NHS bleibt der britische Patient

by | Feb 29, 2024

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In Großbritannien warten nach wie vor Millionen Menschen auf einen geplanten Eingriff. Und eine neue Studie zeigt: Das bleibt in den kommenden Jahren wahrscheinlich auch so. 

 

Noch steht der Termin für die Parlamentswahlen in Großbritannien nicht fest. Was hingegen sicher ist: Das britische Gesundheitssystem wird in diesem Jahr definitiv zu einem wichtigen Wahlkampfthema. Denn es steht nicht gut um die Gesundheitsversorgung im Land, wie nun eine aktuelle Studie des Thinktanks Institute for Fiscal Studies zeigt. Ende Dezember 2023 standen etwa 7,6 Millionen Fälle auf der Warteliste des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS, bei denen ein stationärer oder ambulanter Eingriff geplant war. Das seien fast 400.000 Fälle mehr als vor einem Jahr und etwa drei Millionen mehr als in Zeiten vor der Pandemie, heißt es im Bericht. Der Premier habe sein Ziel, das er vor einem Jahr ausgegeben habe, damit nicht erreicht. Dennoch gebe es Anlass zur Hoffnung. Die Zahl der Fälle auf der Warteliste sei Ende 2023 drei Monate hintereinander zurückgegangen.

Was der Report hingegen noch nicht berücksichtigt, ist der Streik der Assistenzärzte Anfang Januar dieses Jahres, der noch einmal dafür gesorgt hat, dass über 100.000 geplante Behandlungen verschoben und neu gebucht werden mussten.

Politik bisher wirkungslos

Beide politische Lager, die konservativen Tories und die Labour-Partei, sind sich der prekären Lage bewusst. Die derzeitige konservativ geführte Regierung hat den Abbau der NHS-Wartelisten zu einer ihrer Hauptprioritäten gemacht, während eine der fünf nationalen Missionen der Labour-Partei darin besteht, „den NHS wieder auf die Beine zu bringen”, unter anderem durch den Abbau von Wartezeiten.

Papier ist allerdings geduldig und so zeigt der Report des Institute for Fiscal Studies schonungslos auf, dass sowohl der NHS als auch die Regierungen seit 2010 die meisten ihrer Ziele für Wartelisten und Wartezeiten nicht erreicht haben. Die im Sanierungsplan für elektive Eingriffe vom Februar 2022 festgelegten Ziele, bis März 2024 Wartezeiten von mehr als 65 Wochen zu beseitigen und das Behandlungsvolumen bis 2024/2025 auf 20,9 Prozent über dem Niveau vor der Pandemie zu steigern, werden mit ziemlicher Sicherheit verfehlt. Das längerfristige Ziel, dass 92 Prozent der Patienten innerhalb von 18 Wochen nach der Überweisung behandelt werden sollten, wurde seit September 2015 nicht erreicht und wird wohl auch in nächster Zeit nicht erreicht werden.

Massives Ungleichgewicht bei Fachgebieten

Darüber hinaus zeigen die Daten: Die Wartelisten werden in einigen klinischen Fachgebieten viel schneller länger als in anderen. Für allgemeine Innere Medizin lag sie im Dezember 2023 zwei Prozent unter dem Stand von Januar 2020, in der Gynäkologie 109 Prozent darüber.

Und auch die regionalen Unterschiede sind gravierend: Im Vergleich zum Januar 2020 war die Warteliste im Dezember 2023 im Osten Englands um 113 Prozent höher, im Nordosten und in Yorkshire dagegen „nur“ um 71 Prozent. Noch größere Unterschiede gäbe es, wenn man kleinere geografische Gebiete betrachtet, zeigt der Report.

Zukunft ungewiss

Ob es einen Ausweg aus dieser Versorgungskrise gibt, stellt man beim Thinktank in Frage. Es bestehe große Unsicherheit darüber, wie sich die Wartelisten in Großbritannien in den kommenden Jahren entwickeln könnten. „In dem zentralen Szenario, das wir für am wahrscheinlichsten halten, würden die Wartelisten ab Mitte 2024 kontinuierlich, aber langsam abnehmen. Aber selbst im Dezember 2027 würde die Warteliste in diesem Szenario immer noch bei 6,5 Millionen liegen und damit weit über dem Niveau vor der Pandemie“, schreiben die Macher.

Tritt das eher pessimistische Szenario ein, blieben die Wartelisten auf ihrem aktuellen sehr hohen Niveau. Optimistische betrachtet, wäre eine Reduktion der Warteliste bis Dezember 2027 auf 5,2 Millionen Behandlungen realistisch, heißt es weiter, wobei auch diese Zahlen noch immer über dem Vor-Corona-Niveau liegen würden. „Wir halten es daher für sehr unwahrscheinlich, dass die Wartelisten in den nächsten vier Jahren das Niveau vor der Pandemie erreichen werden“, schließt das Institute for Fiscal Studies ab.

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