Organspende nach Herzstillstand: Potenzial für Deutschland

von | Apr. 17, 2026

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Eine aktuelle Studie zeigt: Organspenden nach Herz-Kreislaufstillstand könnten Wartezeiten verkürzen und Transplantationszahlen steigern.

 

Nach wie vor gibt es in Deutschland zu wenige Spenderorgane – obwohl die Politik mit dem Organspende-Register und anderen Gesetzesinitiativen seit einigen Jahren versucht, die Zahl der Spender zu erhöhen. Allerdings sind auch die Voraussetzungen für die Organspende in Deutschland strikter als in anderen europäischen Ländern. In Deutschland gilt: Entnommen werden darf nur, wenn der Tod irreversibel eingetreten ist und die derzeit einzige rechtlich zulässige Form hierfür ist der sogenannte Hirntod, also der irreversible Hirnfunktionsausfall.

In vielen anderen Ländern ist zusätzlich die kontrollierte Organspende auch nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand (HKS) geregelt und etabliert. Hierbei tritt der Tod nicht zuerst durch den Ausfall der Hirnfunktionen ein, sondern nach der durch die Patientinnen oder den Patienten gewünschten Therapieeinstellung auf der Intensivstation – wenn beispielsweise über eine Patientenverfügung klar geregelt ist, dass keine lebenserhaltenden Maßnahmen gewünscht werden.

Studie zeigt deutliches Potenzial

Eine aktuelle Studie der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit der Eurotransplant International Foundation in Leiden, Niederlande hat untersucht, welches Potenzial eine Indikationserweiterung auf die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand für Deutschland hätte. Grundlage waren retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern sowie simulationsgestützte Modelle zur Entwicklung von Transplantationszahlen und Wartelisten.

Die jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Einführung der HKS-Spende die Zahl verfügbarer Spenderorgane in Deutschland deutlich erhöhen könnte. „Wir haben diese Studie vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels durchgeführt, da Deutschland im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarländer durch den Verzicht auf die HKS-Spende einen Sonderweg geht“, erklärt Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Fakultät der CAU. Er ist gemeinsam mit dem Eurotransplant-Wissenschaftler Hans de Ferrante, PhD, Erstautor der Studie. Bisherige Diskussionen konzentrierten sich meist auf andere Lösungsansätze, um den Organmangel abzumildern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet. Ihr sollte ein größerer Stellenwert in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung eingeräumt werden“, sagt der Arzt und Wissenschaftler.

Rechtlicher und organisatorischer Rahmen entscheidend

Allerdings kommt es stark darauf an, wie der rechtliche und organisatorische Rahmen gestaltet wird. Wie das Beispiel Österreichs zeige, reiche es nicht, bloß die legale Grundlage für die HKS-Spende zu schaffen – dort kam es in Anbetracht fehlender systematischer Strukturverbesserung auch nach nationaler Einführung eines langsam wachsenden HKS-Spendeprogramms nicht zu höheren Gesamttransplantationszahlen. Würde Deutschland hingegen einem spanischen oder Schweizer Modell folgen, zeigt die Modellrechnungen für das Jahr 2023, dass mit der HKS-Spende 35 Prozent mehr Leber- und 60 Prozent mehr Nierentransplantationen möglich gewesen. In einem Szenario wie in Tschechien ergäbe sich ein Plus von rund zehn Prozent bei Lebertransplantationen und rund 30 Prozent bei Nierentransplantationen.

Erwin de Buijzer, Medical Director, Eurotransplant, stellt fest: „Ob und wie HKS-Spenden in Deutschland geregelt werden könnten, ist eine gesellschaftliche und politische Frage, die Eurotransplant nicht beantworten kann – und die Studie nimmt diese Entscheidung nicht vorweg. Sie bietet aber eine datenbasierte Grundlage für eine sachliche Debatte und hilft, mögliche Auswirkungen besser zu verstehen. Maßstab bleiben Transparenz, Qualität und Patientensicherheit.“

Es braucht Strukturen

Darüber hinaus spielen strukturelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Internationale Beispiele zeigen, dass steigende Organspendezahlen meist mit umfassenden Maßnahmen einhergehen, etwa verbesserter Spendererkennung in Kliniken, standardisierten Abläufen, gezielter Schulung von Fachpersonal sowie Öffentlichkeitsarbeit zur Steigerung der Akzeptanz.

Die Studie zielt darauf ab, die öffentliche Debatte zu erweitern. Aktuell wird vor allem die Einführung der Widerspruchslösung diskutiert. Diese sieht vor, dass jeder Mensch grundsätzlich als Organspender gilt, sofern nicht zu Lebzeiten explizit widersprochen worden ist. „Wir wollen alternative, wirksame Systemoptionen sichtbar machen. Viele wissen nicht, dass Organspende in Deutschland an eine bestimmte Todesfeststellung gebunden ist – und dass dadurch Spenden nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand derzeit ausgeschlossen sind. Ob und wie man dafür rechtliche Voraussetzungen schafft, sollte offen und sachlich diskutiert werden“, betont von Samson-Himmelstjerna.

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