Primärarztsysteme: Auf die Steuerung kommt es an

von | Juni 18, 2026

Anhoren

Teilen

 

Eine OECD-Vergleichsstudie zeigt: Primärarztsysteme sind international weit verbreitet, ihre Wirksamkeit hängt jedoch von der Ausgestaltung im Detail an.

 

 

In 75 Prozent der OECD-Länder wird die fachärztliche Versorgung über das sogenannte Primärarztsystem organisiert. Das heißt, es gibt einen hausärztlichen Erstkontakt und erst dann gibt es potenziell eine Überweisung an die Spezialisten. Doch wie wirksam ist dieses Prinzip? Dieser Frage geht eine vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) geförderte OECD-Vergleichsstudie nach.

„In vielen Industrieländern ist Realität, was in Deutschland als Reformvorhaben diskutiert wird. Zur Einführung eines Primärarztsystems lohnt daher ein Blick auf die internationale Evidenz, die in einer aktuellen Studie der OECD mit Förderung durch das Zi zusammengetragen worden ist“, sagte der dortige Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried.

Eine Frage der Organisation

In rund 60 Prozent der OECD-Länder wird das Gatekeeping durch Hausärztinnen und -ärzte durch positive oder negative Anreize flankiert. Die Studie zeigt: Gatekeeping kann die fachärztliche Inanspruchnahme reduzieren, führt aber nicht automatisch zu kürzeren Wartezeiten. Die hängen vor allem von den verfügbaren haus- oder fachärztlichen Kapazitäten sowie der Organisation der Versorgung ab und werden nicht allein durch eine Steuerung der Patientenwege beeinflusst.

Gleichzeitig folgern die Autoren aus ihrem Vergleich der Gesundheitssysteme, dass Gatekeeping zwar mit höheren Ausgaben für die Primärversorgung einhergehen kann, damit aber keine eindeutigen Effekte auf die Gesamtausgaben oder deren Wachstum verbunden sein müssen. Gatekeeping könne dazu führen, dass Patientinnen und Patienten fachärztliche Leistungen auf private Rechnung in Anspruch nehmen wollen. Dies könne regionale Engpässe ausgleichen, zugleich jedoch eine gewünschte Steuerungswirkung abschwächen. Die Wirksamkeit der Gatekeeping-Systeme stehe daher in engem Zusammenhang mit den jeweiligen Systembedingungen.

Kapazitäten entscheidend

Sollen positive Effekte wie mehr Prävention, Zeit für Patientinnen und Patienten oder ein effizienterer Einsatz von Ressourcen erreicht werden, braucht es ausreichend hausärztliche Kapazitäten – auch in ländlichen Regionen, zeigt die Studie. Und es braucht eine geeignete Anreiz- und Vergütungsstruktur. Laut Studie heißt geeignet eine ausbalancierte Kombination aus Vorhaltepauschalen und einer kontaktabhängigen Komponente. Während die Vorhaltepauschalen die Basisversorgung der in der Praxis registrierten Patientinnen und Patienten unabhängig von der Anzahl physischer Kontakte abdecken, sollte die kontaktabhängige Komponente eine möglichst responsive primärärztliche Versorgung gewährleisten.

Die Studie zeigt zudem, dass finanzielle Anreize für Patientinnen und Patienten ein zentrales Steuerungsinstrument sind: Versicherte reagieren stärker auf drohende finanzielle Nachteile als auf mögliche Vorteile. Entsprechend werden in vielen Ländern Zuzahlungen genutzt, um Einschreibemodelle oder verbindliche Überweisungsregelungen zur Lenkung der Patientenwege zu fördern, aber auch um eine Überbeanspruchung der ambulanten Versorgung zu reduzieren.

„Die Studie zeigt: Wo die Steuerung von Patientenwegen gelingt, wird sie in der Regel durch verbindliche Regeln und negative finanzielle Anreize für Versicherte unterstützt“, betont von Stillfried. „Wer ein Primärarztsystem in Deutschland einführen will, wird sich daher in diesen Punkten festlegen müssen.“ Die Studie liefere viele Detailpunkte, die bei der konkreten Ausgestaltung in Betracht zu ziehen seien. Dazu gehöre, dass die Vergütungsstrukturen eine hochwertige ambulante Versorgung anreizen müssten. Zugleich weist die Studie aus Sicht von von Stillfried auf politische Herausforderungen hin, die mit der Einführung eines Primärarztsystems verbunden sein können: „Auch bei einer stringenten Steuerung kann nicht automatisch eine schnellere Terminvergabe vorausgesetzt werden. Die Autoren der Studie heben ebenfalls hervor, dass die Patientenzufriedenheit in Systemen mit Gatekeeping tendenziell niedriger ausfällt als in Ländern mit freiem Facharztzugang.“

Das könnte Sie auch interessieren