Per Chatbot zur Psychotherapie

by | Mar 1, 2024

Anhoren

Teilen

 

Überweisung zur Gesprächstherapie per Chatbot? Diese Frage hat sich ein britisches Startup gestellt und den Einsatz  auf einer Plattform für psychische Erkrankungen getestet.

 

Kann künstliche Intelligenz helfen, Versorgungslücken in der Psychotherapie zu schließen, in dem ein Chatbot die Überweisung tätigt? Dieser Frage ist die Naturwissenschaftlerin Johanna Habicht beim Startup Limbic nachgegangen. Veröffentlicht wurde ihre Studie unter Beteiligung von Prof. Dr. Tobias Hauser von der Uniklinik Tübingen im Fachjournal Nature Medicine. Konkret wurde untersucht, ob die Überweisungen von Menschen mit psychischen Problemen zur Gesprächstherapie dann gerechter ausfallen, wenn sie ein Chatbot namens „Limbic Access” steuert und an das „Talking Therapies National Program” des National Health Service weitergibt.

Vor allem Minderheiten profitieren vom Chatbot

Die Auswertung basiert auf Daten von 129.400 Personen, die entweder klassische NHS-Dienste oder den Chatbot zur Selbstüberweisung für 28 verschiedene Gesprächstherapie-Angebote nutzten. Der Chatbot, unterstützt durch KI, reagierte empathisch auf Anfragen, führte die Nutzer durch Fragebögen und erhöhte die Selbstüberweisungen um 15 Prozent im Vergleich zu 6 Prozent bei herkömmlichen Diensten. Vor allem Minderheiten profitierten von der Selbstüberweisung zur Gesprächstherapie durch den Chatbot. So war der Anstieg bei Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität (179 Prozent) und ethnischen Minderheiten (29 Prozent) deutlich höher. 

Um die Gründe für die gesteigerte Überweisungsrate durch den Chatbot zu verstehen, wurde das Feedback von 42.332 Teilnehmern analysiert. Es zeigte sich, dass die Interaktion mit der KI den Menschen nicht nur die Nutzung erleichterte. Neben der bestehenden Scham und Stigmatisierung bei psychischen Erkrankungen, insbesondere bei Minderheiten, trug auch das gesteigerte Bewusstsein der Nutzer über ihren Therapiebedarf durch den Überweisungsprozess zum positiven Effekt des Chatbots bei.

Einsatz auch in Deutschland denkbar?

Trotzdem die Studie einige Limitationen aufweist, wie mögliche Interessenskonflikte der Autoren, die Teil des Chatbot-Unternehmens sind, fehlende Randomisierung und keine kausalen Schlüsse bei Beobachtungsstudien, sehen die Forscher ihre Hypothese durch die Ergebnisse bestätigt. KI-gestützte Chatbots können die Selbstüberweisungsraten zur Gesprächstherapie erhöhen, insbesondere bei benachteiligten Gruppen. Angesichts dieser positiven Ergebnisse stellt sich die Frage, ob Chatbots auch in Deutschland in der Gesundheitsversorgung eingesetzt werden könnten. Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie an der Universität Greifswald erklärt gegenüber dem Science Media Center zum den Studienergebnissen: „Insgesamt ist die Einführung von KI-gestützten Chatbots in der deutschen Gesundheitsversorgung ein vielversprechender, aber auch komplexer Prozess, der abgesehen von Forschung eine sorgfältige Planung und Abstimmung mit den bestehenden gesundheitspolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen erfordert.“

Das könnte Sie auch interessieren

Geburtenrückgang verstärkt sich

Sechs Prozent weniger Neugeborene als noch 2022 – die heute vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen belegen, dass sich der Geburtenrückgang manifestiert.

Sechs Prozent weniger Neugeborene als noch 2022 – die heute vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen belegen, dass sich der Geburtenrückgang manifestiert.

Boehringer Ingelheim mit Umsatzplus

Der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim knüpft mit einem erneuten Umsatzplus im ersten Halbjahr nahtlos an das gute Geschäftsjahr 2023 an.

„Ein datenbasierter Ansatz optimiert die Beziehung zwischen Behandler und Patient“

Wenn man seit 20 Jahren Datenbanken aufbaut und die Digitalisierung aktiv vorantreibt, darf man wütend darüber werden, wenn andere weiterhin nur philosophieren, während man selbst einfach macht. Wie man Technologie und Daten zielführend nutzt, Mehrwert für Mediziner stiftet und eine hohe Akzeptanz bei Patienten erreicht, erklärt Dr. med. Arnfin Bergmann im Interview.