ein Beispiel für die Fortschritte bei der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen“, sagt Laura Richter, Partnerin bei McKinsey und Herausgeberin der Studie.

Außerdem ist der Anteil der Patienten, die sich Online-Terminvereinbarungen und digitale Rezeptbestellungen wünschen, vergangenes Jahr auf 78 beziehungsweise 69 Prozent gestiegen – und damit um jeweils elf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr, heißt es im Bericht weiter. Parallel dazu hat sich auch der Anteil der ambulanten Arztpraxen, die digitale Services anbieten, um fünf Prozentpunkte auf 66 Prozent erhöht. Und auch die Forschung beschäftigt sich zunehmend mit dem Thema E-Health. 112 Studien haben 2022 den Nutzeneffekt von E-Health-Lösungen quantifiziert. 79 Prozent der Studien, insgesamt 88, weisen einen positiven Nutzeneffekt von E-Health-Anwendungen nach.

Insgesamt noch viel Luft nach oben

Soweit die guten Nachrichten. Denn insgesamt verläuft die Digitalisierung im Gesundheitswesen oft noch holprig, attestiert man bei McKinsey. So sind zwar inzwischen nahezu alle Apotheken (99 Prozent) und Arztpraxen (98 Prozent) an die Telematikinfrastruktur (TI), die technologische Basis digitaler Gesundheitsversorgung in Deutschland, angeschlossen. Gleichzeitig berichteten jedoch über zwei Drittel (69 Prozent) der angeschlossenen Praxen von wöchentlichen oder sogar täglichen Problemen mit der Technik. Im Vorjahr betrug der Wert noch 50 Prozent.

Auch die elektronische Patientenakte (ePA) verbreitet sich bislang nur schleppend. Im Jahr 2023 wurden rund 350.000 ePA aktiviert. Das waren zwar rund 41 Prozent mehr als 2022. Dennoch haben damit immer noch nur rund ein Prozent der gesetzlich Versicherten in Deutschland eine ePA aktiviert. Mit der Einführung des Opt-out-Verfahrens, bei dem Versicherte automatisch eine ePA erhalten, sofern sie nicht aktiv widersprechen, sollen die Verbreitung und Nutzung der ePA jedoch einen Schub erfahren. So strebt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) nun im Rahmen seiner Digitalstrategie bis 2025 eine ePA-Abdeckung von 80 Prozent unter gesetzlich Versicherten an.

Mehr Dynamik mit verpflichtenden Vorgaben

Wie verpflichtende Vorgaben die Dynamik bei der Nutzung verstärken können, wird am E-Rezept deutlich. Hier gab es zwar bereits in der zweiten Jahreshälfte 2023 einen deutlichen Nutzungsanstieg – 2022 lag die Anzahl eingelöste E-Rezpte noch unter 900.000, 2023 ware es schon rund 18 Millionen –, was allerdings trotzdem nur etwa zwei Prozent der jährlichen GKV-Rezepte entspricht. Erst mit der verpflichtenden Einführung zum 1.1.2024 hat die Dynamik bei E-Rezepten mehr Fahrt aufgenommen. Bereits Mitte Januar wurden mit rund 22 Millionen mehr E-Rezepte eingelöst als im gesamten Jahr 2023. Damit ist inzwischen rund jedes zweite eingelöste Rezept ein E-Rezept.

„ePA und E-Rezept sollen tragende Säulen der digitalen Versorgung in Deutschland werden. Die internationale Erfahrung zeigt, dass die Einführung des Opt-out-Verfahrens der ePA zum Durchbruch verhelfen könnte”, sagt Matthias Redlich, Partner bei McKinsey und Herausgeber der Studie. „Darüber hinaus wird es essenziell sein, kontinuierlich die Nutzerfreundlichkeit digitaler Services zu verbessern, damit diese in der Praxis echten Mehrwert stiften und langfristig erfolgreich werden.“

Potenzial von Telemonitoring bislang kaum genutzt

Von regulatorischen Impulsen könnte der Studie zufolge auch das Telemonitoring profitieren. Denn das ist in Deutschland bisher nur wenig verbreitet. Das zeigt ein Vergleich mit den USA, wo inzwischen rund 12 Prozent der Bevölkerung über Telemonitoring-Anwendungen versorgt werden. In Deutschland hingegen wird die Zahl der Telemonitoring-Patienten  auf rund 200.000 geschätzt.

Dabei können Telemonitoring-Anwendungen für Patienten einen hohen therapeutischen Nutzen haben und genauso bei der Versorgung von chronischen Krankheiten eine wichtige Rolle spielen, wie ökonomischen Nutzen für das Gesundheitssystem stiften. Nach Berechnungen von McKinsey beträgt das Nutzenpotenzial von Telemonitoring-Technologien rund 4,3 Milliarden Euro jährlich. 67 Prozent dieses Potenzials entfallen auf die Vermeidung von Krankenhausaufenthalten, 26 Prozent auf kürzere Liegezeiten und die Verschiebung der Behandlung in ambulante Versorgungsformen. Weiteres Potenzial ergibt sich aus der Vermeidung von Anschlussbehandlungen und Notfalltransporten chronisch Erkrankter.

„Telemonitoring-Anwendungen können die Grundlage für lebenswichtige medizinische Entscheidungen sein und ermöglichen darüber hinaus eine strukturierte Auswertung von Gesundheitsdaten, von der auch die Therapie- und Versorgungsforschung profitieren kann. Natürlich ist essenziell, dass diese Technologien sicher und verlässlich sind“, sagt Tobias Silberzahn, Partner bei McKinsey und Herausgeber der Studie. „Noch ist Deutschland nicht am Ziel, aber langfristig trägt die Digitalisierung im Gesundheitswesen dazu bei, sowohl die Spitzenmedizin als auch die Routineversorgung zu verbessern sowie effizienter und sicherer zu machen.“

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