Eine Studie des IfW Kiel zeigt: Es hakt beim Technologietransfer in Europa. 70 Prozent der Universitäten melden keine direkte Patentaktivität.
Sie sollen eigentlich ein Ort für Innovationen und wissenschaftliche Durchbrüche sein: Universitäten. Nun zeigt die aktuelle RETHINK-GSC-Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, IfW, dass die Patentaktivitäten in Europa geografisch sehr stark konzentriert sind. Während die meisten Patente aus Großbritannien, Deutschland, Belgien und der Schweiz kommen – hier konzentrieren sich 72 Prozent alle universitären Patentanmeldungen und 74 Prozent der erteilten Patente –, zeigen 70 Prozent der europäischen Universitäten überhaupt keine Patentaktivität.
Da wundert es auch nicht, dass es keine Hochschule eines EU-Mitgliedstaats unter die Top 50 der weltweit führenden Patenthochschule geschafft hat. Lediglich Hochschulen aus Großbritannien und der Schweiz sind auf der Liste zu finden, die von den USA und China dominiert wird. Entsprechend mahnt Aleksandra Parteka, Forschungspartnerin im Projekt RETHINK-GSC an der Technischen Universität Danzig: „Die starke Polarisierung der Hochschulpatente in Europa gibt Anlass zu großer Sorge. Patente sind wichtige Instrumente für den Technologietransfer und dienen als Schlüsselindikatoren für das Wissen, das von den Universitäten auf den Markt gelangt.“
EU-Unis fallen zurück
Das Forschungsprojekt attestiert zwar einen stetigen Anstieg der Patentanmeldungen von europäischen Universitäten, international unter den Top 50 konnten sich allerdings nur die
Universität Oxford und das Imperial College London durchsetzen. Nach dem Brexit ist demnach keine Universität aus einem EU-Mitgliedstaat mehr in der Rangliste vertreten.
Unter den europäischen Einrichtungen sind drei britische und zwei Schweizer Universitäten führend, was die anhaltenden Herausforderungen für die Europäische Union bei der Umsetzung akademischer Forschung in erfolgreiche kommerzielle Anwendungen verdeutlicht, attestierten die Wissenschaftler des IfW. Bei den weltweiten Patentaktivitäten dominieren nach wie vor die Hochschulen in den USA und in China. Von den 50 Universitäten, die zwischen 2020 und 2022 weltweit an der Spitze standen, befinden sich 19 in den USA und 18 in China.
Politische Herausforderung
Die Studie hebt damit eine entscheidende politische Herausforderung hervor: die Notwendigkeit, die regionalen Unterschiede in der Innovationskapazität in der EU zu verringern und gleichzeitig die führenden Forschungsuniversitäten des Kontinents in die Lage zu versetzen, mit den innovativsten Einrichtungen der Welt zu konkurrieren.
„Das Fehlen von EU-Universitäten in der Spitzengruppe ist äußerst besorgniserregend und verheißt nichts Gutes für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas“, sagt Holger Görg, Projektleiter von RETHINK-GSC und Leiter der Forschungsgruppe Internationaler Handel und Investitionen am IfW Kiel. Angesichts drohender Handelskriege sowohl mit den USA als auch mit China müsse die EU schnell und umfassend handeln. Als Beispiele nennt Görg Forschungskooperationen mit Großbritannien, die es nach dem Brexit zu fördern gelte, sowie eine schnellere Kommerzialisierung der universitären Forschung in Europa durch weniger Bürokratie und mehr Mittel.
Umfassende Datenbasis
Die Analyse basiert auf Patentdaten von 866 Universitäten aus 31 europäischen Ländern, die seit 1980 in der Datenbank PATSTAT Global erfasst sind, und vergleicht diese mit mehr als 2.100 europäischen Universitäten, die nicht aktiv an direkten Patentaktivitäten beteiligt sind. Durch die Analyse von Daten zu akademischen Patentanmeldungen, um Trends im Zeitverlauf zu verfolgen, und durch die Einbeziehung institutioneller Merkmale – wie der Zahl der Studierenden und des akademischen Personals, geografischer Informationen und Finanzdaten – bietet die Studie eine umfassende Bewertung der Rolle, die europäische Universitäten bei der Schaffung von Wissen und Innovation spielen, sowie der Faktoren, die diese Prozesse beeinflussen.



