Künstliche Intelligenz ist eine Lösung für das Gesundheitswesen, zeigt eine aktuelle Roland-Berger-Studie. Wobei bisher nur 29 Prozent der Befragten sagen, sie seien bereits gut aufgestellt.
Für die Studie Future of Health – the AI(r)evolution hat Roland Berger 100 Führungskräfte und Entscheider aus Gesundheitsunternehmen nach dem Potenzial von Künstlicher Intelligenz für ihre Branche befragt. Was nicht weiter verwundert: Alle Befragten nutzen bereits KI – vermutlich mindestens ChatGPT –, davon 74 Prozent regelmäßig. Wirklich in Standardprozesse integriert ist die KI allerdings nicht. Hier gaben nur 15 Prozent an, dass das schon erfolgt sei. Für die Zukunft erwarten die Manager, dass die Bedeutung von KI im Gesundheitswesen weiter zunimmt – vor allem in Diagnostik und Prävention. Fast alle (94 Prozent) rechnen mit starken oder sehr starken Auswirkungen auf ihr eigenes Unternehmen und 90 Prozent haben bereits eine spezielle Abteilung für KI eingerichtet. Dennoch sagen derzeit nur 29 Prozent der Befragten, dass ihre Organisation gut für das Thema aufgestellt ist.
„KI ist in der Gesundheitsbranche angekommen und verursacht bereits jetzt große Umwälzungen”, sagt Ulrich Kleipaß, Partner bei Roland Berger. „Das betrifft alle Akteure in der Wertschöpfungskette, von Pharma- und Medizintechnikunternehmen, deren Geschäftsmodelle sich mit KI verändern, über Krankenversicherungen, die KI nutzen, um ihre Effizienz zu steigern, bis hin zu den Fachkräften in Krankenhäusern, Laboren und Arztpraxen, die neue KI-unterstützte Diagnose- und Therapiemethoden anwenden.“ Auch deshalb müssen sich alle Unternehmen der Branche mit dem Thema befassen, sonst laufen sie Gefahr, bei Innovation und Effizienz ins Hintertreffen zu geraten und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, mahnt der Unternehmensberater.
Schneller, höher, weiter
Bisher hilft KI im Gesundheitswesen vor allem bei der Optimierung von Prozessen und Kosten: 81 Prozent der Befragten nennen schnellere Abläufe als Vorteil, 79 Prozent eine gesteigerte Qualität und 77 Prozent Kosteneinsparungen. Im Zuge weiterer technologischer Fortschritte dürfte KI sich in allen Bereichen der Patientenversorgung und in der gesamten Wertschöpfungskette im Gesundheitswesen durchsetzen: KI-unterstützte Diagnoseverfahren, etwa in der Radiologie, versprechen schnellere und genauere Ergebnisse; die Automatisierung von Routineaufgaben steigert die Effizienz und hilft, personelle und finanzielle Ressourcen freizumachen; KI-gestützte Datenanalysen in Pharma- und Medizintechnikunternehmen beschleunigen klinische Studien und steigern die Effizienz bei Forschung und Entwicklung.
Insgesamt erwartet das Marktforschungsunternehmen Grand View Research bis 2030 ein weltweites Marktvolumen für KI im Gesundheitswesen von bis zu rund 190 Milliarden US-Dollar. Die Roland Berger-Studie zeigt allerdings, dass es bei der tatsächlichen Anwendung von KI derzeit noch große Unterschiede innerhalb der Branche gibt. So ist der Einsatz der Technologie etwa in der medizinischen Diagnostik deutlich weiter fortgeschritten als im Bereich der Therapie.
„Insgesamt hat die Gesundheitsbranche die grundlegende Bedeutung von KI für ihre Zukunft erkannt, das zeigen die laufenden Investitionen und das Engagement der Unternehmensführungen, etwa mit der Einführung spezieller KI-Abteilungen”, sagt Karsten Neumann, Partner bei Roland Berger. „Dass sich dennoch nur 29 Prozent ausreichend vorbereitet sehen, um mit Hilfe von KI Wettbewerbsvorteile zu erzielen, liegt vor allem an fehlender technischer Expertise zu diesem hochkomplexen Thema sowie technischen und infrastrukturellen Unsicherheiten.”
Partner gesucht
Folgerichtig gaben 87 Prozent der Befragten an, dass sie lieber mit einschlägigen Technologieunternehmen zusammenarbeiten würden, als eigene KI-Lösungen zu entwickeln – trotz Bedenken, etwa in Bezug auf die Datensicherheit.
Auf Basis der Umfragedaten und der In-House-Expertise haben die Studienautoren drei Szenarien erarbeitet. Besonders wahrscheinlich sei das „realistische Szenario“, das einen Einsatz von KI prognostiziert – vor allem in Bereichen, wo sie messbare Vorteile bringt. Die Effizienzgewinne wären in diesem Fall allerdings ungleichmäßig über die Branche verteilt. Ein zweites, „beschleunigtes Szenario” beschreibt die schnelle Einführung von KI in der gesamten Gesundheitsbranche sowie deren umfassende Transformation. Das dritte, „konservative Szenario” geht von einer langsamen Entwicklung und begrenzten Auswirkungen aus.
Unabhängig davon, welches der drei Szenarien tatsächlich wahr wird, sollten Gesundheitsunternehmen sich intensiv damit auseinandersetzen, wie das Thema KI sich auf ihr Geschäft auswirkt”, sagt Thilo Kaltenbach, Partner bei Roland Berger. „Das reicht von strategischen Überlegungen über die Ermittlung von Betriebsbereichen, die am ehesten von KI profitieren können, bis hin zu gezielten Investitionen in die Technologie, um sich frühzeitig Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Dabei ist eine langfristige Perspektive wichtig und die kontinuierliche Überprüfung und Optimierung des Engagements, um sowohl für evolutionäre als auch disruptive Entwicklungen gerüstet zu sein.”



