Revolutionieren KI-Agenten die Pflege?

by | Apr 15, 2024

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KI, die Nachsorgeaufgaben übernimmt: Das zumindest ist die Vision von Chiphersteller Nvidia und dem KI-Startup Hippocratic AI, die sich Ende März zusammengetan haben. Auch der Deutsche Pflegerat sieht Potenzial in den Care-Agents.

 

Ist es die dringend benötigte Trendwende in der Pflege? Ende März haben sich Chip-Hersteller Nvidia und der auf KI spezialisierte Gesundheitsdienstleister Hippocratic AI zusammengetan. Das gemeinsame Ziel: KI-basierte „Pflege-Agenten“ zu entwickeln, die nicht nur „besser“ als das menschliche Pflegepersonal in Videogesprächen sein sollen, sondern auch wesentlich günstiger.

Basis dafür ist ein Large-Language-Modeel von Hippocratic, das auf das Gesundheitswesen ausgerichtet ist. Auf der Webseite des Unternehmens werden einige dieser Agenten bereits vorgestellt, Interessierte können in die Konversationen mit den Patienten reinhören. Nvidia will den Ausbau der Technologie nun vorantreiben, um die virtuellen Pflegekräfte schnellstmöglich in den Klinikalltag zu integrieren.

Wie risikoarm ist die KI?

Bei Nvidia und Hippocratic betont man, dass die Pflege-Agenten für risikoarme und patientennahe Aufgaben eingesetzt werden sollen. Doch genau das kritisieren Skeptiker. Sie stellen die Frage, ob der Einsatz von KI in der Pflege tatsächlich risikoarm sein könne, wenn Patienten für die gesundheitliche Nachsorge in einer Art Call-Center landen.

Beim Deutschen Pflegerat steht man den KI-Care-Agents durchaus offen gegenüber. Auf Nachfrage betont die dortige Präsidentin Christine Vogler, dass die KI aus Sicht der Profession Pflege „eine wertvolle Unterstützung“ bietet, indem sie etwa Routineaufgaben übernimmt und Daten analysiert: „Pflege-Agenten könnten bei der Überwachung von Patientendaten helfen, Risikofaktoren erfassen und frühzeitig auf medizinische und pflegerische Veränderungen und Muster hinweisen, die für die weitere Pflege relevant sind. Das schafft mehr Zeit für die direkte Patientenbetreuung und Pflege.“ Weiter seien beispielsweise Einsatzmöglichkeiten in der Dienstplangestaltung, bei Schulungen wie auch der Erstellung von personalisierten Maßnahmenplänen möglich. Auch könnten KI-Care-Agents als erste Anlaufstelle für Patientenanfragen dienen, indem sie häufig gestellte Fragen beantworten oder bei Bedarf an Fachpersonal weiterleiten.

Kein Ersatz für den Menschen

Gleichzeitig mahnt Vogler, dass die KI den Menschen nicht vollständig ersetzen kann und die Ergebnisse immer durch einen Menschen bewertet werden müssen: „Bedenken gibt es hinsichtlich des Datenschutzes und der Genauigkeit der KI-Empfehlungen.“ Letzteres hänge vor allem von der erforderlichen, genauen Datenerfassung und Dateneingabe ab – und auch davon, zu welchen Schlüssen die KI selbst in der Bewertung komme, wie sie also programmiert sei. Dennoch glaubt Vogler: „Eine lernfähige, sich verbessernde KI kann zu einer effizienteren Patientenversorgung und Pflege führen.“ Skeptisch ist die Pflegeexpertin in Bezug auf die menschliche Interaktion und die soziale und pflegerische Beobachtung – also genau jene Aspekte, die man bei Hippocratic betont und weiter ausbauen will. Was Vogler richtig anmerkt: Vielerorts fehle es noch an der erforderlichen IT-Infrastruktur und der digitalen Anbindung im Pflege- und Gesundheitswesen.

Hier sind die USA definitiv weiter. Entsprechend groß ist die Hoffnung der Investoren, dass Hippocratic – vor allem jetzt nach dem Zusammenschluss mit Nvidia – den Pflegemarkt revolutionieren könnte. Insgesamt hat das erst in 2022 gegründete Startup laut Zahlen von Crunchbase 118 Millionen US-Dollar eingesammelt – zuletzt 53 Millionen US-Dollar Ende März in einer Serie-A-Runde, die vom indischen Private Equity Unternehmen PremjiInvest und dem in Cambridge ansässigen Venture Capital Unternehmen General Catalyst angeführt wurde.

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