Pflegebudget im Krankenhaus: Weniger Fälle, höhere Kosten

von | Feb. 18, 2026

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Laut Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) sind mit dem 2020 eingeführten Pflegebudget etliche Fehlanreize und Zielkonflikte entstanden. Das zeigt eine umfassende Datenanalyse.

 

Die Kosten für das 2020 eingeführte Pflegebudget im Krankenhaus laufen aus dem Ruder, attestiert das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). 26,1 Milliarden Euro – das sei das finanzielle Volumen des Pflegebudgets 2024, während es 2020 bei 19,4 Milliarden Euro lag, rechnen die Experten in einem aktuellen e-Paper vor. Und dabei habe sich die Dynamik des Kostenwachstums in den Jahren 2023 und 2024 im Vergleich zu den Vorjahren sogar noch einmal verstärkt. Während die Zuwächse in den Jahren 2021 und 2022 bei rund sechs Prozent lagen, betrugen sie in den Jahren 2023 und 2024 8,4 beziehungsweise 10,5 Prozent. Zudem seien die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für das Pflegepersonal in den Krankenhäusern stärker gestiegen als alle übrigen Ausgaben im Krankenhausbereich.

„Beim Pflegebudget gilt das Prinzip der Selbstkostendeckung. Das bedeutet, dass die Krankenhäuser sämtliche Kosten für den Personalzuwachs direkt an die Krankenkassen weitergeben können“, erläutert David Scheller-Kreinsen, WIdO-Geschäftsführer und Mitautor der Analyse. Vor diesem Hintergrund sei der starke Kostenanstieg nicht verwunderlich. So sind laut WIdO beispielsweise die Pflegepersonalkosten der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 um 2,4 Milliarden Euro gestiegen. Dieser zusätzlich ausgegebene Milliardenbetrag sei beitragssatzrelevant und entspricht 0,13 Beitragssatzpunkten für die GKV-Versicherten, rechnet Scheller-Kreinsen vor. Besonders besorgniserregend sei allerdings, dass sich das Wachstum des Pflegebudgets weiter fortschreibt. Aktuell bereits vorliegende Daten würden zeigen, dass das vereinbarte Pflegebudget im Jahr 2025 gegenüber 2024 erneut um acht Prozent ansteigt. „Für das Jahr 2026 liegen die aktuell vorliegenden Forderungen der Krankenhäuser bereit zwölf Prozent über dem für 2025 vereinbarten Wert“, zeigt sich Scheller-Kreinsen nachdenklich.

Auch deshalb haben sich die Autoren des e-Papers genauer angeschaut, auf welche Krankenhäuser diese Steigerungen zurückzuführen sind. Die Analyse zeigt, dass das Pflegebudget in freigemeinnützigen und privaten Kliniken mit einem Plus von 50 Prozent zwischen 2019 und 2024 deutlich stärker gestiegen ist als in den öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern (plus 42 Prozent). Auch zwischen den einzelnen Krankenhäusern sind starke Unterschiede erkennbar.

Mehr Pflegepersonal für weniger Patientinnen und Patienten

Der Kostenanstieg infolge der Einführung des Pflegebudgets ging laut der Analyse mit einem Personalaufwuchs in den Krankenhäusern einher – und das bei gesunkener Fallzahl. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Zahl der festangestellten Vollzeitkräfte im Pflegedienst der Krankenhäuser um mehr als 50.000 auf rund 350.600. Während das durchschnittliche Personalwachstum in den Jahren 2011 bis 2018 bei 0,7 Prozent lag, betrug es nach Einführung des Pflegebudgets zwischen 2019 und 2024 3,4 Prozent. „Das mit dem Gesetz verfolgte Ziel wurde also erreicht. Gleichzeitig sind die Fallzahlen in den Krankenhäusern allerdings seit dem Jahr 2020 gesunken. Es stehen also immer mehr Pflegekräfte zur Versorgung von immer weniger Patientinnen und Patienten in den Kliniken zur Verfügung“, attestiert Scheller-Kreinsen.

Dabei unterscheidet sich der Personalaufbau nach Art der Qualifizierung des Personals: Während die Zahl der Pflegefachkräfte mit einer abgeschlossenen Fachausbildung in den somatischen Krankenhäusern zwischen 2019 und 2024 um zehn Prozent angewachsen ist, stieg die Zahl der Pflegehilfskräfte um 75 Prozent. Zu diesen gehören beispielsweise Kranken- und Altenpflegehelfer, aber auch sonstige Berufe oder Beschäftigte ohne Berufsausbildung.

Ungleiches Wachstum zwischen den Sektoren

Die WIdO-Analyse zeigt zudem, dass es im Zuge der Einführung des Pflegebudgets einen beachtlichen Anstieg von Altenpflegekräften gab, die in den Krankenhäusern eingestellt worden sind: Die Zahl der ausgebildeten Altenpflegekräfte in den Kliniken hat sich seit 2019 um das 2,5-fache erhöht. Gleichzeitig ist die Zahl der Vollkräfte in den Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten seit der Einführung des Pflegebudgets deutlich langsamer gewachsen als in den Jahren davor: Während sie zwischen 2009 und 2019 im Jahresdurchschnitt um 2,6 Prozent in Pflegeheimen und 5,4 Prozent in der ambulanten Pflege stieg, hat sich das Wachstum der Vollkräfte in den Jahren 2019 bis 2023 auf durchschnittlich 0,8 Prozent beziehungsweise 2,0 Prozent pro Jahr reduziert. Auch bei den Fachkräften zeigt sich diese Divergenz: In Krankenhäusern nahm ihre Zahl zwischen 2019 und 2023 um 6,7 Prozent zu, in Pflegeheimen ging sie zurück, und in der ambulanten Pflege lag der Zuwachs bei lediglich 1,7 Prozent.

„Anders als im Krankenhausbereich ging dieser Rückgang des Wachstums im Bereich der Langzeitpflege nicht mit einer sinkenden Zahl der zu versorgenden Menschen einher. Das Wachstum des Pflegepersonals verteilt sich also zunehmend ungleich auf die Sektoren“, sagt David Scheller-Kreinsen. Der demografische Wandel verschärfe die Situation absehbar zusätzlich. „Der Anstieg von Pflegebedürftigkeit trifft auf ein sinkendes Arbeitskräfteangebot. Damit wird ein effizienter Einsatz des Pflegepersonals gerade mit Blick über die Sektorengrenzen hinweg künftig noch entscheidender.“

Komplexität steigt

Ein weiterer Aspekt, der im e-Paper des WIdO beleuchtet wird, sind die Auswirkungen des Pflegebudgets auf die Komplexität des Abrechnungssystems. Die Regelungen des Pflegebudgets haben die Budgetverhandlungen zwischen Kassen und Kliniken deutlich verlangsamt, heißt es. So lagen Ende Oktober 2025 erst für 41 Prozent der deutschen Kliniken Budgetvereinbarungen für das Jahr 2025 vor. Selbst für das Jahr 2023 war bei 14 Prozent der Kliniken noch keine Einigung gelungen. Zudem waren mehrere Korrekturen zwischen DRG-System und dem Pflegebudget erforderlich, um Doppelfinanzierungen zu verhindern. In den Jahren 2021 bis 2023 beliefen sich die sogenannten Bereinigungen auf ein Volumen von 775 Millionen Euro. „Das vielleicht größte Problem des Pflegebudgets ist aber, dass das Prinzip der Selbstkostendeckung dringend notwendige Veränderungen der Krankenhausstrukturen wie beispielsweise eine stärkere Ambulantisierung von Leistungen hemmt“, lautet das Fazit von WIdO-Geschäftsführer David Scheller-Kreinsen. „Krankenhäuser, die aufgrund von Strukturveränderungen Pflegepersonal abgeben müssen, haben keinen finanziellen Anreiz, dies zu tun. Dabei bräuchten wir angesichts des Fachkräftemangels im Bereich der Pflege dringend einen effizienteren und gut austarierten Einsatz des Pflegepersonals.“

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