Der finnische Anbieter von Gesundheit- und Social-Care-Software Tietoevry Care sorgt vor allem in den Nordics für die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Nun eruiert man auch den deutschen Markt. HealthCareTimes hat mit Tietoevry Cares Head of Data-Driven Care Teemu Vähäkainu über Ziele und Hintergründe gesprochen.
Tietoevry digitalisiert seit 30 Jahren das Gesundheitswesen – vor allem in Skandinavien. Die Nutzung von Gesundheitsdaten spielt dabei eine große Rolle. Das spiegelt sich auch in Ihrem Titel wider. Was können anderen europäische Ländern von den Nordics lernen?
Die skandinavischen Länder haben vor allem einen zeitlichen Vorsprung. Finnland hat sein Modernisierungs- und Transformationsprogramm beispielsweise 2017 gestartet. Was dabei heraussticht: Software wurde von Anfang an modular, offen und interoperabel gedacht. Ein Beispiel ist unsere Lifecare Open Platform, die wir gemeinsam mit unseren Kunden entwickelt haben und die auf openEHR basiert. Damit ist es möglich, strukturierte Daten aus verschiedenen Quellen zu nutzen – also Patientenakten, Laborinformationen, Krankenhausdaten und auch von den Patienten zu Verfügung gestellten Informationen. Das erleichtert vieles in der Versorgung.
Ist es aus Ihrer Sicht ein Vorteil, mit diesen „nordischen Erfahrungen“ nun andere europäische Märkte ins Visier zu nehmen?
Wenn man sich die globalen Trends anschaut, muss man zunächst festhalten: Wir alle stehen mehr oder weniger vor denselben Herausforderungen. Dazu gehören der demografische Wandel, der Fachkräftemangel oder knappe Budgets. Alleine deshalb muss Gesundheitsversorgung effizienter werden – und zwar weltweit. Technologie kann bei dieser Mammutaufgabe zu einer wichtigen Stütze werden. Allerdings nur, wenn es gelingt, die zahlreich vorhandenen unstrukturierten Daten strukturiert zu erfassen. Und die Tatsache, dass uns das gemeinsam mit unseren Kunden in den Nordics seit einigen Jahren erfolgreich gelingt, ist definitiv ein Vorteil.
Worin liegt dieser Erfolg in Skandinavien begründet?
Aus meiner Sicht sind es klar die offenen Standards. Dadurch haben die Gesundheitseinrichtungen nicht nur die Hoheit über ihre Daten, sondern vor allem auch Entscheidungsfreiheit. Das dies der richtige Weg ist, zeigt auch das Interesse anderer europäischer Länder – inklusive Deutschland –, auf einheitliche Interoperabilitätsstandards zu setzen. Denn sie sind Grundlage dafür, dass Innovationen vorangetrieben und letztendlich auch KI-Lösungen flächendeckend Einzug in das Gesundheitswesen halten.
KI ist ein gutes Stichwort, welches derzeit eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Allerdings haben wir im Gesundheitswesen noch sehr viele Datensilos und zu wenig wirklich strukturiert nutzbare Gesundheitsdaten. Kann Künstliche Intelligenz in einem solchen Setting überhaupt schon Mehrwert generieren?
Aus meiner Sicht zeigt KI im Gesundheitswesen bereits Wirkung und vor allem, welches Potenzial noch in ihr steckt – denken Sie an die Bildgebung, die Diagnose oder die personalisierte Medizin. Auch mit Blick auf die Automatisierung von Prozessen, kann sie schon heute Mehrwert bieten, indem medizinisches Personal entlastet wird. Im Prinzip hilft sie überall dort, wo große Datenmengen dank KI schneller, effizienter und genauer analysiert werden können. Ein anderes Beispiel ist die Verwaltung, wo mit Hilfe von KI Ressourcen effizienter verplant werden können – mit entsprechendem Einsparpotenzial für die Gesundheitsorganisationen und verbesserten Services für Patienten. Sicherlich stehen wir erst am Anfang dessen, was technologische möglich ist, doch der Vorgeschmack, der sich uns schon heute bietet, lässt erahnen, was in den kommenden Jahren möglich sein wird.
In Deutschland wird derzeit viel über regionale Versorgungsmodelle diskutiert – auch, um die Versorgung effizienter zu gestalten. Welche Erfahrungen haben Sie mit patientenzentrierten Modellen – auch hier gilt Skandinavien ja gerne als Best Practice?
In Finnland haben beispielsweise die Wohlfahrtsbezirke die Verantwortung für die Versorgungskoordination – und zwar sektorenübergreifend. Das heißt, dass die jeweiligen Versorgungsstrukturen auch zwingend miteinander verbunden sein und Technologien und Lösungen entsprechend genauso sektorenübergreifend gedacht werden müssen. Alleine dadurch haben Sie zwangsläufig in der ambulanten Versorgung dieselben „User Experiences“ wie in der stationären Versorgung – und zwar bei Patienten wie Professionals gleichermaßen. Das hebt natürlich auch das Level an Patientenzentrierung über den gesamten Versorgungsprozess hinweg.
Das heißt, Interoperabilität ist auch der Schlüssel für eine stärkere Patientenzentrierung?
Aus unseren Erfahrungen eindeutig – gepaart mit Datenliquidität, was natürlich für die einzelnen Sektoren im Gesundheitswesen genauso gilt wie für die Software-Anbieter.
Nun schauen Sie sich aktuell verschiedene europäische Märkte an. Wie bewerten Sie das deutsche Gesundheitswesen – auch im Vergleich zu dem anderer Länder?
Aus unserer Sicht gewinnen die Themen Interoperabilität und offene Standards in Deutschland derzeit an Bedeutung. Wie ich eingangs gesagt habe: Letztendlich stehen alle Industrienationen mehr oder weniger vor denselben Herausforderungen. Dadurch entsteht – genau wie in vielen anderen europäischen Ländern auch – ein interessantes Umfeld für Wettbewerb und Innovationen.
Ließen sich Ihre „nordischen“ Lösungen denn eins zu eins auch auf den deutschen Markt übertragen?
Die Gesundheitsversorgung hat alleine schon mit Blick auf die Regulatorik in jedem Land ganz eigene Spielregeln. Außerdem wollen wir auf keinen Fall ein monolithisches System irgendwo etablieren, weil es nicht unserer Philosophie entspricht. Deshalb eruieren wir aktuell verschiedene Märkte und sprechen eng mit potenziellen Kunden und auch Partnern, um lokale Gegebenheiten besser zu verstehen und dann für den jeweiligen Markt angepasste Optionen unserer Lösungen anbieten zu können.
Noch hat Tietoevry keine deutschen Kunden, sehen wir dennoch bald mehr von Ihnen in Deutschland?
Wir werden uns und unsere Lösungen auf jeden Fall schon einmal im April auf der DMEA vorstellen. Alles Weitere wird sich dann zeigen…
Teemu Vähäkainu ist Head of Data-driven Care für Tietoevrys Healthcare-Sparte. Er hat vor allem einen technologischen Hintergrund, war vor seiner jetzigen Rolle beispielsweise als CTO und R&D Manager beim norwegischen Transportdienstleister Fara Asa tätig. Seine Expertise liegt in der Softwareentwicklung, Systemarchitektur und Lösungsfunktionalitäten. Insgesamt verfügt Teemu Vähäkainu über umfangreiche Erfahrungen in den Bereichen Gesundheitswesen und intelligente Verkehrssysteme.



