Die österreichische Ärztekammer warnt: Der medizinische Nachwuchs könne die pensionsbedingten Abgänge nicht kompensieren. Maßnahmen seien dringend erforderlich.
Die österreichische Ärztekammer (ÖAK) hat ihre aktuelle Ärztestatistik mit Stand 31.12.2023 vorgelegt und die zeigt: Österreich hat wie viele andere Länder auch Nachwuchsprobleme bei Medizinern. Zwar sei die Zahl der Ärzte gegenüber 2022 um 2,2 Prozent gestiegen, das könne die pensionsbedingten Abgänge jedoch nicht kompensieren.
Denn in den vergangenen 20 Jahren hat sich vor allem der Anteil der über 55-jährigen Mediziner beträchtlich vergrößert. Per 31.12.2023 waren 33,7 Prozent der Gesamtärzteschaft über 55 Jahre alt, während beispielweise zwischen 1990 und 2000 der Anteil konstant bei etwa 17 Prozent lag. Die über-55-Jährigen erreichen in den nächsten zehn Jahren das Regelpensionsalter oder werden es überschreiten. Zwar gibt es immer wieder Mediziner, die auch nach dem Erreichen des Pensionsalters noch ärztlich tätig sind, jedoch verschiebt sich dieser Tätigkeitsbereich zunehmend in Sektoren, die außerhalb der Versorgungswirksamkeit im öffentlichen Gesundheitssystem liegen, heißt es von der ÖAK. Aus den 18.042 Ärzten, die in den nächsten zehn Jahren das Pensionsalter von 65 Jahren überschreiten, ergibt sich daher ein Nachbesetzungsbedarf von 1.804 pro Jahr, allein um eine Aufrechterhaltung des Status-quo zu gewährleisten.
„Ich kann nicht abstreiten, dass ich ziemliche Déjà-vu-Gefühle habe, schließlich weisen wir schon seit über zehn Jahren auf die Probleme dieser Altersstruktur hin“, kommentiert Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer diese Zahlen. Dass die geburtenstarke Babyboomer-Generation irgendwann in Pension gehen werde, dafür brauche man keine hellseherischen Fähigkeiten. „Erschütternd ist vielmehr, dass auf diese vorhersehbare Problemstellung seitens der Politik über ein Jahrzehnt nur sehr zögerlich reagiert wurde“, sagt Steinhart. Der Nachwuchs reiche für den errechneten Nachbesetzungsbedarf bei Weitem nicht aus.
Mehr Studienplätze sind nicht die Lösung
1.900 Studienplätze für Humanmedizin gibt in Österreich jedes Jahr – das Angebot der Privatuniversitäten nicht mit eingerechnet. Das reiche jedoch nur theoretisch, um das Nachwuchsproblem zu lösen, betont Steinhart: „Rund 30 Prozent unserer Absolventen stehen aus unterschiedlichen Gründen nicht dem österreichischen Gesundheitssystem zur Verfügung. Daher ist auch die immer wieder geforderte Erhöhung der Medizinstudienplätze keine Lösung: Wir haben bildlich gesprochen einen Kübel mit einem erheblichen Loch drin.“
Dass es daher keine gute Lösung sei, einfach noch mehr Wasser hineinzuschütten, sollte offensichtlich sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Medizinstudium sehr aufwändig und kostenintensiv sei. Steinhart glaubt, dass mehr Studienplätze in Österreich vor allem anderen Nationen zugutkäme: „Das Ausland würde sich sehr bedanken, wenn wir mit unserem Steuergeld noch mehr Ärztinnen und Ärzte ausbilden und sie dann gratis nach Europa exportieren.“
Fingerzeig Richtung Deutschland
Tatsächlich haben viele Länder aktuell zu wenig medizinischen Nachwuchs, weshalb der internationale Wettbewerb um Jungmediziner hart ist. „Unsere Nachbarländer Deutschland und Schweiz locken mit attraktiven Angeboten, konstatiert Steinhart. „Und gerade Deutschland ist einer der Hauptverantwortlichen für eine Sogwirkung durch ganz Europa, weil es jährlich gut 5.000 Ärztinnen und Ärzte weniger ausbildet, als es brauchen würde.“
Steinhart betont jedoch auch, dass sich die Ansprüche der jungen Mediziner verändert habe und Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben wichtiger werden. Kassenverträge als auch die Arbeitsbedingungen in den Kliniken müssen daher flexibler werden. Und auch die Politik bekommt vom ÖAK-Präsidenten ihr Fett weg. Schließlich habe sin die Situation der fehlenden Fachkräfte sogar noch verschärft, „indem durch die so genannten Kostendämpfungspfade das öffentliche Gesundheitssystem immer mehr ausgehungert wurde“.
Hohe Kopfzahlen kein Maßstab
Laut OECD hat Österreich die höchste Arztdichte Europas. Steinhart glaubt jedoch, dass diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen seien. Übervolle Ambulanzen, fast 300 unbesetzte Kassenstellen und lange Wartezeiten würden etwas anderes sagen. Aus Sicht des ÖAK-Präsidenten liegt die Erklärung in der steigenden Teilzeitquote, die eine höhere Kopfzahl alleine für die Aufrechterhaltung des Status quo benötige. „Das öffentliche System mit seiner Fünf-Minuten-Medizin kann immer weniger Ärztinnen und Ärzte begeistern und auch viele Spitalsärztinnen und Spitalsärzte ziehen eine Wahlarzttätigkeit vor. Es gibt auf dem Papier zwar mehr Ärztinnen und Ärzte, aber nicht im öffentlichen Gesundheitssystem“, rechnet Steinhart vor. Zudem werde ausgeblendet, dass sich die Bevölkerungsstruktur ändert: Die Zahl steigt, die Menschen werden älter und brauchen mehr medizinische Betreuung. „Einfach nur den Status quo über Jahre hinweg fortzuschreiben, wird sich irgendwann nicht mehr ausgehen“, ist sich Steinhart sich.



