Mit Open Evidence zieht sich ein US-KI-Anbieter recht plötzlich aus dem Europageschäft zurück. Was Nutzende stark kritisieren, kann allerdings auch zu einer echten Chance werden.
„Heute morgen musste ich mit Entsetzen feststellen, dass die oben erwähnte Plattform in Europa aufgrund der hohen regulatorischen Hürden wohl nicht mehr verfügbar ist“, schreibt ein User der Plattform Reddit vor etwa neun Tagen. Die Überschrift des Threads lautet Open Evidence in Europa nicht mehr verfügbar.
Was war passiert? Wer versucht, die Seite von Open Evidence zu öffnen, sieht lediglich eine Landingpage mit dem Verweis, die Lösung sei in der Europäischen Union und Großbritannien nicht verfügbar. Als Begründung wird die „Menge an regulatorischer Unsicherheit“ mit Blick auf KI-System in den genannten Regionen geliefert. Explizit genannt wird dabei der EU Artificial Intelligence Act.
Regulatorik Schuld?
Open Evidence ist ein primär auf das medizinische Themen ausgerichtetes generatives KI-Wissenstool, welches sich unter Medizinerinnen und Mediziner bisher großer Beliebtheit erfreut hat. Entsprechend groß war die Aufregung auch auf Reddit, dass mal wieder die Regulatorik daran schuld sei, dass „pragmatische Lösungen, die letztendlich de Patienten zugutekommen“, wieder verschwinden.
Allerdings melden sich im Verlauf auch andere Stimmen zu Wort, die sagen, dass Open Evidence nicht nur hilfreich, sondern auch fehleranfällig und sensibel im Umgang mit Daten gewesen sei. Die Quintessenz: „Die EU reguliert das nicht ohne Grund.“
Ein anderer User bringt es dann auf dem Punkt. Amboss AI, eine vergleichbare, in Deutschland entwickelte Lösung, sei eine Alternative. „Ist mir eh lieber, wenn meine Anfragen nicht mehr genutzt werden, um eine US-Company, die mit Pharmawerbung Geld verdient, weiter zu bereichern.
Geschäftsmodell funktioniert hier nicht
Und genau hier vermutet Dr. Witold Polanski, Neurochirurg am Universitätsklinikum Dresden und Co-Gründer von Simply Onno, den eigentlichen Grund für den Rückzug von Open Evidence. Auf LinkedIn schreibt er: „Das Geschäftsmodell kollidiert mit europäischem Pharmarecht. Das ist der eigentliche Killer.“ In den USA finanziert sich das Unternehmen über eben diese Werbung im Ladebildschirm. Dass Open Evidence für die Pharambranche eine ideale Werbeplattform ist, zeigen Zahlen der letzten Finanzierungsrunde aus dem Sommer 2025. Damals hieß es, dass rund 40 Prozent aller praktizierenden Ärztinnen und Ärtze in den USA die Lösung nutzen. Die Anwendung wurde da schon in etwa 8,5 Millionen Konsultationen pro Monat eingesetzt. Damals gab das Unternehmen an, dass der jährliche Werbeumsatz bei 50 Millionen US-Dollar liegt.
Auch deshalb schreibt Polanski in seinem Post: „Wer in Europa klinische KI bauen will, sollte das US-Geschäftsmodell nicht kopieren. Pharmawerbung als Hauptmonetarisierung skaliert hier nicht.“ Stattdessen glaubt er, dass Subskription, institutionelle Verträge oder EHR-Integration gangbare Pfade seien.
Aufwachen Europa
Der Fall Open Evidence sollte allerdings auch ein Weckruf für die Branche in Europa und Deutschland sein – und zwar im positiven Sinn! Denn wenn die Regulatorik hierzulande dafür sorgt, dass der technologische Vorsprung der US-Anbieter nicht mehr so stark wiegt, öffnet das Türen für eigene Entwicklungen, die eben jene Ansprüche zugrunde legen, die wir im Rahmen der Regulatorik umzusetzen versuchen. Und es ist die Chancen, in Europa eine eigenen Datensouveränität und damit digitale Souveränität zu entwickeln.
Dazu passt das Eingangsstatement von Dr. Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Kongresspräsident des Gesundheitskongresses des Westens, der heute seine Tore in Köln öffnet. Auf einem von XQT organisierten Pre-Event am vergangenen Dienstag war genau diese Datensouveränität Thema und Einhäupl sagte, dass wir für verlässliche KI-Anwendungen vor allem eines brauchen: verlässliche Daten – und zwar nicht aus den USA, China oder Indien.
Die Rahmenbedingungen werden deutlicher
Denn mit dem EU AI Act ist es aus regulatorischer Sicht ja noch nicht vorbei. Auch der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) ist seit 2025 in Kraft, ab kommendem Jahr muss die Verordnung auch in nationales Recht umgesetzt sein. Und damit öffnen sich neue Chancen, anhand dieser grenzüberschreitenden Daten auch europäische KI-Lösungen zu entwickeln, die sich auch mit Blick auf die Geschäftsmodelle von denen der US-Anbieter unterschieden – und damit für alle Beteiligten verlässlicher werden und Mehrwert bieten.


