Zum morgigen Europäischen Aktionstag gegen Gewalt im Gesundheitswesen melden sich zahlreiche Ärztevertreter und Organisationen zu Wort. Die Forderung unisono: Null Toleranz und härtere Strafen.
Beschimpfungen, Bedrohungen und körperliche Übergriffe sind seit Langem kein Einzelfall mehr, attestiert die Bundesärztekammer in einem Post zum morgigen Europäischen Aktionstag gegen Gewalt im Gesundheitswesen. Die Zahlen aus Deutschland und ganz Europa seien alarmierend.
Unterstützung kommt von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM). Deren Vizepräsident Prof. Volker Harth sagt: „Gewalt ist ein zentrales Thema – branchenübergreifend, besonders jedoch im Gesundheitswesen und im öffentlichen Dienst. Und die Tendenz ist steigend.“ Schätzungen zufolge haben zwischen zehn und 30 Prozent der Beschäftigten in Deutschland bereits Gewalt am Arbeitsplatz erlebt, sei es in physischer oder verbaler Form. Und gerade Berufsgruppen mit Kunden- oder Publikumskontakt wie im Gesundheitswesen seien überproportional betroffen.
Die Forderung: Strengere Strafverfolgung
Damit legen Ärztevertreter und Fachgesellschaft den Finger in eine hochrelevante gesellschaftliche Wunde und fordern eine klare Null-Toleranz-Strategie gegenüber Gewalt am Arbeitsplatz. „Wir müssen stärker alle verfügbaren Möglichkeiten nutzen, um Gewalt zu verhindern“, appelliert Harth auch in seiner Funktion als Direktor des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) in Hamburg. Den aktuellen Zustand einfach hinzunehmen, sei keine Option. „Wir müssen in Deutschland noch mehr ins Handeln kommen!“
Null Toleranz fordert auch der Marburger Bund. Dort sieht man sowohl die Arbeitgeber als auch die Politik in der Pflicht. Mit präventiven Sicherheitskonzepten, ausreichendem Sicherheitspersonal und vor allem einer konsequenten strafrechtlichen Verfolgung der Taten ließe sich bereits einiges verändern. Andreas Hammerschmidt, zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen, betont: „Es ist unerträglich, dass Menschen, die tagtäglich Leben retten und die Gesundheit anderer schützen, selbst zur Zielscheibe von Aggressionen werden. Gewalt darf niemals Teil des Berufsrisikos sein.“
Gewalt nicht normalisieren
Doch als eben dieses Berufsrisiko betrachten mittlerweile viele Beschäftigte im Gesundheitswesen die zunehmende Gewalt bereits, zeigen verschiedene Studien und Umfragen. „Sätze wie ‚Das gehört halt dazu‘ hören wir in wissenschaftlichen Befragungen von Mitarbeitenden immer wieder“, berichtet beispielsweise PD Dr. Dr. Stefanie Mache, Leiterin der Arbeitsgruppe Psychische Gesundheit am Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin. „Diese Haltung dürfen wir nicht akzeptieren. Gewalt darf am Arbeitsplatz keinen Platz haben – jeder Gewaltvorfall ist einer zu viel.“
Mache und ihr Team stellen deshalb auf dem DGAUM-Jahreskongress ein integratives Schutzkonzept zur Gewaltprävention in Notaufnahmen vor. Dieses kombiniert bauliche, technische, personelle und organisatorische Maßnahmen. „Effektive Prävention erfordert die systematische Umsetzung verschiedener Maßnahmen“, erklärt Mache im Vorfeld. „Dazu gehören beispielsweise Zugangskontrollen in der Notaufnahme, zusätzliche Fluchtmöglichkeiten für Mitarbeitende, Schutzräume, Deeskalationstrainings sowie eine psychosoziale Nachsorge nach belastenden Ereignissen.“ Gewaltprävention müsse dauerhaft als fester Bestandteil der Organisationskultur in Notaufnahmen verankert werden.
Die Bundesärztekammer unterstützt vor allem die von der Bundesregierung geplante Strafrechtsverschärfung bei Angriffen auf Beschäftigte im Gesundheitswesen. Gleichzeitig mahnt sie an, dass Strafverfolgungsbehörden ausreichend ausgestattet und Anzeigeverfahren einfacher, schneller und niedrigschwelliger gestaltet werden müssen. Denn ohne tatsächliche Konsequenzen nützen auch strengere Regel nur wenig.



