NXTGen: Kliniken sind für Mediziner kaum noch attraktiv

by | May 13, 2024

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Seit sechs Jahren arbeitet Dr. Moritz Völker als Arzt im stationären Sektor, eine lange Zeit, in der sich dennoch nichts verändert hat. Das frustriert – Ärzteschaft, Pflege und Patienten gleichermaßen.

 

Während Dr. Moritz Völker seinem LinkedIn-Feed kurz nach der DMEA – Connecting Digital Health in Berlin entnehmen konnte, dass spätestens ab morgen die KI die Versorgung managed und überhaupt Software, neue Technologien und Digitalisierung den Arztberuf ins 21. Jahrhundert katapultieren, hat er ein Bild gepostet, das seinen Arbeitsalltag als Notfallmediziner an einer Klinik im Ruhrgebiet widerspiegelt. Zu sehen ist ein Tacker. Denn das, was in Berlin auf der Messe gezeigt, bewundert und gehypt wurde, stehe im krassen Kontrast zu seiner Arbeitsrealität. Im Gespräch mit der HealthCareTimes erklärt Dr. Völker, warum die Kluft zwischen Industrie und Praxis so groß ist, was er sich für die Zukunft wünscht und welchen Weg das Gesundheitswesen für eine Annäherung zwischen technologisch Möglichem und der gelebten Realität in den Kliniken gehen müsste.

Herr Dr. Völker, waren Sie selbst schon einmal auf der DMEA in Berlin?

Nein, deshalb kann und will ich die Veranstaltung auch gar nicht kommentieren – auch wenn ich aufgrund diverser Selfies fast das Gefühl habe, die Messehallen gut zu kennen.

Warum schauen Sie, respektive viele andere Praktiker in den Kliniken derartige Industrieveranstaltungen nicht einfach einmal an, um sich ein besseres Bild machen zu können?

Weil die Art von Veranstaltungen nicht für uns Praktiker konzipiert sind. Mal davon abgesehen, dass sie unter der Woche stattfinden, müssten Menschen, die direkt am Patienten arbeiten, Urlaub nehmen. In Anbetracht der aktuellen Situation vieler Häuser, sind unsere Arbeitgeber nicht bereit, den Besuch von solchen Messeveranstaltungen in irgendeiner Form zu bezuschussen und da sie nicht als Fortbildung konzipiert sind, ist auch das keine Option. Und dann ist Berlin als Veranstaltungsort zumindest für den Großteil der Bevölkerung auch nicht um die Ecke. Kurz: Die Hürden sind ziemlich groß, weshalb man es sich dann eben zweimal überlegt, ob sich der Aufwand lohnt und ob es einen persönlichen Mehrwert gibt. Zumal es mich persönlich durchaus auch frustriert, mir Zukunftsvisionen anzuschauen, die dermaßen weit von meinem Arbeitsalltag entfernt sind.

Ihr Post war keine Kritik an die DMEA, sondern vielmehr eine Erinnerung an die Industrie, dass sie die eigentlichen Nutzer vergisst, respektive sich zu wenig an deren Bedarf orientiert?

Ganz genau. In einer idealen Welt wären die Menschen, die am Ende mit neuen Lösungen arbeiten müssen, viel stärker und vor allem viel früher eingebunden.

Und wie sieht aktuell die Realität aus?

Praktikern in den Kliniken – egal ob Ärzteschaft oder Pflege – werden Lösungen mehr oder weniger von oben aufoktroyiert. Natürlich wird schon gefragt, ob das so für uns passt. Allerdings wird uns nicht die nötige Zeit eingeräumt, uns wirklich intensiv mit einer Lösung zu beschäftigen, vielleicht auch direkte Rückfragen an die Entwicklung zu stellen. Das heißt, wirklich eingebunden sind wir nicht, weshalb im Prinzip andere darüber entscheiden, was wir brauchen und was uns im Arbeitsalltag nützt.

Ist die Bereitschaft, sich einzubringen, in der Praxis denn überhaupt vorhanden?

Natürlich. Wir alle wollen unbedingt effizienter arbeiten. Es ist uns allen ein Graus, wie es zum Teil in den Kliniken abläuft. Nur um sich einbringen zu können, müssen entsprechende Möglichkeiten geschaffen werden – und zwar nicht nur in der Theorie, sondern mit dem nötigen Raum, sich intensiv mit Digitalisierung und neuen Technologien beschäftigen zu können, sodass am Ende Ärzteschaft und Pflege in den Kliniken auch wirklich einen Mehrwert haben. Und dann müssen wir auch dringend fitter gemacht werden, was diese Themen angeht. Das fordert die Ärzteschaft schon lange. Wir sind keine Digital Natives, sondern vielmehr noch sehr rückständig. Das merkt man spätestens, wenn man zu Hause versucht, ein neues Netzwerk einzurichten. Ich für meinen Teil habe hier nie eine Bildung genossen und das geht vermutlich den meisten Menschen in Deutschland so.

Man hört eine gewisse Frustration heraus…

Die auch absolut vorhanden ist, weil der gesamte Prozess einfach so unfassbar zäh ist. Das Verständnis wird gerade auf eine sehr harte Probe gestellt, womit man Ärzteschaft und Pflege zwangsläufig verliert. Und dann wird es richtig schwer, Anwender dazu zu bringen, Lösungen wirklich konform zu nutzen. Bestes Beispiel ist der Arbeitsschutz: Den kann man so umsetzen, wie er vorgesehen ist, oder so, dass er alltagstauglich ist, was im Klartext zu Parallelprozessen und damit letztendlich Ineffizienzen führt.

Passiert das in der Praxis bei digitalen Projekten schon?

Natürlich. Parallel zu schlechten Programmen gibt es nach wie vor Exceltabellen, die das Stationsgeschehen zusammenfassen. Oder ganz aktuell wurde beispielsweise gesagt, dass ab 1. Januar ohne elektronischen Heilberufeausweis nichts mehr funktioniert und wir kein einziges Medikament mehr verschreiben können – was für mich als Notfallmediziner schlecht wäre. Was wir seit dem 1. Januar nicht können, ist ein E-Rezept ausstellen. Ich kenne auch kein Krankenhaus, dass den bundeseinheitlichen Medikationsplan, den es seit 2016 gibt, mit dem schönen QR-Code in der Ecke einlesen, geschweige denn ausgeben kann. Das ist die Realität, in der wir arbeiten. Wir haben die Hausaufgaben von gestern noch immer nicht gemacht.

Solche Ausführungen sind vor allem auch deshalb interessant, weil wir mit Auslaufen der KHZG-Projektfrist zum Ende dieses Jahres zumindest in der Theorie einen deutlichen Digitalisierungsschub spüren müssten…

Was man mit Blick auf das KHZG klar sagen kann: So ziemlich alle sind zu spät. Darüber hinaus würde ich die Gemengelage als „gemischt“ bezeichnen. Sicherlich haben viele Häuser erst einmal abgewartet, weshalb der Druck jetzt spürbar steigt. Gleichzeitig ist aber auch die Industrie gar nicht in der Lage, ein dermaßen großes Projektvolumen in dem nun verbleibenden Zeitrahmen umzusetzen und zu implementieren. Und auch die Abstimmungen sind zum Teil schwierig. Ich habe es schon erlebt, dass ein Rettungsdienst eine Dokumentationssoftware eingeführt hat und man den Nutzern einen Monat eingeräumt hat, Dinge zu verbessern. Für den Notarzt sind das im Schnitt zwei oder drei Dienste dort, was natürlich für eine echte Beurteilung nicht reicht. In der Praxis dokumentiert man jetzt digital, um das Protokoll in den Kliniken auszudrucken. Eine erneute Insellösung. Kurz: In Punkto Digitalisierung haben wir in vielen Kliniken einen Flickenteppich, der bestenfalls noch abteilungsintern einheitlich ist. Ich bin jetzt seit 2018 als Arzt im stationären Sektor tätig und kann tatsächlich nicht sagen, was in den letzten sechs Jahren substanziell vorangegangen ist. Ich nehme keine Veränderung wahr.

Jetzt haben wir viel über die Dinge gesprochen, die verständlicherweise frustrieren. Wie können wir aus Ihrer Sicht die Probleme lösen?

Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, was natürlich nur eine empirische Beobachtung ist, verlasen doch viele Kolleginnen und Kollegen die direkte Patientenversorgung und sichern sich beispielsweise in der Industrie Alternativen – weil die Arbeit in der Versorgung mittlerweile so unattraktiv ist. Das ist ein Unding und daran müssen wir arbeiten. Digitale Unterstützung ist unglaublich wichtig und – richtig eingesetzt – auch eine Arbeitserleichterung, die zu einer Grundlage der zukünftigen Versorgung werden wird. Gleichzeitig ist es aus meiner Sicht allerdings nur eines von vielen Problemen, die wir haben.

Stichwort Jobs in der Industrie: Ist es nicht aber auch wichtig, dass Ärzte an der Produktentwicklung beteiligt sind?

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass neue Lösungen aus der Versorgung heraus entstehen, weil wir nur dann auch von echten Innovationen sprechen können. Ein Label „mit Ärzten entwickelt“ sagt wenig aus, wenn die maximal einige Monate in einer Klinik gearbeitet haben. Und wenn man sich in anderen Branchen umschaut, entsteht Innovation immer aus den Prozessen heraus und wird nicht von anderer Stelle vorgegeben. Ein wenig beißt sich hier jedoch die Katze in den Schwanz, respektive steht uns die Ist-Situation im Weg. Denn mal eben eine ganze Abteilung schließen und für ein paar Tage zum Brainstorming ins Offsite, wie es neudeusch heißt, können wir in den Kliniken leider nicht.

Wie kann man die Versorgung besser in die Entwicklung neuer, digitaler Lösungen einbeziehen?

Ich glaube, wir müssen einfach der Tatsache ins Auge sehen, dass wir es Jahrzehnte schlicht verpennt haben, das Gesundheitswesen zu reformieren. Deshalb müssen wir jetzt den harten und schwierigeren Weg gehen. Auch das wissen wir aus anderen Wirtschaftszweigen: Es macht Sinn, sich direkt am Anfang die nötige Zeit zu nehmen und Prozesse wie auch Projekte ordentlich zu gestalten. Ansonsten kommen halbfertige und halbgare Dinge heraus, wie wir es beispielsweise mit dem KHZG erleben. Und das hilft der Versorgung nicht.

Können Sie verstehen, dass Patienten mit dem deutschen Gesundheitssystem unzufrieden sind?

Natürlich, das können wir alle, die in den Kliniken arbeiten. Auch ich bin häufig genervt von den diversen Ineffizienzen. Wie wollen Sie den Patienten vermitteln, dass sie so etwas wie Brieftauben sind, die mir das Futter in Form ihrer Akten und Daten selbst mitbringen müssen, damit ich etwas verrichten kann. Ich nehme mittlerweile deutlich wahr, dass die Bevölkerung von unserer Performance enttäuscht ist – zu Recht, wie ich betonen muss. Sie dürfen so viel mehr erwarten, weil die Gesundheitsversorgung mittlerweile auch verdammt teuer ist.

Dr. med. Moritz Völker ist Notfallmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und Vorsitzender Junge Ärztinnen und Ärzte im Hartmannbund. Er scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und setzt sich konsequent für eine bessere Versorgung ein, die er auch in seinen beiden Büchern „Heal your Hospital“ und „Purpose!“ thematisiert.

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