MVZ in privater Hand: Heuschrecken oder Heilsbringer?

by | Mar 11, 2024

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Die Interessen von privaten, nicht-ärztlichen Kapitalgebern werden immer wieder öffentlich in Frage gestellt. Eine Studie des BBMV und des ALM zeigt nun: Evidenz ließe sich leicht schaffen. Beide Verbände fordern deshalb weniger Emotionen in der Diskussion um MVZ.

 

Beeinflusst die Übernahme durch private, nicht-ärztliche Kapitalgeber das Abrechnungsverhalten von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ)? Dieser Fragen geht eine aktuelle Studie des Bundesverbands der Betreiber Medizinischer Versorgungszentren e.V. (BBMV) sowie des Verbands Akkreditierter Labore in der Medizin e.V. (ALM) nach. Die Interessensverbände haben Prof. Dr. Frank-Ulrich Fricke, Professor für Gesundheitsökonomie an der Technischen Hochschule Nürnberg, mit der Studie beauftragt.

Die Ergebnisse sind vor allem deshalb interessant, weil MVZ in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden – schlicht, weil für eine finanziell nachhaltige Versorgung der Grundsatz „digital vor ambulant vor stationär“ gelten muss und gleichzeitig immer weniger jüngere Ärzte Interesse an der eigenen Praxis haben. Allerdings werden vor allem Übernahmen durch nicht-ärztliche Kapitalgeber kritisch bewertet. Auch Gesundheitsminister Lauterbach äußerte sich im vergangenen Jahr mehrfach negativ und kündigte an, „Investoren mit absoluter Profitgier“ vom Einstieg in MVZ abhalten zu wollen. Im Juni vergangenen Jahres gab es zudem einen Antrag des Bundesrats zur Regulierung der investorenbetriebenen Medizinischen Versorgungszentren.

Gesetzlicher Prüfauftrag liegt bei KVen

Beide Verbände wollen mit der Studie vor allem aufzeigen, wie man sich der Fragestellung evidenzbasiert nähern kann, wie Autor Prof. Fricke unterstreicht: „Mit der vorliegenden explorativen Studie wird ein praktikabler Ansatz vorgestellt, der vergleichende Untersuchungen des Abrechnungsverhaltens von ambulanten Einrichtungen auf Basis vorhandener Daten ermöglicht. Anhand der von uns untersuchten Indikatoren ist es ohne größeren Aufwand möglich, Auffälligkeiten im Abrechnungsverhalten von Vertragsärzten beziehungsweise MVZ festzustellen, die dann in weiterführenden Analysen in der jeweiligen KV zu klären und gegebenenfalls zu sanktionieren wären.“

Von den 17 untersuchten MVZ wurde in zwei Fällen eine Steigerung von mindestens fünf Prozent nach Übernahme durch einen privaten, nicht-ärztlichen Kapitalgeber festgestellt. Zudem sei keine bestimmte Facharztgruppe in dieser kleinen Stichprobe auffällig gewesen. Der maximale Anstieg des Fallwerts lag bei 11,6 Prozentpunkten, alle anderen Steigerungsraten lagen deutlich darunter. Die Macher betonen jedoch, dass die Studie weder repräsentativ sei und die Daten alle auf freiwilliger Basis von den Mitglieds-MVZ bereitgestellt wurden.

Mehr Evidenz, weniger Emotionen

„Wir haben mit dieser Studie gezeigt, dass die Selbstverwaltung mit den ihr zur Verfügung stehenden Daten ein mögliches auffälliges Abrechnungsverhalten nachweisen könnte. Doch diese Möglichkeit wird bisher nicht genutzt. Trotzdem wird immer wieder der unbelegte Vorwurf erhoben, MVZ mit privaten, nicht-ärztlichen Kapitalgebern würden ihrem Versorgungsauftrag nicht nachkommen und sich stattdessen auf gut skalierbare Leistungen konzentrieren. Wir benötigen für die Debatte mehr Evidenz und weniger Emotionen“, betont Sibylle Stauch-Eckmann, Vorsitzende des BBMV.

„Mit einer regelhaften Durchführung solcher, auch im SGB V vorgesehenen Prüfungen, die weitgehend automatisiert durchgeführt werden könnten, ließe sich auch empirisch zeigen, ob ein weiterer Regulierungsbedarf von MVZ in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung überhaupt erforderlich ist“, unterstreicht der Vorsitzende der Akkreditierten Labore in der Medizin e.V., Dr. Michael Müller. Ohne diese empirische Basis blieben Vorwürfe, wie etwa der “Rosinenpickerei”, aus Teilen der Politik und Selbstverwaltung ohne Beleg.

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