Dass unter dem Begriff Multiple Sklerose eine ganze Reihe entzündlicher Autoimmunerkrankungen zusammengefasst wird, weiß die Wissenschaft seit einige Jahren. Nun hat ein Team des LMU Klinikums ein neues Antigen identifiziert.
Multiple Sklerose ist nicht gleich Multiple Sklerose. Seit Jahrzehnten wird unter dem Begriff MS ein ganzes Spektrum verschiedener entzündlicher Autoimmunerkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) zusammengefasst. Der Unterschied zwischen den Erkrankungen: Das Immunsystem greift unterschiedliche molekulare Zielstrukturen, sogenannte Antigene, an. Ein Team des LMU Klinikums hat nun gemeinsam mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern ein solches Antigen entdeckt.
„Diese Befunde erweitern unser Bild über Autoimmunreaktionen gegen das eigene Gehirn mit möglichen diagnostischen und therapeutischen Konsequenzen“, erklärt der Co-Leiter des Forschungsteams Prof. Dr. Edga Meinl vom Institut für Klinische Neuroimmunologie der LMU. Gemeinsam mit seiner Co-Leiterin Prof. Dr. Simone Mader, die mittlerweile am Uniklinikum Erlangen tätig ist, hat Prof. Meinl die neuen Erkenntnisse im Fachmagazin Science Translational Medicine veröffentlicht.
Der Nachweis spezifischer Autoantikörper gegen Antigene im ZNS macht eine Abgrenzung von der MS überhaupt erst möglich. Allerdings sind die genauen Zielstrukturen für die Autoimmunreaktion für die allermeisten Patienten noch immer unbekannt. Auch deshalb ist das Antigen, das die Münchner Wissenschaftler nun identifiziert haben, ein erster wichtiger Schritt zu einem besseren Verständnis der Erkrankung.
Ausgangspunkt für die Entdeckung war eine Patientin in der neuroimmunologischen Ambulanz am Institut für Klinische Neuroimmunologie in München mit einer Entzündung im Rückenmark, die eine Antikörper-vermittelte Erkrankung vermuten ließ. Allerdings ließen sich keine der bereits bekannten Autoantikörper nachweisen. Im Blut dieser Patientin fand das Studienteam Antikörper, die an Hirngewebe binden – und zwar an Stützzellen, sogenannte Astrozyten, die Blutgefäße im zentralen Nervensystem ummanteln.
Neuer Antikörpertest entwickelt
Mit modernen Methoden ist es gelungen, die Identität der Zielstruktur genau zu identifizieren. Es handelt sich um ein Protein namens MLC1, das auf der Oberfläche von Astrozyten vorkommt. Mit einem neu entwickelten Test wurden Antikörper gegen MLC1 im Blut bei vier von etwa 300 Patienten gefunden, die eine MS oder eine MS-ähnliche Erkrankung diagnostiziert bekommen hatten. Außerdem wies das Team in unterschiedlichen umfangreichen Laborversuchen nach: Antikörper gegen MLC1 können Astrozyten zerstören und eine Entzündung im Rückenmark verstärken.
Die neuen Ergebnisse würden laut Prof. Dr. Tania Kümpfel, Leiterin der neuroimmunologischen Ambulanz am LMU Klinikum, dass sich das Spektrum der Krankheiten, die sich ähnlich wie eine Multiple Sklerose präsentieren, immer weiter auffächert. Dies würde sich auch in der Aktualisierung von Diagnosekriterien widerspiegeln. „Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, diese Erkrankungen immer gezielter und effizienter behandeln zu können“, ist Prof. Kümpfel überzeugt.



