NXTGen: Auf Umwegen in die Notaufnahme

by | Mar 15, 2024

Elias Hofmann und Nils Bergmann wollen mit MySympto die Notaufnahme bei der Diagnosefindung unterstützen

Anhoren

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In unserer Serie NXTGen stellen wir junge Menschen vor, die sich der mutigen Aufgabe stellen, das Gesundheitswesen von morgen zu gestalten. Heute im Gespräch: Die MySympto-Gründer Nils Bergmann und Elias Hofmann.

 

Der Startschuss fiel lange vor der Gründung von MySympto an der TU Darmstadt, wo bei Forschungsaktivitäten schnell klar wurde: KI in der Medizin hat großes Potenzial. Das haben Nils Bergmann und Elias Hofman auch als Nicht-Mediziner verstanden. Die Möglichkeiten, die neue Technologien gerade im Gesundheitswesen bieten, sind so vielfältig, dass sich die beiden Gründer zunächst auf das Thema Arztbriefe konzentriert haben. Doch nicht überall, wo Verbesserungschancen bestehen, gibt es das entsprechende Marktpotenzial. Auch solche vermeintlichen „Sackgassen“ gehören auf dem Gründungsweg dazu und sorgen im Idealfall sogar dafür, den Ansporn zu erhöhen, aus einer anfänglichen Idee eine echte Innovation zu machen – zumindest war das der Fall bei Bergmann und Hofmann und der Grund, warum beide heute für den Auftakt unserer neuen Serie „NXTGen“ ihre persönliche Gründungsgeschichte erzählen.

Herr Bergmann, Sie haben im universitären Umfeld zu neuen Technologien geforscht. Das klingt zunächst nach großen Entfaltungsmöglichkeiten. Woher kommt da der Drang, aus einem Forschungsprojekt heraus ein Unternehmen zu gründen?

Die Möglichkeiten in der Forschung sind tatsächlich groß, aber wenn man ehrlich ist, landen die meisten Ideen und Ansätze dann doch in der Schublade. Unser Antrieb war es, etwas zu schaffen, was Anwendung findet und im besten Fall sogar Mehrwert schafft.

 Und diesen Mehrwert haben Sie sich von der Automatisierung von Arztbriefen erhofft?

Hatten wir, weil ich von den zahlreichen Medizinern in meinem Umfeld wusste, was Arztbriefe für ein Pain Point sein können. Und tatsächlich ist der Bedarf nach Lösungen auch durchaus vorhanden, nur die Bereitschaft, für eine Lösung zu zahlen, eben nicht im gleichen Ausmaß. Hier scheinen die Überstunden, die für die Erstellung der Arztbriefe in der Regel anfallen, nicht schmerzhaft oder vielmehr teuer genug zu sein. Das sind zwei interessante Erfahrungen, die wir in den letzten rund zwei Jahren gemacht haben: Im Gesundheitswesen gibt es eine Menge zu verbessern, aber nicht überall steckt auch Marktpotenzial dahinter. Außerdem muss die Lösung, die man schafft, für die Nutzer günstiger sein als der Status Quo.  

Wie sind Sie dann von den Arztbriefen in die Notaufnahme gekommen, Herr Hofmann?

Zunächst haben wir gelernt, dass wir auf unserem unternehmerischen Weg viel früher in die Interaktion mit wirklichen Entscheidungsträgern gehen müssen. Das haben wir getan und sind so über diverse Gespräche mit den verschiedenen Stakeholdern in und um die Notaufnahme in ganz Deutschland zu unserer aktuellen Lösung gekommen. Nach dieser Interviewreihe – auch über die verschiedenen Hierarchieebenen hinweg – haben wir zudem auch selbst in einer Notaufnahme hospitiert, um uns ein besseres Bild machen und überhaupt verstehen zu können, wie und wo Technologie die Abläufe unterstützen kann.  

Ist dieser enge Kontakt aus Ihrer Sicht entscheidend für den Erfolg einer Lösung?

Mit den Erfahrungen, die wir bisher machen konnten, eindeutig ja. Deswegen haben wir den Kontakt nach dieser ersten Bestandsaufnahme auch nie abbrechen lassen, sondern viele kleine Schritte immer wieder mit den potenziellen Nutzern in den Notaufnahmen evaluiert. Im Verlauf haben wir mittlerweile auch Ärzte im Team, weil wir festgestellt haben, dass sich unser Produkt durch diese doch anderen Einblicke noch einmal anders entwickelt. Das beginnt schon bei der Sprache, die Mediziner sprechen und die man in Teilen eben nur versteht, wenn man selbst einmal in einer Klinik gearbeitet hat – genauso wie wir als Techniker auch wiederum unsere eigene Sprache haben.

Was ich aus den Ausführungen Ihres Mitgründers raushöre, Herr Bergmann: Es ist gar nicht so einfach, im Gesundheitswesen Fuß zu fassen, wenn man branchenfremd ist…

Das stimmt in der Tat. Hier sehen wir auch sehr deutlich, welche Entwicklung wir von unseren Anfängen bis heute hinter uns haben – weil wir mittlerweile zahlreiche Veranstaltungen besucht haben, Kontakte knüpfen und ein starkes Netzwerk sowie Team aufbauen konnten. Das macht einen großen Unterschied und nimmt ein wenig von der anfänglichen Unbedarftheit, die man logischerweise hat, wenn man eine Branche noch nicht so gut kennt. Wenn dann aber hinter dem, was man sagt und präsentiert, auch Substanz steckt, wird man auch ernst genommen. Zumindest ist das unsere Erfahrung.  

Wo stehen Sie aktuell mit Ihrer Lösung?

Wir bieten ein KI-basiertes Entscheidungsunterstützungssystem für die Notaufnahme an, das die wahrscheinlichsten Diagnosen und nächsten Behandlungsschritte vorschlägt. Entsprechend brauchen wir dafür eine Zulassung als Medizinprodukt. Der Prototyp funktioniert auf Testfällen schon sehr gut. Wir können hier eine Diagnosegenauigkeit von 96 Prozent bei Lehrbuchfällen nachweisen und von den Ärzten, die die Behandlungsempfehlungen der Lösung bewertet haben, gab es mit 97 Prozent die Bestnote. Die Ergebnisse sind also sehr vielversprechend, müssen aber natürlich erst noch klinisch evaluiert werden. Hierfür haben wir mit den Unikliniken in Düsseldorf und Mainz starke Partner. Insgesamt glauben wir, dass eine Zulassung bis Ende kommenden Jahres durchaus realistisch ist.

Herr Hofmann, das ist ein langer Zeitraum, bis sie potenziell die ersten Umsätze verzeichnen. Gleichzeitig haben Sie jetzt schon Verantwortung für ein Team – auch finanziell. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Wir haben das große Glück, dass wir direkt mit der Gründung durch das Hessen Ideen Stipendium unterstützt wurden, das bis Ende letzten Jahres lief. Aus diesem Netzwerk heraus konnten wir uns dann mit Hessian.AI auch direkt ein Anschluss-Stipendium sichern. Aktuell finalisieren wir einen Antrag für das Gründerstipendium Exist. Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, wie man sich als Gründer gerade in der Anfangsphase finanziell gut aufstellen kann. Allerdings werden wir vermutlich Ende 2024 dann aber doch auch Investoren an Bord holen, um die weiteren Entwicklungen stemmen zu können. Durch die solide Basis im Vorfeld haben wir jedoch die Möglichkeit, hier sehr sorgfältig zu selektieren, wer zu uns passt und uns vielleicht nicht nur mit Kapital, sondern auch Know-how und Kontakten aus dem Gesundheitswesen weiterbringen kann.

Sie haben vermutlich den großen Vorteil, dass die Investoren gerade bei KI-basierten Lösungen derzeit deutlich interessierter hinschauen…

Da wir beide das erste Mal gründen, fehlt uns natürlich der Vergleich. Aber die KI ist für Investoren tatsächlich relevant, weil die eben ihre Verticals haben, in die sie investieren. Wer da mit KI punktet, ist für eine deutlich breitere Investorenbasis interessant.

Eine abschließende Frage mit Ihrem Wissensstand heute: Ist es empfehlenswert, als Unternehmer im Gesundheitswesen aktiv zu werden?

Eindeutig ja – allein schon deshalb, weil wir mehr Gründungen brauchen, um die Gesundheitsversorgung nachhaltig und zukunftsfähig aufzustellen. Was ich gerne früher gewusst und umgesetzt hätte: Man muss die Eigenheiten des Gesundheitswesens schon sehr gut verstehen, bevor man wirklich etwas erreichen kann.

Würden auch Sie das so unterschreiben, Herr Bergmann?

Definitiv und ich kann noch ergänzen: Es ist klug, sich eine Nische und vielleicht auch zunächst kleine Zielgruppe zu suchen, für die man dann eine wirklich passende Lösung entwickelt. Das ist eines der großen Learnings für uns. Denn vor lauter Optimierungs- und Verbesserungspotenzial im Gesundheitswesen verrennt man sich schnell. Sich einen klaren Fokus zu suchen, ist deshalb ein guter Rat.

 

Nils Bergmann hat einen Master of Science in Informatik von der TU Darmstadt mit Fokus von KI-Anwendungen in der Medizin. Er war in der Produktinnovation bei ABB tätig und konnte auch bereits während des Studiums erste Startup-Erfahrung sammeln.

Elias Hofmann hat einen Master of Science in Wirtschaftsingenieurwesen und Entrepreneurship, ebenfalls von der TU Darmstadt. Während seines Studiums konnte er bereits erste Gründungserfahrungen in einem Startup sammeln und war als Strategieberater tätig.

MySympto unterstützt Mediziner bei der alltäglichen Diagnosestellung. Die Software erleichtert mit Hilfe von Erfahrungsdaten, Künstlicher Intelligenz und medizinischen Leitfäden die häufig schnell zu treffenden Entscheidungen in Kliniken. Dies könnte Fehldiagnosen verringern und damit auch unnötige Kosten im Gesundheitssystem vermeiden. Im ersten Schritt konzentriert sich MySympto mit der Lösung auf die Notaufnahme der Kliniken

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