Medscape-Umfrage: sexuelles Fehlverhalten in der Medizin

von | Dez. 4, 2024

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Eine aktuelle Umfrage des Informationsdienstleisters Medscape zeigt: sexuelles Fehlverhalten ist im Gesundheitswesen nach wie vor präsent – auf beiden Seiten.

Sexuelles Fehlverhalten in der Medizin ist nach wie vor ein Thema, zeigt nun eine aktuelle Medscape-Umfrage unter über 700 teilnehmenden Mediziner in Deutschland. In 57 Prozent der Fälle stammen die Täter aus den Reihen der Ärzte, gefolgt von Pflegepersonal (14 Prozent) und medizinischen Fachangestellten (sechs Prozent). Besonders betroffen sind hierarchisch untergeordnete Mitarbeiter, da in 46 Prozent der Fälle die Täter in einer höheren beruflichen Position stehen. Chirurgie (17 Prozent) und Gynäkologie (14 Prozent) zählen zu den Fachrichtungen mit den meisten gemeldeten Vorfällen.

Die #MeToo-Bewegung hat allerdings auch im Gesundheitswesen etwas bewegt. Laut der aktuellen Medscape-Umfrage glauben 48 Prozent der Befragten, dass sexuelles Fehlverhalten am Arbeitsplatz heute ernster genommen wird als vor fünf Jahren. 26 Prozent erkennen hingegen noch keinen Fortschritt. Fehlverhalten in Klinik und Praxis liefert die aktuelle Medscape-Umfrage.

Zu wenig Unterstützung und Aufklärung

Die Umfrage deckt zudem gravierende Lücken in den Unterstützungsstrukturen vieler Einrichtungen. Nur elf Prozent der Kliniken und Praxen bieten systematische Schulungen an, um Mitarbeitende für den Umgang mit sexuellem Fehlverhalten zu sensibilisieren. Noch problematischer ist die mangelnde Aufklärung: 46 Prozent der Befragten wissen nicht, welche Meldewege ihnen bei Vorfällen offenstehen. Lediglich 16 Prozent fühlen sich gut über Beschwerdeverfahren informiert.

Zwar berichten 43 Prozent der Betroffenen, dass nur eine Person den Befragten gegenüber sexuelles Fehlverhalten gezeigt hat, doch immerhin 34 Prozent geben an, dass sich Ihnen gegenüber zwei bis drei Personen im Berufsumfeld inkorrekt verhalten haben. Frauen waren dreimal häufiger von Übergriffen betroffen als Männer.

Patienten als Täter – ein unterschätztes Risiko

Sexuelles Fehlverhalten beschränkt sich allerdings nicht nur auf Kollegen. Auch Patienten sind unter den Tätern: Zehn Prozent der Betroffenen berichteten von unangemessenen Date-Anfragen, während acht Prozent unerwünschte körperliche Annäherung und sieben Prozent unangebrachte Berührungen erlebten. Dies zwingt viele Mitarbeitef dazu, ihre Arbeitsweise zu ändern – 55 Prozent geben an, künftig nicht mehr allein mit solchen Patienten arbeiten zu wollen. Trotzdem wird nur jeder zehnte Täter aus der Praxis verwiesen.

Entsprechend haben 20 Prozent der Opfer haben bereits gekündigt, weitere 20 Prozent ziehen diesen Schritt in Betracht. Wer bleibt, versucht häufig, den Tätern aus dem Weg zu gehen (40 Proeznt), oder berichtet von Konzentrationsproblemen bei der Arbeit (17 Prozent).

Besonders bitter für die Betroffenen: Nach einem Vorfall mit sexuellem Fehlverhalten mussten 77 Prozent weiter mit dem Täter zusammenarbeiten und 71 Prozent der Fälle wurden erst gar nicht gemeldet. Gründe hierfür sind unter anderem Angst vor beruflichen Konsequenzen oder fehlendes Vertrauen in die Unterstützung durch Arbeitgeber. Die hohe Dunkelziffer, die sich auch in den nur selten genutzten Beschwerdeverfahren widerspiegelt, zeigt den dringenden Handlungsbedarf.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung

Ein auffälliger Aspekt der Umfrage sind geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wahrnehmung und Bewältigung sexuellen Fehlverhaltens. Während Frauen häufiger von direkten Übergriffen berichten (neun Prozent im Vergleich zu drei Prozent bei Männern), fühlen sich Männer etwas besser über Meldeverfahren informiert (19 Prozent versus 14 Prozent). Dies deutet darauf hin, dass Frauen aufgrund ihrer höheren Betroffenheit und dem Mangel an Unterstützung häufig weniger Vertrauen in bestehende Systeme haben. Zudem sind die Folgen für Frauen oft gravierender: Sie denken häufiger über einen Stellenwechsel nach und berichten über psychische Belastungen wie Schlafprobleme (22 Prozent bei Frauen versus 16 Prozent bei Männern). Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, geschlechtsspezifische Ansätze in der Prävention und Betreuung zu entwickeln, um betroffene Gruppen gezielt zu unterstützen.

„Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass sexuelles Fehlverhalten in Kliniken und Praxen oft mit den hierarchischen Strukturen zusammenhängt. Dabei wird deutlich, dass unerwünschte Verhaltensweisen eher im Krankenhaus als in der Niederlassung auftreten. Bemerkenswert ist, dass aus den Reihen der Befragten wertvolle Tipps kamen. So sollen Betroffene viele Anlaufstellen gleichzeitig nutzen, wie die nächsthöhere Hierarchie und den Betriebsrat,“ sagt Claudia Gottschling Chefredakteurin von Medscape Deutschland.

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