Datenlücken in der Medizin gefährden eine gerechte Gesundheitsversorgung von Frauen – vor allem, wenn die KI diese fortschreibt. Das war der Tenor gestern beim Runden Tisch der Frauen im Gesundheitswesen.
Mit konkreten Handlungsaufträgen für Politik und Selbstverwaltung endete gestern der fünfte Parlamentarische Abend des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen. Die rund 130 Teilnehmer fordern verbindliche Vorgaben zur geschlechtsdifferenzierten Datenerfassung. Betroffen seien Register, Kliniken, Kostenträger und die elektronische Patientenakte. Der Handlungsdruck sei auch deshalb so groß, weil man andernfalls Gefahr laufe, dass die KI die Datenlücken fortschreibe oder sogar noch vergrößere.
Datenlücken in Medizin und Digitalisierung gefährden nach Einschätzung des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen eine gerechte Versorgung. Deshalb müsse es verbindliche Standards für geschlechtersensible Gesundheitsdaten geben – von Registern über Kliniken bis zur elektronischen Patientenakte. Die Folgen der Lücken reichten von verspäteten Diagnosen über vermeidbare Nebenwirkungen bis zu ungerechten Versorgungsentscheidungen.
Drei konkrete Handlungsaufträge
Aus der Diskussion leitet das Bündis drei Forderungen ab: Das Geschlecht müsse in Registern und elektronischen Anwendungen verpflichtend, standardisiert und differenziert erfasst und ausgewertet werden. Kliniken und Kostenträger sollen ihre Versorgungsdaten regelmäßig geschlechtsspezifisch auswerten und veröffentlichen. Zudem solle Deutschland den Europäischen Gesundheitsdatenraum nutzen, um Geschlechterdifferenzierung als verbindlichen Qualitätsstandard zu etablieren.
Als Beispiele nannte das Bündnis Herzinfarkte, die bei Frauen häufig mit anderen Symptomen wie Übelkeit, Rückenschmerzen oder Erschöpfung statt Brustschmerz einhergingen und deshalb später erkannt würden, sowie Arzneimittel, die überwiegend an Männern getestet worden seien. Bei Endometriose vergingen im Schnitt mehrere Jahre bis zur richtigen Diagnose. „Geschlechtersensible Versorgung ist kein Spezialthema. Sie ist ein Qualitätsmerkmal guter Medizin. Solange wir relevante Unterschiede nicht systematisch erfassen, werden wir Versorgungslücken nicht schließen können“, sagte Dr. med. Christiane Groß, Co-Moderatorin des Abends und Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbunds.
Warnung vor verzerrten Daten in KI-Systemen
Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin der Core Unit eHealth and Interoperability am Berlin Institute of Health der Charité, warnte in ihrer Keynote davor, dass sich die bereits bestehenden Lücken mit der Digitalisierung eher vergrößere. „Künstliche Intelligenz in der Medizin lernt aus den Daten der Vergangenheit. Wenn diese Daten Frauen kaum enthalten, übernimmt jedes neue System den blinden Fleck von gestern, nur schneller und in größerem Maßstab“, sagte Thun.
In der von Prof. Dr. Clarissa Kurscheid moderierten Paneldiskussion verwies die frühere Brandenburger Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher auf die Rolle der Länder: Ohne verbindliche Vorgaben für Kliniken und Kassenärztliche Vereinigungen bleibe jede Bundesstrategie Theorie. Brenya Adjei, Geschäftsführerin der gematik, mahnte, die geschlechtsspezifische Auswertbarkeit beim Aufbau der elektronischen Patientenakte für alle mitzudenken, da eine spätere Korrektur der Architektur teuer werde.



