2,4 Milliarden Euro setzen Arztpraxen pro Jahr mit IGeL-Leistung um, rechnet der IGeL-Report 2024 vor – die meisten davon mit fragwürdigem Nutzen.
Der Medizinische Dienst hat zum fünften Mal gesetzlich Versicherte zu individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), zu den Kosten und zum Umgang mit IGeL in den ärztlichen Praxen befragt. Ergebnis: Patienten werden in großem Umfang mit IGeL-Angeboten konfrontiert. Dabei gibt es allerdings auch viele Probleme, attestiert der IGeL-Report 2024. Versicherte geben aus Unwissenheit viel Geld für Leistungen aus, die wenig nützen und teilweise auch schaden können. In den Praxen wird unzureichend über IGeL aufgeklärt.
Die bevölkerungsrepräsentative Befragung hat Prof. Dr. Jonas Schreyögg, Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen der Universität Hamburg, wissenschaftlich begleitet und ausgewertet: „Unsere Studie belegt, dass gesetzlich Versicherte mindestens 2,4 Milliarden Euro für IGeL-Angebote ausgeben. Besorgniserregend ist, dass die meisten Patientinnen und Patienten viel zu wenig Wissen haben, um eine informierte Entscheidung für oder gegen eine IGeL treffen zu können.“
IGeL ein Massenphänomen
In der Befragung gab nur jeder vierte Versicherte (26 Prozent) an, gut informiert zu sein. Zwei von drei Befragten gingen zudem von der falschen Annahme aus, dass es sich bei den Selbstzahlerleistungen auch um medizinisch notwendige Leistungen handle. „Die Ergebnisse des IGeL-Reports 2024 zeigen, dass IGeL kein Randproblem sind, sondern ein Massenphänomen. Der bedrückende Befund ist, dass Patientinnen und Patienten aus Unwissenheit und Sorge um ihre Gesundheit große Summen für fragwürdige und sogar schädliche Leistungen ausgeben“, sagt Dr. Stefan Gronemeyer, Vorstandsvorsitzender Medizinischer Dienst Bund. Eine dermaßen unzureichende Aufklärung auch über mögliche Schäden der angebotenen IGeL sei nicht akzeptabel. „Die Arztpraxen sollten verpflichtet werden, unabhängige und allgemeinverständliche schriftliche Informationen in der Praxis auszulegen, wenn sie solche Leistungen anbieten.“
Potenziell schädliche IGeL unter den Topsellern
Der IGeL-Report 2024 belegt, dass in den ärztlichen Praxen in großem Umfang Leistungen verkauft werden, deren möglicher Schaden den Nutzen deutlich überwiegt: Auf Platz 1 der Top-10-Liste liegen der Ultraschall der Eierstöcke und der Gebärmutter zur Krebsfrüherkennung. Patientinnen geben dafür pro Jahr 143 Millionen Euro aus. Beides sind Leistungen, die vom IGeL Monitor mit „negativ“ und „tendenziell negativ“ bewertet werden. Bei diesen Untersuchungen kann es zu vielen falsch-positiven Ergebnissen und dadurch zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Eingriffen kommen, die den Patientinnen schaden können. Gleichzeitig ist nicht belegt, dass das Risiko an Eierstockkrebs zu sterben, damit verringert werden kann. Daher raten auch Fachgesellschaften seit Jahren davon ab, diese Leistungen anzubieten.
Auch vom AOK-Bundesverband kommt deutliche Kritik. Dort rechnet man vor, dass laut Statistischem Bundesamt bei den Hautärzten nur noch 48,6 Prozent der Gesamteinnahme aus der GKV-Abrechnung kommen. „Damit ist er inzwischen fast genauso groß wie der Anteil aus der Abrechnung von Privatleistungen – also IGeL und Abrechnungen an Privatversicherte“, kommentiert Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzendes des AOK-Bundesverbands. Sie sieht zwischen diesem Anstieg bei den Privatleistungen und den immer längeren Wartezeiten von GKV-Versicherten auf Facharzttermine einen direkten Zusammenhang: „Wenn ein Facharzt seine Zeit mit Schönheitsbehandlungen oder fragwürdigen Vorsorgeuntersuchungen ohne wissenschaftlich belegbaren Nutzen verbringt, fehlen eben Kapazitäten für die vertragsärztliche Versorgung.“
Breites Spektrum und breite Preisspanne
Der IGeL-Report 2024 zeigt, dass mit jeweils 500 Millionen Euro die höchsten Umsätze in den Fachgebieten Gynäkologie und Augenheilkunde erzielt werden. Aber auch Allgemeinmediziner (341 Millionen Euro), Orthopäden und Unfallmediziner (397 Millionen Euro) setzen hohe Summen um.
Während die häufig verkaufte Vitamin-D-Bestimmung rund 30 Euro kostet, werden bei komplexen Augenoperationen mehrere 1.000 Euro fällig. In der Liste der umsatzstärksten IGeL findet man einerseits Leistungen, die zu relativ geringen Preisen sehr häufig verkauft werden wie zum Beispiel der bereits genannte Ultraschall der Gebärmutter und Eierstöcke. Andererseits findet man Leistungen, die sehr teuer sind, aber aufgrund einer kleineren Zielgruppe seltener verkauft werden wie zum Beispiel Laser-Operationen am Auge.
Region, Geschlecht und Einkommen
Aber auch sozioökonomische Unterschiede bei der Inanspruchnahme von IGeL deckt der Report auf. In den südlichen Bundesländern (37 Prozent) werden IGeL häufiger in Anspruch genommen als in westlichen (33 Prozent), nördlichen (31 Prozent) oder östlichen (26 Prozent). Maßgeblich dafür scheinen geografisch-kulturell geprägte Präferenzen zu sein. Ein Stadt-Land-Gefälle ist nicht feststellbar.
Frauen (41 Prozent) nutzen etwa doppelt so häufig IGeL wie Männer (22 Prozent). Und die Inanspruchnahme von IGeL steigt mit zunehmendem Alter: Ab 45 Jahren nutzen jede zweite Frau und etwa jeder dritte Mann Selbstzahlerleistungen. Bis zu einem Alter von 80 Jahren bleibt dies in beiden Gruppen relativ konstant.
Bei beiden Geschlechtern zählen die meisten der in Anspruch genommenen IGeL zum Bereich der Früherkennungsuntersuchungen. Frauen nennen am häufigsten den transvaginalen Ultraschall und Männer die PSA-Bestimmung zur Früherkennung von Prostatakrebs. Die Befragungsergebnisse zeigen auch: Wer sich mehr leisten kann, bekommt IGeL häufiger angeboten und gibt dafür auch mehr Geld aus.
Evidenz meist dünn
Das Wissenschaftsteam des IGeL-Monitors bewertet zudem seit über zehn Jahren evidenzbasiert den Nutzen und Schaden von Individuellen Gesundheitsleistungen und bereitet die Informationen für die Versicherten laienverständlich auf. Ziel ist es, den Patienten eine wissenschaftsbasierte Entscheidungshilfe für oder gegen den Kauf einer IGeL anzubieten. Der IGeL-Monitor hat aktuell 56 IGeL bewertet – davon 30 Leistungen entweder mit „tendenziell negativ“ oder „negativ“. 23 IGeL haben das Ergebnis „unklar“ − das heißt für ihren Nutzen gibt es meistens keine ausreichende Evidenz. Mit „tendenziell positiv“ schneiden lediglich 3 Selbstzahlerleistungen ab; keine Leistung konnte mit „positiv“ bewertet werden. Das Wissenschaftsteam wertet bei der Analyse des Nutzen- und Schadenpotenzials nicht nur wissenschaftliche Studien aus, sondern gleicht die Ergebnisse auch mit internationalen Leitlinien ab.



