Internationaler Frauentag: weiblich ist anders

by | Mar 8, 2024

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Die Medizin hat zu Frauen nach wie vor eine schwierige Beziehung – egal, ob sie als Patientinnen, Ärztinnen oder Pflegekräfte in Kontakt kommen. Im Jahr 2024 eigentlich unvorstellbar.

 

Zugegeben, unter den etwa acht Milliarden Menschen auf der Welt gibt es etwas mehr Männer. Bei einem Verhältnis von 50,3 zu 49,7 Prozent ist es dennoch logisch nicht zu erklären, warum der männliche Körper in der Medizin nach wie vor das Maß aller Dinge ist – in der Diagnostik, der Behandlung und auch der Entwicklung von Therapien und Medikamenten.

Und nicht nur da: In vielen Ländern – darunter auch zahlreiche europäische Länder – war es Frauen bis ins späte neunzehnte Jahrhundert verboten, Medizin zu studieren. Und das, obwohl es vor allem die weibliche Mitglieder der Gemeinschaft waren, die altes Heil- und Pflanzenwissen über viele Generationen weitergegeben haben.

Es ist also wirklich paradox. Einerseits leiden Frauen in der Medizin an mangelnder „Gleichberechtigung“ – andererseits aber vor allem unter der „Gleichbehandlung“ mit Männern. Denn obwohl letztere in so vielen anderen Bereichen wirklich erstrebenswert wäre, ist sie es in der Gesundheitsversorgung eben nicht. Der biologisch weibliche Körper reagiert anders als der männliche – das haben Forschung und Wissenschaft mittlerweile hinreichend belegt.

Autoimmunerkrankungen oft Frauensache

So ist zum Beispiel bekannt, dass sich der weibliche Körper anders, manche Experten sagen besser, gegen Viren und Bakterien wehrt. Diese verhältnismäßig starke Immunantwort sorgt allerdings auch dafür, dass Frauen etwa vier Mal häufiger unter Autoimmunerkrankungen leiden als Männer. Warum das weibliche Immunsystem dermaßen anders reagiert, wird nach wie vor noch erforscht. Derzeit geht die Medizin jedoch davon aus, dass es an den zwei X-Chromosomen liegt. Denn dort liegt ein Großteil der Gene, die das Immunsystem regeln – und Frauen sind hier eben doppelt versorgt.

Aber auch bei anderen Erkrankungen – das hat die Corona-Pandemie gezeigt und unterstreichen auch zahlreiche Krebsarten immer wieder – gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die es allerdings nicht immer bis in die praktische Versorgung schaffen. Oder wie ist zu erklären, dass der weibliche Herzinfarkt nach wie vor deutlich seltener als solcher erkannt wird. Was medial schon vielfach diskutiert wurde, führt in der Praxis leider nach wie vor dazu, dass die Sterblichkeitsrate bei Frauen mit Herzinfarkt nach wie vor deutlich höher ist als bei Männern (35,7 versus 32,9 Prozent). Und Frauen sind auch noch immer bei großen Studien unterrepräsentiert – fachbereichsübergreifend.

Forschung kaum Interesse an reinen „Frauenkrankheiten“

Extrem wird der Geschlechterunterschied allerdings, wenn es um „reine Frauenkrankheiten“ geht. Denn obwohl knapp die Hälfte der Weltbevölkerung biologisch gesehen weiblich ist, scheint auch die Pharma-Industrie wenig(er) Interesse an diese Zielgruppe zu haben. Oder wie ist es zu erklären, dass es nach wie vor kein wirksames Medikament gegen Menstruationsbeschwerden gibt, unter denen Millionen von Frauen jeden Monat leiden. Klingt das nicht eigentlich nach einem „Blockbuster“-Medikament, wie die Pharma-Industrie jene Therapien mit jährlichem Milliardenumsatz nennen? Denn laut einer repräsentativen Befragung von Plan International aus dem Jahr 2022 nehmen 39 Prozent der Frauen während der Blutung Schmerzmittel ein, um ihren Alltag zu bewältigen. Zeigt eindeutig: Die Nachfrage wäre da. Hingegen wurden in den vergangenen 35 Jahren fast viermal so viele Fachartikel über erektile Dysfunktionen des Mannes publiziert wie über die Menstruationsschmerzen der Frau, hat die Neue Züricher Zeitung für einen Beitrag im vergangenen Jahr recherchiert.

Endometriose ist ein anderes Beispiel, dass vor allem Frauen betrifft. Bei dieser gutartigen, jedoch chronisch und vor allem schmerzhaft verlaufenden Erkrankung handelt es sich vereinfacht ausgedrückt um Gewebe, das dem der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und überall im Bauchraum wuchern kann. Und obwohl es sich dabei um die häufigste gynäkologische Erkrankung handelt, die alleine in Deutschland jede zehnte Frau betrifft, wurden in den letzten 20 Jahren nur etwa 500.000 Euro in ihre Erforschung gesteckt. Überspitzt formuliert, ruft jede einzelne Prostata im Land größeres Interesse hervor.

Männerdomäne Medizin

Frauen haben es jedoch nicht nur als Patientinnen und Forschungsobjekte in der Medizin schwer, sondern auch als Medizinerinnen und in der Pflege. Erst Anfang des Jahres haben zwei Ärztinnen aus Halle in der Mitteldeutschen Zeitung den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Ihr Vorwurf: In Kliniken herrschen nicht nur nach wie vor oft veraltete Rollenbilder, sondern offener Sexismus. Der Fachbereich der beiden Frauen: die Chirurgie, nach wie vor eine klassische Männerdomäne. Laut Ärztestatistik der Bundesärztekammer waren 2021 von knapp 40.000 fertig ausgebildeten Chirurgen nur knapp 10.000 weiblich – ein Verhältnis, das auch in anderen Ländern nur minimal besser ist.

Insgesamt habe sich das Blatt innerhalb der Kliniken allerdings gedreht, wie die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Prof. Dr. Henriette Neumeyer betont: „Immer mehr Frauen werden Ärztin in einem deutschen Krankenhaus. Ihr Anteil am gesamten medizinischen Personal lag im Jahr 2002 noch bei knapp 35 Prozent. 20 Jahre später war mit 47,1 Prozent schon fast Parität erreicht. Das Geschlechterverhältnis unter den Ärztinnen und Ärzten wird sich in absehbarer Zeit sogar komplett drehen. 73,2 Prozent der Medizin-Erstsemester waren 2021 Studentinnen, im selben Jahr waren 71 Prozent der Absolventinnen und Absolventen weiblich.“

Weniger „gleich“ sähe es hingegen in der Pflege aus. Waren 2002 noch 14,6 Prozent der Krankenpflegekräfte männlich, lag ihr Anteil auch 2022 bei nur 17,6 Prozent. Noch deutlicher wird es bei den Hebammen. Hier stieg der Anteil der männlichen Hebammen in 20 Jahren von 0,2 auf 0,4 Prozent.

Es ist 2024

Erschreckend an dieser Zusammenfassung zum internationalen Frauentag ist vor allem eines: Wirkliche Gleichberechtigung und Wertschätzung von Diversität gibt es 2024 weder in der Gesellschaft noch in der Medizin. Auch die Tatsache, dass die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DKG die Pressemitteilung zum internationalen Frauentag kommentiert, ist interessant. Denn sämtliche Themen, zu denen die DKG in den vergangenen Monaten Stellung bezogen hat, wurden immer vom Vorstandsvorsitzenden selbst mit einem Zitat oder einer Stellungnahme versehen. Das ist jetzt natürlich nur ein exemplarisches Beispiel – jedoch eines, über das man an diesem heutigen Tag einmal ausgiebiger nachdenken könnte…

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