Eine erneute Auswertung der 2018 veröffentlichten TIM-HF2-Studie zeigt: Je weiter Patienten von ihrer kardiologischen Praxis entfernt wohnten, desto mehr profitierten sie von der telemedizinischen Betreuung.
Die Studiendaten sind nicht neu, wurden 2018 bereits in The Lancet veröffentlicht. Weil die Ergebnisse der Telemedical Interventional Management in Heart Failure II Studie, kurz TIM-HF2, allerdings so spanend waren, wurden die Auswirkungen der Telemedizin jetzt noch einmal unter drei neuen Gesichtspunkten untersucht – und zwar: Wo praktiziert der Kardiologe, wo wohnt der Patient und wie lang ist der Weg vom Wohnort zur kardiologischen Praxis. Oder anders ausgedrückt: Welche Patienten profitieren am meisten von der Telemedizin? Als Vergleich diente eine Gruppe, die ohne telemedizinische Betreuung behandelt wurde. Die Ergebnisse wurden nun in Lancet Regional Health Europa im Rahmen des Heart Failure Congress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie vorgestellt.
Doch zunächst ein Blick auf die Ausgangslage: 2018 zeigten die Daten von TIM-HF2, dass durch telemedizinische Unterstützung das Leben Patienten mit Herzinsuffizienz in Deutschland verlängert und die Zahl der Wiedereinweisungen in Krankenhäuser reduziert werden kann. Die Ergebnisse der kontrollierten multizentrischen Versorgungsforschungsstudie unter der Leitung von Prof. Dr. Friedrich Köhler vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) haben maßgeblich dazu beigetragen, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Jahr 2020 die telemedizinische Versorgung von Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche in die ambulante Versorgung der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen hat.
2023 konnten Wissenschaftler des DHZC gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) sowie dem Institut für Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (IMBE) dann im Rahmen einer sogenannten prästratifizierten Sekundärauswertung zeigen, dass auch Patienten mit erhaltener oder nur leicht reduzierter Pumpenfunktion von der Rund-um-die-Uhr-Fernüberwachung profitieren konnten.
Wegstrecke entscheidend
Die neue Auswertung der Studiendaten, die vor allem potenzielle Unterschiede zwischen der Patientenversorgung zwischen Stadt und Land aufzeigen sollte, hat nun offengelegt, dass die individuelle Entfernung zwischen Wohnort und Praxis tatsächlich einen Unterschied macht – auch wenn die Ausgangslage zeigt, dass die Behandlungsqualität in Praxen und Kliniken auf dem Land genauso gut ist wie in Großstädten, betont Erstautor Dr. Fabian Kerwagen, Clinician Scientist am Uniklinikum Würzburg (UKW). Als Großstadt wurde eine Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern oder einer Universitätsklinik definiert.
Von größerer Relevanz war jedoch die Wegstrecke. „Wir sehen, dass die individuelle Entfernung zwischen Wohnort und Praxis einen deutlichen Unterschied macht: Je weiter die Patientinnen und Patienten von ihrer kardiologischen Praxis entfernt wohnten, desto mehr profitierten sie von der telemedizinischen Betreuung“, führt Kerwagen aus. Um die Entfernung zu berechnen, wurde für sämtliche der 1.538 Studienteilnehmenden die schnellste Route mit dem Auto ermittelt. Je weiter entfernt die Menschen wohnten, desto geringer war die Mortalität bei telemedizinischer Betreuung
Kardiovaskuläre Sterblich
Es ist bekannt, dass es in ländlichen Regionen die Häufigkeit kardiovaskulärer Erkrankungen, aber auch die kardiovaskulär bedingte Sterblichkeit höher ist. In Städten liegt die durchschnittliche Eintreffzeit des Rettungsdienstes oft unter zehn Minuten – auf dem Land kann sie 20 Minuten und mehr betragen. Das klare Ergebnis und die signifikanten Auswirkungen der Telemedizin auf die Gesundheit dieser Gruppe mit langen Anfahrtswegen hat das Studienteam dennoch überrascht. So zeigt ein Diagramm der jetzt veröffentlichten Studie: Je weiter entfernt die Menschen wohnten, desto größer war der durch die telemedizinische Betreuung vermittelte günstige Effekt auf Sterblichkeit und Hospitalisierungshäufigkeit.
Stefan Störk, Leiter der Herzinsuffizienz-Ambulanz und Klinischen Forschung am DZHI, freut sich, dass sie mit dieser Studie erstmals den positiven Effekt der Telemedizin auf ihre weiter entfernt lebenden Patienten zeigen konnten: „Telemedizin kann durchaus eine Brücke bauen und dazu beitragen, den Versorgungsnachteil von Menschen, die weit entfernt von einer kardiologischen Praxis wohnen, auszugleichen.“ Der Kardiologe und sein Team setzen sich schon lange für den digitalen Versorgungsansatz ein. Schließlich erfordert das komplexe Krankheitsbild der Herzinsuffizienz eine umfassende Betreuung.
Für Friedrich Köhler, der die TIM-HF2-Studie an der Charité ursprünglich geleitet hat, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt wurde, sagt zu der erneuten Auswertung: „Öffentlich geförderte Projekte verlangen Data-Sharing. Indem wir unsere Daten geteilt haben, konnten nach der primären Publikation in verschiedenen Kooperationen bisher 18 Paper veröffentlicht werden, deren Ergebnisse die Gesundheitsversorgung und die Lebensqualität vieler Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz maßgeblich beeinflussen.“


