Sachverständigenrat: Pflegekräfte klüger einsetzen

by | Apr 25, 2024

v.l.n.r.: Prof. Nils Gutacker, Prof. Michael Hallek, Prof. Melanie Messer, Prof. Jonas Schreyögg, Prof. Leonie Sundmacher, Prof. Jochen Schmitt, Prof. Stefanie Joos, Dr. Frank Niggemeier Quelle: SVR / Dr. Frank Niggemeier

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Das heute in Berlin vorgestellte Gutachten des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege zeigt: Deutschland ist „brutal umständlich organisiert“.  

 

Die Situation der Fachkräfte im Gesundheitswesen ist angespannt, attestiert der Sachverständigenrate Gesundheit und Pflege in seinem heute vorgestellten Fachkräftegutachten 2024. Was aber vor allem im internationalen Vergleich auffällt: Im deutschen Gesundheitswesen stehen relativ viele Beschäftigte pro Einwohner zur Verfügung. Dennoch kommt es zu einer vergleichsweise hohen Arbeitsbelastung der Beschäftigten, da es in Deutschland eine größere Anzahl an Fällen – sprich Patienten – pro Einwohner gibt, heißt es im Gutachten. Hier läge Deutschland nur im unteren Drittel, was das Gremium auf eine hohe Zahl stationärer Patienten sowie deren relativ lange Verweildauer im Krankenhaus zurückführen. Auch die vergleichsweise hohe Anzahl an Teilzeitkräften trage zu den hohen Fallzahlen bei.

Letztendlich seien die aber auch eine (arbeits-)organisatorische Schwäche – oder wie es der Vorsitzende des Sachverständigenrats Prof. Michael Hallek heute im Rahmen der Pressekonferenz in Berlin treffend formuliert hat: „Wir sind brutal umständlich organisiert in Deutschland.“ Viel Geld werde verbrannt, Fachkräfte seien überlastet, und die Bürger würden nicht zufriedenstellend versorgt.

Mehr Beschäftigte sind nicht die Lösung.

Dabei rät das Gremium klar davon ab, nur die Anzahl der Beschäftigten in der Pflege zu erhöhen, weil das zum einen teuer sei und zum anderen aufgrund der demografischen Entwicklung auch nicht richtig erscheine. Damit würde man lediglich die ineffizienten Strukturen erhalten oder sogar fördern.

Auch eine Überalterung der Beschäftigten, die für das Gesundheitssystem immer wieder beschrieben wird, konnte der Rat aus den vorliegenden Daten nicht ableiten, auch wenn eine moderate Zunahme des Durchschnittsalters in den verschiedenen Berufsgruppen vorliege. Allerdings hätten die Daten eine ungleiche regionale Verteilung der Beschäftigten gezeigt. Die Dichte an Pflegekräften sei in städtischen Bereichen höher als in ländlichen Gebieten. Bei den Medizinischen Fachangestellten seien die Beschäftigten in südlichen und westlichen Regionen jünger als in östlichen Regionen. Und innerhalb der Ärzteschaft bestätigt das Gutachten anhaltende Probleme bei der Wiederbesetzung von hausärztlichen Sitzen.

Weiter so wie bisher unrealistisch

Wenn die Versorgung zumindest auf dem heutigen Standard aufrechterhalten werden soll, sei ein „Weiter so wie bisher“ nicht mehr realistisch, attestiert der Sachverständigenrat. Stattdessen müssen Maßnahmen ergriffen werden, um Gesundheitsberufe attraktiver zu machen und somit neue Fachkräfte zu gewinnen, stille Reserven zu aktivieren und vorhandene Fachkräfte langfristig an das Gesundheitswesen zu binden. Auch sind Maßnahmen erforderlich, die die Arbeitsproduktivität der vorhandenen Fachkräfte erhöhen und zu einem besseren Einsatz der knappen Personalressourcen beitragen.

Für einen Attraktivitätsgewinn der medizinischen Berufe schlägt der Expertenrat mehr professionelle Autonomie etwa durch die Etablierung von Pflegekammern, die Modernisierung von pflegerischen Aufgaben- und Verantwortungsprofilen, die einen lebenslangen Karriereweg ermöglichen, sowie eine Professionalisierung und Akademisierung der Pflege vor.

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