Praxenkollaps oder geschickte Lobbyarbeit?

by | Feb 19, 2024

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Heute wurde vor dem Petitionsausschuss des Bundestags über die „Rettung der ambulanten Versorgung diskutiert“. Die Frage ist nur: Muss sie gerettet oder vielmehr neu gedacht werden.

 

Von akutem Handlungsdruck sprechen die einen, von Realitätsferne die anderen. In jedem Fall steht fest, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mit ihrer Petition „zur Rettung der ambulanten Versorgung“ jede Menge Aufmerksamkeit von Politik, Bevölkerung und Medien bekommen hat. Über 550.000 Menschen in Deutschland haben die Petition unterschrieben – logisch, wenn Ängste geschürt werden, dass es die ärztliche Versorgung im unmittelbaren Umfeld bald nicht mehr geben könnte.

Heute wurde der „Praxenkollaps“, vor dem die KBV warnt, im Petitionsausschuss des Bundestages diskutiert. Auch dort waren die Worte des KBV-Chefs Andreas Gassen wieder deutlich: „„Wir haben einen akuten Handlungsdruck. Denn Praxisschließungen drohen bereits in den nächsten Jahren in größerem Umfang. Praxen, die ihre Türen für immer zumachen, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben, sind und werden für die Bevölkerung zu einem weiteren Gradmesser für Teilhabe, Sicherheit und Wohlstand in unserem Land.“

Und KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister warnt, dass es jetzt Lösungen brauche: „Zu viel Bürokratie und eine schlecht gemachte Digitalisierung rauben wertvolle Zeit, die der Patientenversorgung fehlen. Zudem müssen die Regresse endlich aufgehoben werden.“ Insgesamt ist man bei der KBV mit der Anhörung zufrieden, wartet nun aber auf konkrete Reformvorschläge aus dem Bundesgesundheitsministerium. Auch Gesundheitsminister Lauterbach war zur Anhörung anwesend.

Krankenkassen werfen KBV Übertreibung vor

Dass das von der KBV gezeichnete Bild völlig übertrieben ist, findet man indes beim AOK-Bundesverband. Die dortige Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann betont, dass wir in Deutschland endlich aufhören sollten, von einem nicht mehr funktionierendem Gesundheitswesen zu sprechen: „Noch nie wurde so viel Geld für die ambulante Versorgung aufgewendet wie aktuell, allein 2022 waren es 46 Milliarden Euro. Und die Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, die in der Versorgung tätig sind, ist in den letzten Jahren auf einen Spitzenwert von 185.000 gestiegen.“ Auch daher werden die alarmistischen Warnungen der KBV vor einem angeblichen Praxenkollaps der Realität nicht gerecht, glaubt Reimann. Ihr Resümee: „Unser Gesundheitssystem funktioniert, aber es braucht zweifellos eine strukturelle Weiterentwicklung. Die aktuellen Strukturen sorgen dafür, dass die vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen schlecht verteilt und nicht effizient eingesetzt werden.“

Grundsätzlich stimmt jedoch auch der AOK-Bundesverband der Forderung einer sinnvoll umgesetzten Ambulantisierung zu. Denn nach wie vor würden zu viele Menschen in Deutschland im Krankenhaus behandelt, obwohl sie auch ambulant gut und ohne Abstriche in der Behandlungsqualität versorgt werden könnten.

Man wird aktuell den Eindruck einfach nicht los, dass derjenige, der am lautesten Schreit, nur den eigenen, maximalen Mehrwert im Blick hat, die vielen Partikularinteressen sich aber nicht zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Dem übergeordneten Ziel, nämlich einer sektorenübergreifenden, weiterhin finanzierbaren und patientenzentrierten Versorgung kommt man deshalb nicht wirklich näher.

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