Quo Vadis Patientenportale?

von | Mai 26, 2025

Anhoren

Teilen

 

Die Neuvergabe des Projekts „Mein-Krankenhaus Bayern“ ist nur ein Beispiel dafür, dass die seit dem KHZG 2020 stark gehypten Patientenportale aktuell einem Realitätscheck unterzogen werden – aber reicht der?

 

Aus für Siemens Healthineers bei „Mein-Krankenhaus Bayern“ – dem Patientenportal für über 100 Krankenhäuser im Freistaat. Die Meldung sorgte Anfang Mai für einige Aufregung nach knapp zwei Jahren Projektlaufzeit und einem eigentlich für Anfang dieses Jahres geplanten Go-Live. Doch kam sie wirklich überraschend?

Wenn man sich überlegt, wer da gescheitert ist, dürfte die Antwort vermutlich Ja lauten – vor allem, wenn die Recherchen von Business Insider stimmen und das fehlende C5-Testat, wie die „Branchenkreise munkeln“, wirklich ausschlaggebend für das Scheitern war.

Betrachtet man den Markt allerdings etwas breiter, ist es vielmehr überraschend, dass aktuell – auch medial – nicht deutlicher und vielleicht auch hitziger über Patientenportale diskutiert wird.

Lösung gefunden

Zunächst einmal ist es positiv zu werten, dass die Klinik IT e.G., die Projektgesellschaft hinter Mein-Krankenhaus Bayern, mit The I-Engineers einen Anbieter gefunden hat, der das Projekt im Rahmen des KHZG noch fristgerecht umsetzen kann. Andreas G. Henkel, Chief Product Officer bei The I-Engieers in München, sagt auf Anfrage, dass das anstehende Projekt zwar ehrgeizig, aber realistisch umsetzbar sei und verweist auf die langjährige Erfahrung mit Interoperabilitätsplattformen und Patientenportalen sowie dem standardisierten Vorgehen bei Großprojekten: „Unser Hauptprodukt, die Health-Engine, ist eine im Markt bewährte und in über 400 Kliniken eingesetzte Interoperabilitätsplattform, kurz IOP, und zugleich das Backend unserer Patientenportallösung. Bei uns erhalten Kundinnen und Kunden also beides, die IOP und das Patientenportal aus einer Hand mit abgestimmten Prozessen, Schnittstellen und voller Interoperabilität.“ Das sei bei anderen Anbietern häufig nicht der Fall. Patientenportal und IOP werden dort in der Regel als separate Lösungen betrachtet, die erst noch zusammengeführt werden müssen.

Hilfreich ist zudem, dass die I-Engineers mit „Mein-Krankenhaus Digital” bereits ein weiteres, sogar bundesländerübergreifendes Patientenportal umsetzen – ebenfalls für die Klinik IT e.G – bei dem es laut Henkel außer der Größenordnung und Standorte – bayern- versus deutschlandweit – inhaltlich keine Unterschiede gebe. „Bei der Realisation, sowie Projektsteuerung und Organisation ergeben sich daher wertvolle Synergien, die allen Beteiligten von großem Nutzen sind“, sagt der Produktchef.

Zu viel, zu schnell

Dieses individuelle „Happy End“ sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch andere große Namen – m.Doc beim Saarland-Projekt sei hier einmal stellvertretend genannt – schon an ihren (zu großen) technischen Versprechen gescheitert sind. Das liegt vor allem daran, dass mit der KHZG-Förderung gerade in Deutschland Patientenportal-Anbieter wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Von den meisten hört und sieht man heute wenig – entweder, weil sie ganz vom Markt verschwunden sind oder zumindest deutlich kleinere Brötchen backen. Der Deutschland-Produktchef von The I-Engineers sieht darin eine ganz normale Entwicklung in neuen, vielversprechenden Märkten, wo Bereinigungen nicht unüblich sind. Für Henkel ist das Patientenportal zudem mehr als die reine Umsetzung der KHZG-Muss- und Kann-Kriterien: „Wir sind fest davon überzeugt, dass im Zuge des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes, kurz KHVVG oder Krankenhausreform, und den damit verbundenen Versorgungsmodellen, die digitale Interaktion mit den Patientinnen und Patienten noch mehr an Bedeutung gewinnt.“ In dem Zusammenhang werde besonders die direkte Kommunikation zwischen Gesundheitseinrichtungen und Patienten sowie ambulanten Strukturen immer wichtiger.

Chance für die Ambulantisierung?

„Die KHZG-Milliarden sind nur der Anfang des Weges hin zu digitalen und weitgehend automatisierten Prozessen sowie Vernetzung und Interaktion aller Beteiligten am Behandlungspfad“, ist Henkel zudem überzeugt. „Mit zunehmender Ambulantisierung und kürzeren Krankenhausaufenthalten wird es immer wichtiger, Daten von einem Versorger zum nächsten reibungslos zu übertragen, Termine digital zu vereinbaren und mit den Gesundheitsversorgern zu kommunizieren.“

Ein Mehr an Ambulantisierung wird gerade im Rahmen der Krankenhausreform immer wieder diskutiert und kann tatsächlich auch monetär betrachtet eine Chance für das deutsche Gesundheitswesen sein. In den USA werden laut Zahlen von Jama Surgery bereits über 60 Prozent der Operationen ambulant durchgeführt, während es in Deutschland unter 30 Prozent sind.

Wie allerdings Patientenportale in ihrem jetzigen Aufbau zu einen reibungslosen Datenaustausch beitragen sollen, ist eine Frage, die dieser Tage von den Experten – wenn überhaupt – nur schwammig beantwortet wird. Schon im Zuge des Patientenportal-Projekts im Saarland mit zwölf teilnehmenden Kliniken, die Umsetzung soll bis Ende dieses Jahres erfolgt sein, musste in puncto Datenschutz noch einmal nachgebessert werden. Und CPO-Henkel sagt im Fall der The I-Engineer-Projekte zum Datenschutz: „Die Architektur sieht vor, dass die Daten weiter in den beteiligten Krankenhäusern liegen. Nur Daten, die ein Patient oder eine Patientin anfordert oder ihm/ihr persönlich zugeordnet sind, werden im persönlichen Portalbereich gehalten und angezeigt. Was die Patienten im weiteren Verlauf mit ihren Daten machen, zum Beispiel via Download Funktion, liegt in der Verantwortung der Patienten.“

Wer verantwortet den Austausch?

Heißt übersetzt: Wie im Saarland sind die Daten damit physisch voneinander getrennt, obwohl architektonisch auch andere Lösungen denkbar wären. Datenschutz ist richtig und wichtig und in Zeiten zunehmender Hackerangriffe auf das Gesundheitswesen eines der zentralen Themen, die im Rahmen der digitalen Transformation höchste Priorität haben müssen, keine Frage. Gleichzeitig wird damit die Verantwortung für einen sinnvollen Datenaustausch über Sektorengrenzen hinweg de facto an die Patienten übertragen – jener Gruppe von Beteiligten in diesem System, die bisher – bis auf ein paar ausgedrückte Befunde oder vielleicht hier und da mal eine Disc mit Röntgenbildern – bisher kaum Berührung mit den eigenen Gesundheitsdaten hatte. Freilich soll sich das mit der elektronischen Patientenakte ändern. Doch kommt zwangsläufig die Frage auf: Ist das vielleicht am Ende des Tages zu viel Verantwortung und vielleicht auch zu viel auf einmal?

Bei The I-Engineers betont man noch einmal die Granularität der Berechtigung, die runter bis auf einzelne Dokumente geht. Damit werde eine starke Kontrolle sowie der Datenschutz sichergestellt und zugleich die Möglichkeit zum Austausch geboten, um Mehrwerte in der Behandlung zu erzielen. Allerdings sagt Henkel auch: „Die Patientinnen und Patienten entscheiden selbst, ob und welche Daten an andere Versorger oder Institutionen aus dem Verbund weitergegeben werden.“ Und selbstverständlich sei es für Patienten auch möglich, die Daten aus der Lösung in die persönliche elektronische Patientenakte zu übernehmen. Die Frage nach der Verantwortung bleibt.

Das könnte Sie auch interessieren